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Fatma Uzun
Foto: Volker Hartmann

Eine Bühne für andere Repräsentationen

01. November 2020

Fatma Uzun gehört seit Jahren zur Leitung des Festivals Literatürk – Literaturportrait 11/20

Es gehört zur Routine bei Pressegesprächen. Die Journalisten stellen Fragen, die künstlerische Leitung gibt die Antworten. Und so referiert auch Fatma Uzun zunächst über das Programm: über das diesjährige Motto „Haste mal 'ne Zukunft“. Oder über die Autoren, die diesmal im Ruhrgebiet lesen. Die Sujets der Romane verhandeln – wie so oft in den letzten Literatürk-Ausgaben – politische Probleme wie die Repression in der Türkei oder die Gefahren des Rechtspopulismus.

++ Aktuell 5.11.: Das Festival findet nun als Digital Edition statt. Die Lesungen werden auf YouTube gezeigt. - Red. ++

Wenn Fatma Uzun über eingeladene Schriftsteller wie die türkische Dissidentin Aslı Erdoğan spricht, hakt sie nicht nur die Titel ihres Werks ab. Uzun formuliert bei diesem Pressegespräch Sätze wie: „Der Hoffnungsschimmer liegt in der Kraft des Schreibens.“ Wenig später geht es an diesem Vormittag in der Essener Volkshochschule um den Autor Ilija Trojanow, ebenfalls ein prominenter Gast des anstehenden Festivals. Trojanow taucht in seinem aktuellen Roman in die Abgründe der Autokraten Trump und Putin ein. Uzun formuliert ihren Leseeindruck: „Das, was man liest und erfährt, ist mir leicht auf den Magen geschlagen.“

Literatur kann im Magen rumoren, Hoffnung versprühen. Diese wuchtige und engagierte Literatur spiegelt sich auch im diesjährigen Programm wider, das Uzun mit ihrer Schwester Semra Uzun-Önder organisierte. So liest nicht nur zum Auftakt Aslı Erdoğan aus ihrem Roman „Das Haus aus Stein“, in dem sie eine poetische Sprache findet für das Leid, das Gefangene und Gefolterte erfuhren. Mit Cihan Acar kommt zudem eine der vielversprechendsten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nach Essen. Sein Roman „Hawaii“ greift einen Trend auf, der in den letzten Jahren zunächst von französischen Autoren wie Annie Ernaux oder Édouard Louis ausging: der belletristische Blick in die raue Lebenswelt der Arbeiterklasse. Cihan Acar schildert in seinem Debüt die Rückkehr eines gescheiterten Fußballers in seine Heimat, ein sogenannter Problembezirk in Heilbronn. Dass hier gleichzeitig die meisten Menschen mit Migrationshintergrund leben, rückt Acars Prosa umso näher an eine Lebensrealität, wie sie viele erfahren.

Literatürk setzt seit 2005 einen „Gegenakzent“

Junge, literarische Stimmen mit verschiedenen Identitäten lotst das Festivalteam bereits seit Jahren ins Ruhrgebiet. Denn gerade in Essen leben tausende Menschen mit Migrationshintergrund. Einfach sei es nicht immer, ein entsprechendes Angebot aufzustöbern, wie Uzun erzählt: „Es ist in Deutschland sehr schwer, an türkischsprachige Literatur in deutscher Übersetzung heranzukommen, oder Veranstaltungen zu finden, wo Autoren mit Migrationshintergrund eine Bühne bekommen.“ Das Projekt Literatürk etablierte daher, wie sie sagt, „Gegenakzente“.

Der Startschuss fiel im Jahr 2005. Und war natürlich mit Herausforderungen verbunden. Uzun studierte damals noch in Essen, ihre Schwester absolvierte im Kulturzentrum Grend ein Praktikum. Der Geschäftsführer dort hieß Johannes Brackmann, der die Festivalplanung mit unterstütze. So fand sich früh das Trio, das bis heute das jährliche Literaturfest organisiert. Damals schauten sie noch nach Berlin, wo beim Internationalen Literaturfestival Schriftsteller unterschiedlichster Herkunft auftraten. Ein solches Format für zunächst deutsch-türkische sowie türkische Autorinnen und Autoren wollten sie nun auch im einstigen Industriemoloch auf die Beine stellen. Später wurde das Format für Künstler aus anderen Ländern geöffnet.

Bedürfnis nach einer anderen Form der Repräsentation“

Damals erschien die Literaturlandschaft noch heterogener und weißer. „Da ist zwar immer noch viel Luft nach oben, aber das hat sich in den letzten Jahren deutlich geändert“, meint Uzun. Denn im Nachhinein entpuppte sich diese Zeit auch als heimlicher Aufbruch: Fatih Akins Film „Gegen die Wand“ gewann den Berlinale-Bären, Feridun Zaimoğlu eröffnete in seiner Erfolgsprosa eine postmigrantische Perspektive. Endlich ragte diese Lebensrealität in die deutschsprachige Belletristik. „Das waren Leuchtturmprojekte, das waren Personen mit einer gewissen Vorbildfunktion“, sagt Uzun heute. „Es gab ein Bedürfnis nach einer anderen Form der Repräsentation.“

Das Echo im Feuilleton erscheint aus heutiger Sicht irritierend: „Es wurde noch als Literatur des Anderen eingeordnet, das mit deutscher Literatur nicht viel zu tun hat“, so die gebürtige Duisburgerin. „Aber über diesen Punkt sind wir hinaus.“ Schriftsteller wie Zaimoğlu werden mittlerweile alsTeil der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur wahrgenommen. Dazu beigetragen hat auch das Festivalteam um Fatma Uzun.

Literatürk – 16. Internationales Literaturfestival | 9. - 18.11. | Digital Edition | www.youtube.com/user/literatuerkessen | literaratuerk.com

Benjamin Trilling

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