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Silke Niggemeier
Foto: Dana-Romina Tietjen

„Eine emanzipierte Form von Erotik“

25. Januar 2018

Sexualtherapeutin Silke Niggemeier über SM als erotische und sexuelle Praxis – Thema 02/18 Ausgeliefert

trailer: Frau Niggemeier, was ist „SMart Rhein-Ruhr e.V.“?
Silke Niggemeier: Der Verein ist 1992 aus einer gemischtgeschlechtlichen Selbsthilfegruppe für Sadomasochisten in Dortmund hervorgegangen. Zu der Zeit gab es die Vernetzungsmöglichkeit über das Internet noch nicht wie heute, Treffen wurden über Anzeigen arrangiert, alles lief sehr versteckt. „SMart“ entstand aus dem Wunsch heraus, Tabus und Vorurteile abzubauen und einen ordentlichen Verein mit Satzung, Vorstand usw. zu schaffen. Inzwischen gibt es Stammtische von Bochum über Essen und Duisburg bis Krefeld, Köln und Bonn. Eben im gesamten Rhein-Ruhr-Gebiet.

Worin besteht die Arbeit von „SMart“ konkret?
Wir haben eine Plattform geschaffen, auf der sich Menschen austauschen und fachlich korrekt informieren können, auch damit SM aus der Schmuddelecke herauskommt. Wir sind eher sozial als politisch aktiv, veranstalten Partys oder Weihnachtsfeiern. In Köln werden jeden fünften Dienstag im Monat Kulturveranstaltungen in Form von Filmvorführungen  oder Lesungen angeboten. Wir organisieren Informationsstände, wie auf dem Kölner CSD, oder bieten Fachvorträge zu verschiedenen Themen an: „Wie bastel ich eine Peitsche?“ oder „Wie fessel ich anatomisch korrekt?“. Regelmäßig laden wir Gäste ein, zum Beispiel Lydia Benecke. Das sind Aktivitäten wie in jedem anderen, klassisch-deutschen Verein auch.

Wann und wo beginnt die Geschichte von SM?
In der Moderne und der westlichen Welt liegen die Ursprünge in der schwulen Leder-Bewegung in den USA der 1960er Jahre. Deswegen sind auch viele Begriffe aus dem Englischen übernommen worden. BDSM – was SM detaillierter beschreibt – steht für „Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism“. Darüber hinaus besteht eine historische Verbindung zur AIDS-Hilfe, mit der auch heute noch viele SM-Stammtische kooperieren. Abgesehen davon ist SM schon seit Jahrtausenden Teil der menschlichen Kultur, wie Quellen belegen.

Was muss bei Erotik und Sexualität im SM-Bereich beachtet werden?
Der Grundpfeiler ist Respekt. Danach kommt ein Credo, das auch aus der Leder-Schwulenbewegung stammt. Es lautet: Safe, Sane and Consensual, kurz SSC. Also sicher, bei geistiger Gesundheit und einvernehmlich. Mit Sicherheit ist dieselbe Sicherheit gemeint, die auch bei jedem anderen Date gilt. Wer sich als Top [dominanter Part, Anm. der Redaktion] oder als Sub [sich unterwerfender Part] in eine Spielsituation begibt und nicht dafür sorgt, dass er abgesichert ist, hat ein Problem mit Sicherheit ganz allgemein. Auch hier gilt: „Trau, schau wem!“

Wie sieht so eine Absicherung aus?
Indem mich eine dritte Person covered. Dazu informiere ich vorher diese Person darüber, wo ich hingehe und melde mich auch wieder ab, wenn alles vorbei ist. Damit ist sichergestellt, dass ich aus einer Spielsituation gesund herauskomme. Meine Kontaktperson kann auch zwischendurch anrufen und fragen, ob alles ok ist. Da kann dann ein Codewort vereinbart werden. Zum Beispiel: Wenn ich „Hey Mama“ sage, weiß mein Kontakt, dass ich Hilfe benötige. Außerdem kann man sich erst mal in der Öffentlichkeit treffen, etwa beim Stammtisch. Da kann ich auch beobachten, wie der/die gewünschte Partner*in auf bestimmte Themen reagiert und ob er oder sie überhaupt öffentlich in Erscheinung tritt, das eigene Gesicht zeigt. Prinzipiell ist jeder One-Night-Stand, bei dem Fremde miteinander Vanilla-Sex haben – also Sexualität ohne SM – ebenso riskant.

Über die Praxis hinaus, was unterscheidet SM noch von „Vanilla“-Sex?
Zum SM gehört mehr als zu jeder anderen Art von Sexualität oder Erotik Kommunikation. Reden, reden, reden! So schrecklich die „Fifty Shades of Grey“-Bücher sind, dort gibt es einen Vertrag zwischen dem Top und dem Sub. Solche Verträge, die die Regeln einer Spielsituation oder Beziehung beschreiben, gibt es tatsächlich, sie sind jedoch nicht rechtlich bindend. Im Internet finden sich unzählige Varianten davon und ich rate gern dazu, sich mit so einem Vertrag mal hinzusetzen und diesen als Basis für ein Gespräch zu nehmen, was die Partner voneinander wollen, brauchen und was eben gar nicht infrage kommt.

Welche Rolle spielt Demütigung beim SM?
Demütigung ist eine Spielart von vielen und nicht unbedingt ein roter Faden im SM. Es ist nur eine der Kategorien und ähnlich wie ein Fetisch zu verstehen, z.B. verbale Erniedrigung durch den Top. Das wird vorher abgesprochen. Unterwerfung ist hingegen ein wichtiger Teil im gemeinsamen erotischen Erleben. Für Top besteht der Lustfaktor darin zu sehen, wie Sub zu Willen ist und diese*r das wiederum selbst als lustvoll erlebt. Sub verspürt eine Lust an der Unterwerfung. Der Reiz liegt besonders in der Ambivalenz zwischen der Alltagsrolle und der, die man im Spiel einnimmt. Ich sage bewusst Spiel, auch wenn das nicht alle SMler so sehen. Ich vergleiche das gerne mit einem Marathonlauf, einem Saunagang oder einer Massage. Das machen wir zum Vergnügen, auch wenn wir sonst keine Anstrengung, Hitze oder Schmerz mögen. Wir genießen die Grenzerfahrung, die körpereigenen Endorphine, das Überwinden unserer selbst. Eine solche Art Erfolgserlebnis empfinden auch viele Subs während und nach einer Session. Es gibt aber auch sogenannte Switches. Das sind Menschen, die auf beiden Seiten agieren und Lust empfinden und ihre Rolle je nach Situation oder Partner wechseln.

Wo ist der Unterschied zwischen öffentlicher Demütigung und Unterwerfung, die kaum ein Mensch als lustvoll empfindet, und privater?
Die Demütigung und Unterwerfung im SM ist nicht persönlich gemeint und hat keinerlei Folgen oder Auswirkungen auf mein Alltags-, Familien- oder Berufsleben. Alles was im Spiel passiert hat zudem einen klaren Anfang und ein klares Ende, was im Alltag eben nicht der Fall ist. Im zivilen Leben müssen wir uns vielen Sachzwängen unterwerfen die unserer Rolle, Beruf, sozialen Stellung entsprechen. Im SM kann mit diesen Rollen gespielt werden, hier ist die Unterwerfung lustvoll und sogar auch liebevoll. Der einzige Bereich in dem Unterwerfung genauso positive Wertung findet ist Glaube bzw. Religion. Dies bedeutet, das Unterwerfung im erotischen Kontext immer freiwillig ist und ein Geschenk an sich selbst und seinen Partner für einen bestimmten Zeitraum. Wer verantwortungsvoll spielt weiß um die Phasen einer solchen Begegnung. Jedes Spiel hat eine Anfangs- und eine Plateauphase sowie eine der Nachsorge. Top kümmert sich dann um Sub, erkundigt sich, wie es Sub geht, was das Spiel mit ihm oder ihr gemacht hat und ob nochmal etwas verbal reflektiert werden soll. Das ist sehr wichtig, wenn man aus diese Endorphinhagel herauskommt.

Ist der machtvolle Manager privat eher unterwürfig oder ist das nur ein Klischee?
Ich glaube, dazu gibt es keine Zahlen. Es ist ein Klischee, aber vielleicht nicht ohne Grund. Es gibt bestimmt den Manager, der sich auspeitschen lässt. Genauso wie es im Alltagsleben dominante Männer gibt, die auch in ihrem Sexualleben dominant sind. Ich kenne tatsächlich mehr Frauen in Verantwortungspositionen als Männer, die im SM Sub sind. Männer sind oft im Alltag ähnlich positioniert, wie in ihrer erotischen Rolle. Auch hier besteht ein Kontrast. Es sind meist sehr toughe Frauen, auf ihre Art Managerinnen, mit Doppelbelastung durch Familie und Berufstätigkeit, die im Alltag ständig ihren Mann stehen müssen und sich dann im privaten SM-Bereich fallen lassen können. Es ist der Spaß am Rollentausch, der selbst gewählt ist und daher als befreiend empfunden wird. Das ist für mich eine sehr emanzipierte Form von Erotik, bei der ich selbst entscheide, wann ich mich zum Spaß als „kleines Weibchen“ unterwerfe und wann ich in meinen Alltag zurückkehre, stark bin und mein Leben regiere.

Was ist mit Dominas?
Da muss zwischen klassischen Dominas und sogenannten Bizarr-Ladies unterschieden werden. Letztere haben meist auch sexuellen Körperkontakt. Klassische Dominas haben den mit ihren Kunden nicht. Da gibt es sehr tolle Frauen, die Workshops anbieten, Vorträge halten, hervorragend vernetzt sind und das privat leben. Gute Dominas benötigen viel Empathie, psychologische Grundkenntnisse und medizinisches Fachwissen um die menschliche Anatomie. Diese Kompetenzen einer guten Domina sind jeden Cent wert.

Wie hat sich die gesellschaftliche Wahrnehmung gegenüber SM in den letzten Jahren verändert?
Das Thema ist in den Medien präsenter geworden. Es gibt wunderbare Filme und Bücher, die SM authentisch schildern. Daher ist der Umgang toleranter geworden. Das gefällt nicht allen SMlern, die gerne Teil einer Randgruppe bleiben wollen. Es gibt mittlerweile sehr viele Vereine und Stammtische. Seit DSM-5 [Klassifikationssystem in der Psychiatrie] 2013 ist SM nicht mehr als krankhafte Störung aufführt. Positiv ist auch, dass man einander schneller findet durch das Internet, alles ist transparenter geworden. Das hat allerdings den Nachteil, dass bei Arbeitskolleg*innen oder Nachbar*innen schneller als früher auffallen kann, was man privat macht, siehe Facebook. Außerdem gibt es eine Flut von nur vermeintlich sachlichen Informationen im Internet. Nach „Fifty Shades of Grey“ sind alle in den Baumarkt gerannt. Dabei eignen sich Angelschnur und Kabelbinder nicht zum Fesseln.

Was wünschen Sie sich künftig für die gesellschaftliche Akzeptanz von SM?
Vorurteile abzubauen und zu zeigen, dass SM keine westliche Erfindung ist, sondern schon immer Teil der menschlichen Erotik, Sexualität und Kultur war. Für mich gehört die Information darüber auch in jeden Sexualkundeunterricht. Das Projekt „Divine Deviance“ verfolgt dieses Ziel. Es ist ein internationales Dokumentationsprojekt, das zeigen will, wie Menschen auf der ganzen Welt BDSM leben. Wir haben Kontakte in ganz Europa, nach Russland aber auch bis Australien und Nord- und Südamerika. Daraus wird ein Film und eine Webserie entstehen. Ich finde das ist großartig und verdient Unterstützung.

Was hat Sie persönlich damals dazu bewogen, öffentlich für Ihre Vorlieben einzutreten?
Ich hatte keine andere Wahl. Ich bin von jemandem geoutet worden, habe darüber meine damalige Anstellung verloren und vieles andere. Ich hatte nur die Wahl, mich für den Rest meines Lebens im dunklen Kämmerlein dafür zu schämen oder die Flucht nach vorne anzutreten und mein Gesicht zu zeigen. Und das tue ich seitdem. Außerdem machte ich in meiner sexualtherapeutischen Ausbildung die Erfahrung, dass BDSM nirgends auf den Lernplänen stand.


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smart-ev.de | Nichtkommerzieller und ehrenamtlicher Verein. Setzt sich seit über 20 Jahren für die Interessen von BDSMlern ein. Ist offen für deren Angehörige und alle am Thema BDSM interessierten.
bdsm.gedankenwege-podcast.de | Junger Podcast eines Moderatoren-Teams aus Essen, der sich sowohl theoretisch als auch praktisch ans Thema wagt.

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