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Regisseurin Isabel Kleefeld in der Dortmunder Schauburg
Foto: Benjamin Trilling

Die Ur-Welle der #metoo-Bewegung

11. Oktober 2018

Premiere von „Aufbruch in die Freiheit“ am 9.10. in der Schauburg Dortmund – Foyer 10/18

Zwölf Monate ist es her, dass Prominente in Film und Kultur ihr Schweigen brachen. Nach und nach meldeten sich Betroffene zu Wort. Schauspieler wie Kevin Spacey oder Produzenten wie Harvey Weinstein wurde in den Medien sexueller Missbrauch und Vergewaltigungen vorgeworfen. Die #metoo-Debatte sensibilisierte durch öffentlichen Druck über den alltäglichen Sexismus.

Am 6. Juni 1971 wendete sich schon einmal eine größere Gruppe Frauen an die Öffentlichkeit: insgesamt 374 – darunter Promis wie Romy Schneider oder Senta Berger ebenso wie viele Nicht-Prominente – Frauen ließen sich für das Stern-Cover ablichten. Die Titelgeschichte: „Wir haben abgetrieben!“ war damals ein Tabubruch. Für Abtreibungen gab es Anfang der 70er-Jahre in der Bundesrepublik Haftstrafen. Das ZDF katapultiert das Publikum mit dem Film „Aufbruch in die Freiheit“ in diese Zeit zurück und erinnert an die mutigen Frauen. Am 29. Oktober strahlt das ZDF den Film aus. Eine erste Aufführung präsentierte der Stern vorab am 9. Oktober in der Dortmunder Schauburg. Unter anderem in Anwesenheit von Regisseurin Isabel Kleefeld und Hauptdarstellerin Anna Schudt.

Schudt spielt die Metzgerfrau Erika Gerlach, die auf dem Stern-Cover nicht erkennbar ist, da der Schriftzug ihr Gesicht verdeckt, so die Auslegung auf der Leinwand. Das ist natürlich künstlerische Freiheit, mit der das (vor allem weibliche) Filmteam eine Figur rekonstruiert, die prototypisch für das reaktionäre Korsett steht, in dem viele Frauen noch Anfang der 70er-Jahre steckten. So auch Erika. Ihr Frauenarzt erklärt der dreifachen Mutter, dass sie erneut schwanger ist. „Eins mehr oder weniger spielt doch in einem Metzger-Haushalt keine Rolle“, kommentiert der Mediziner plump. An Abtreibung ist für sie nicht zu denken. Ihr sittenstrenger Ehemann ist nicht mal einverstanden, dass sie verhütet und besteht auf ihre ehelichen Pflichten: Kinder aufziehen, den Haushalt machen und nebenbei im Betrieb aushelfen.

Ästhetisch entspricht „Aufbruch in die Freiheit“ den üblichen TV-Produktionen. Und geizt nicht mit klischeebeladener Ausstattung und Kulisse. Eindringlich führt der Film jedoch das repressive Klima dieser Jahre vor Augen, etwa wenn sich Erika schließlich an einen Mediziner wendet, der illegale Abtreibungen durchführt. Der pfuscht nicht nur am Fötus herum, sondern schmeißt sie während des Eingriffs aus seiner Praxis, als die Polizei vor der Tür steht. Fast verblutet Erika auf der Straße.

Für die Hausfrau ist dieser Erfahrung der Beginn, sich von den Zwängen zu emanzipieren: Sie verlässt mit den Kindern ihren Mann und zieht zu ihrer rebellischen Schwester. Gemeinsam fälschen sie die Unterschrift ihres Mannes, um eine Arbeitserlaubnis zu erhalten und damit ihre älteste Tochter aufs Gymnasium kann. Als sie auf der Straße für die Möglichkeit von Abtreibungen protestieren, ist die Ehe- und Familienkrise perfekt und wird anschließend gerichtlich ausgetragen. Erfahrungen, die auch Hauptdarstellerin Anna Schudt während der Dreharbeiten geprägt haben, wie sie an diesem Premierenabend erklärte: „Ich bin nicht jemand, die immer Fäuste für Frauen hochhält, aber dieses Thema macht mich wütend“, so die Schauspielerin. „Das betrifft uns alle, Männer und Frauen.“

Regisseurin Isabel Kleefeld hat für ihre Recherche mit AktivistInnen und WeggefährtInnen von einst gesprochen. In der Schauburg sprach sie über ihre Erkenntnisse. „Mir war nicht klar, wie rechtlos Frauen waren“, so Kleefeld. Beziehungen, Sexualität, Liebe? Ausnahmslos von Männern diktiert. Bis sich Frauen zur Wehr setzen, ein Meilenstein in der Selbstbestimmung, dem Kleefeld ein Denkmal setzen wollte: „Ich bin diesen Frauen wahnsinnig dankbar, das waren unsere Eltern“, so die Regisseurin. „Das war die erste metoo-Welle. Und das ist unser Erbe.“ Der Kampf gegen den Paragrafen 218 geht also weiter. Denn legal sind Abtreibungen in der Bundesrepublik heute noch nicht.

Benjamin Trilling

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