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Lass dich nicht knicken
Foto: Melanie Redlberger

Das Latexschwein kennt seine Menschenrechte

25. Januar 2018

Der Alltagsloser ist ein fauler Sack – Thema 02/18 Ausgeliefert

Also echt, Demütigung, das ist doch nur ein Luschen-Thema. Willkommen in der  Mimimi-Fraktion. Was soll das eigentlich sein, Demütigung? Dazu gehört nicht nur der Demütigende, der sich absichtlich über jemand anderen erhebt – sondern auch der, der sich demütigen lässt. Der den Opfer-Status annimmt. Der dem Anderen die Verantwortung für die eigene fehlende Standfestigkeit überträgt. Der eben nicht wütet, schreit, lautstark die Grenzverletzung durch den Demütigenden anklagt, das Recht auf Unversehrtheit einfordert. Sondern schweigt und leidet – und dem Demütigenden vielleicht sogar glaubt.

Die Schande ist ein schmuddeliges Nest, aber wie wunderbar kann man sich im eigenen Elend einkuscheln. Das BDSM-Subbie vermag wenigstens noch eine gewisse erotische Katharsis daraus konstruieren, Degradierung zu durchleben. Hingegen ist der Alltags-loser einfach nur ein fauler Sack. Klingt das nach Gewinner-Logik? Richtig. Du willst doch zu den Gewinnern gehören, oder etwa nicht? Also raus aus dem Opfer-Ich!

Je nach persönlicher Vorliebe gibt es verschiedene Wege zur Erleuchtung: glaubst du an die Macht des Geldes, gibt dir der Neoliberalismus das nötige Handwerkszeug an die Hand, dich in die Position des Unverwundbaren hinauf zu kämpfen. Glaubst Du an die Macht der Geschichte, machs wie die Feudalen: wer arm ist, ist selbst schuld am eigenen Elend. Auch der CDU-Generalsekretär Peter Tauber schrieb: „Wenn Sie was ordentliches gelernt haben, brauchen Sie keine drei Minijobs“.Selber schuld, wer prekär lebt, selbst schuld, wer sich davon gedemütigt fühlt. Netter formuliert, aber auch nicht so anders kommt der New Age-Buddhismus daher: Dein eigenes negatives Denken ist das, was dir wehtut, nie der Andere. Löse dich aus der Abhängigkeit von dessen Ansichten. Wer befreit denkt, braucht keine Reichtümer – hier unser Überweisungsformular.

Wer demütigt, will Verfügungsgewalt demonstrieren, dem Anderen Handlungsfähigkeit nehmen. Folge ich ihm, bestätige ich seine Überlegenheit. Ohne Kandidatinnen kein Germanys next topmodel. Ohne Sub kein Dom. Ohne Machtstrukturen in der Gesellschaft, im Betrieb, Schule oder Familie kein Forum für Demütigung. Und dennoch: Selbst wer über meinen Körper verfügt, verfügt nicht automatisch über meine Seele. Solange ich atme, bin ich selbst die Person, die eine Situation und meine Rolle darin bewertet. Selbst das devoteste Subbie geht, wenn es ihm zu bunt, pardon: blauschwarz wird. Auch das Latexschwein kennt seine Menschenrechte.

Demütigung widerspricht dem Gerechtigkeitsempfinden. Zuallererst trägt der Täter die Schuld, nicht das Opfer. Doch groß ist die Gefahr, sich zu verstricken. Du wirst Dir selbst gegenüber zum Täter, wenn Du destruktive Verhaltensweisen stillschweigend akzeptierst – sei es das böswillige Urteil eines Anderen über Dich, sei es der kriechende Verlust eigener Werte. „Selbst schuld, wer Opfer bleibt“ klingt zynisch, aber tatsächlich macht erst der Perspektivwechsel handlungsfähig.

Ausgeliefert ist niemand von uns. Unzutreffend dargestellt, nicht wahrgenommen, benachteiligt, verachtet, entrechtet, verfolgt, gequält, gefangen, gefoltert, missbraucht – ja. Aber nie zur Gänze wehrlos, und nicht gezwungen, in Demut zu verharren. Wer in Ketten liegt, dem ist der eigene Geist einziger Halt. Die Gedanken sind frei, heißt es im revolutionären Volkslied. Sorgen wir dafür, dass dies zu unserer Wahrheit wird. Nur dann können wir der lähmenden Erzählung unserer eigenen Machtlosigkeit etwas entgegen setzen.


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Melanie Redlberger

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