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So viel wahrzunehmen …
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Das „Expanded Universe“ der Sinneswahrnehmung – Glosse

06. Februar 2020

Mehr Freude dank mehr Sinnen

Ratgeber erzählen einem immer wieder, man solle die Welt wieder sinnlicher wahrnehmen. Analog statt digital, haute cuisine statt fast food und 200 Sachen auf der Autobahn, solange man es noch kann. Die einen beschwören den Rausch, einen Kick nach dem anderen, Laser, Flammen, Kokain. Doch dies ist ein langsam aussterbendes Mantra. Achtsamkeit ist das neue Zauberwort, das Depressionen heilen, den Sex besser und Yogalehrer vor der Arbeitslosigkeit schützen soll. Einfach wieder auf seine Sinne hören oder, noch besser, jedem seiner Sinne eine besondere Freude machen.

Nach landläufiger Meinung hat der Mensch fünf Sinne: sehen, hören, tasten, schmecken, riechen. Das wussten schon die alten Griechen. Doch läuft die Meinung mal vom Land in ein Hirnforschungsinstitut, dann ist die Sache alles andere als klar. Je nachdem, wen man da fragt, hat der Mensch bis zu 20 Sinne! Ja, Dreiecke konnten sie, die Griechen, aber Neurologie war anscheinend nicht so ihre Stärke. Das klingt nach viel Arbeit, wenn man all diesen Sinnen eine Freude machen will. Muss es aber nicht sein! Wir zeigen, wie auch das „Expanded Universe“ der Sinneswahrnehmung voll auf seine Kosten kommt!

Gleichgewichtssinn: Bis ins 19. Jahrhundert hat sich das Gleichgewichtsorgan im Innenohr versteckt. Es sagt uns, ob wir stehen, liegen, uns drehen oder purzeln. Und gerade bei letzteren beiden Tätigkeiten kommt der Gleichgewichtssinn im wahrsten Wortsinn auf Touren. Wann warst du das letzte Mal auf einem Breakdance-Fahrgeschäft? Oder vielleicht gönnt man sich mal einen Parabelflug? Schon für wenige tausend Euro kann man schwerelos sein. Das ist die Habanero-Erdbeercreme-Bacon-Torte für den Gleichgewichtssinn! Wer ihm aber lieber einen entspannten, achtsamen Genuss gönnen will, dem sei ein Besuch im örtlichen S/M-Studio empfohlen. Die Damen dort hängen dich sicherlich gerne für ein paar Stunden kopfüber an die Decke. Vergewissere dich aber, dass der Haken für die Kette mit einem Qual-itätsdübel in der Decke steckt.

Selbstwahrnehmung: Dank des Propriorezeption gennannten Sinnes können wir uns auch mit geschlossenen Augen an die Nase stupsen und wissen wir, wo sich unsere Körperteile befinden (Prothesen bei vergesslichen Menschen ausgenommen). Auch diesem Sinn können wir eine kleine ausgefallene Freude schenken, etwa indem wir die Hände über Kreuz falten und versuchen, einzeln die richtigen Finger zu bewegen, indem wir uns auf unsere Hände setzen, bis sie eingeschlafen sind, oder indem wir barfuß durch die Arktis spazieren. Das Gefühl, das erste Mal wieder die Zehen zu spüren, ist einfach eine göttliche Wohltat. Aber Vorsicht: Mit etwas Pech kann man diese Erfahrung höchstens zehn Mal machen!

So ein Arktisspaziergang ist auch eine Freude für den Temperatursinn, wenngleich indirekt. Das Ding bei der Achtsamkeit ist ja bewusster Genuss: Lieber einmal die Woche eine hauchdünne Minzoblate bewusst genießen, als sich jeden Tag eimerweise die daumendicken Pfefferminztaler aus dem Discounter reinzustopfen, lautet die Devise. Wer sich nicht an den Genuss gewöhnt, kann sich intensiver an ihm erfreuen. Genauso verhält es sich mit der Temperaturwahrnehmung. Wer sich regelmäßig schockfrostet, kann den Klimawandel viel besser genießen. Wer jeden Sommertag eine neue Rekordhitze erträgt, weiß gar nicht, wie gut er es hat! Ältere Generationen mussten für diese Erfahrungen noch nach Afrika fliegen, die Umweltsäue! Wir hingegen können dank Klimaanlagen (Börsentipp: jetzt investieren!) Nordostnordnorwegen und Hurghada an einem Tag erleben!

Höchst subjektiv und indirekt erfahrbar hingegen ist unsere Zeitwahrnehmung. Wir sagen zwar, dass wir eine Zeit mit unseren (offiziellen oder heimlichen) Liebsten genießen, aber am Ende ist es ja nicht die Zeit selbst, die wir genießen, sondern die Eindrücke, die wir über Augen, Ohren, Zunge und Lippen, Hände, Innenohr und Propriorezeptoren aufnehmen. Hinzu kommt eine eher rationale als kognitive Genusswahrnehmung. Und die ist es, die uns am Ende sagt, ob das Lesen dieser Glosse eine zauberhafte oder scheußliche Zeit war.


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Marek Firlej

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