Mehr als zwei Drittel der Thailändischen Bevölkerung glauben an Geister. Und mit den Geistern ist es wie mit den Menschen: Es gibt gute und böse. Nat (Davika Hoorne) ist eine, die es gut meint: Die Gattin von March (Witsarut Himmarat) stirbt an Staubverschmutzung und kehrt als freundlicher Geist zurück – im Körper eines Staubsaugers. Während sich March rasch dankbar arrangiert, zeigt sich seine Familie – „Hör auf, mit dem Ding rumzumachen!“ – entgeistert und setzt alles daran, das seltsam beseelte Haushaltsgerät loszuwerden. Unterstützt wird die Sippe von einer skurrilen Gruppe buddhistischer Mönche. Andernorts macht der Geist eines verstorbenen Fabrikarbeiters seine Firma für seinen Tod verantwortlich und sorgt für ordentlich Chaos im Betrieb. Und ein Minister mit dunkler Vergangenheit wird von Verdrängtem unsanft heimgesucht. Getrieben von Liebe und Rachsucht, mal freundlich, mal tödlich – die Geister, die Ratchapoom Boonbunchachoke in „A Useful Ghost“ ruft, sind vielschichtig gezeichnet. Vielschichtig ist auch das Drama, das der thailändische Regisseur mit chinesischen Wurzeln hier in seinem Spielfilmdebüt auf die Leinwand wirft. Augenzwinkernd, fantasievoll und spielerisch seziert er den Geisterglauben seiner Heimat, seine Tonalität reicht von poetisch bis subversiv, von überdreht satirisch bis tief traurig – und doch inszeniert er souverän aus einem Guss. Der Regisseur haut viel raus, so wie es sich für ein Debüt gehört.
In Richard Linklaters neuem Film „Blue Moon“ finden wir uns in Sardi’s Bar am Broadway wieder. Es ist der Abend des 31. März 1943, an dem das Musical „Oklahoma“ seine Premiere feiert. Während alle wegen des überwältigenden Erfolgs fröhlich an den Tresen stürmen, schiebt einer Frust: Dem Songtexter Lorenz Hart ist nicht zum Feiern zumute. Sein langjähriger musikalischer Partner, der Komponist Richard Rodgers, hat ihn zum ersten Mal durch einen anderen Texter ersetzt, Oscar Hammerstein II. Während Hart (Ethan Hawke) auf die Premierengäste wartet, schüttet er dem Barkeeper Eddie (souverän: Bobby Cannavale) sein Herz aus, lobt sich in den höchsten Tönen und überzieht die Konkurrenz mit Spott. Er schwadroniert über die homosexuellen Subtexte in „Casablanca“ und die Schönheit halb erigierter Penisse. Er will nicht wahrhaben, dass ein solch sentimentales, Amerika verklärendes Cowboy- und Farmer-Musical wie „Oklahoma“ so gefeiert wird. Innerlich zerreißt ihn nicht nur seine Trennung von Rodgers, deren Endgültigkeit er ahnt. Zutiefst verletzt ihn auch die unerwiderte Liebe zu der 20-jährigen Schauspielschülerin Elizabeth Weinland (mit engelhaftem Charme: Margaret Qualley), die in ihm nur einen Freund sieht. Wie schon mit seiner aktuell laufenden Hommage an den Aufbruch des französischen Kinos am Ende der 1950er Jahre („Nouvelle Vague“) erweist sich Linklater auch hier als origineller Filmemacher, der die Vorlage seines (ebenfalls Oscar-nominierten) Drehbuchautoren Robert Kaplow kongenial umgesetzt hat.
Der schüchterne Colin wächst wohlbehütet auf und verguckt sich eines Tages in einer Kneipe in den älteren Biker Ray. Der steht auf Dominanz und SM-Spiele, und macht seinen jungen Liebhaber bald zu seinem untergebenen Sklaven. Colins Eltern wollen Ray kennenlernen und bringen Colin damit in unangenehme Situationen. Selbst im Subgenre queerer Spielfilme ist Harry Lightons „Pillion“ sehr ungewöhnlich und mitunter auch provokant geraten. In kaum einem anderen Film wurde die schwule Fetischszene und deren Welt aus Sado-Masochismus, Lederkult, Erniedrigungen und sexuellen Abhängigkeiten so bildlich und detailgenau dargestellt wie hier. Die Verfilmung von Adam Mars-Jones‘ Roman „Box Hill“ aus dem Jahr 2020 ist für ein aufgeschlossenes Publikum empfehlenswert.
Außerdem neu in den Ruhr-Kinos: die Tragikomödie „Calle Málaga – Ein Zuhause in Tanger“ von Maryam Touzani, die Dokumentation „Mit Hasan in Gaza“, der Horror-im-Luzxusresort-Trip „They Will Kill You“ von Kirill Sokolov, Hape Kerkelings Deutschland-Reise „Horst Schlämmer sucht das Glück“ von Sven Unterwaldt Jr. und die Freundschaftskomödie „30 and wild“ von Felix Maxim Eller. Dazu startet noch der Actioner „Shelter“ von Ric Roman Waugh.
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