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Foto: Cristina Conti / Adobe Stock

Aufatmen dürfen

28. August 2019

Geflüchtete beraten Geflüchtete



Auch wenn Populist*innen gerne das Gegenteil behaupten: Menschen, die aus ihrem Land flüchten, haben Schreckliches erlebt und geben nicht ohne Grund ihre Heimat auf. Sie fliehen vor Krieg, Verfolgung und Tod. Sie hoffen auf Hilfe, egal, wo sie ankommen.

Doch bekommen sie hierzulande auch die Hilfe, die sie benötigen? Laut des Netzwerks Psychosozialer Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer in NRW (PSZ) nicht ausreichend. Bereits letztes Jahr bemängelte das PSZ, dass Geflüchtete in den sogenannten Anker-Zentren noch mehr unter psychischer Belastung stünden, als sie es ohnehin schon täten.

Ohne wirkliche Privatsphäre, ohne ihre Familien und ohne Gewissheit, ob sie bleiben können, verschlimmern sich bei fast allen dort Wartenden die bereits bestehenden Traumata. Bei vielen Menschen, die besonders schutzbedürftig sind, wird dies erst sehr spät in einer der wenigen psychosozialen Betreuungen festgestellt. Und auch wer es schafft, weitestgehend psychisch gesund in Deutschland anzukommen, leidet unter den Bedingungen.

Nun wird von manchen Politiker*innen gefordert, die Zahl der Abschiebungen zu erhöhen und die Verfahren zu verkürzen. Das ist nicht nur menschenverachtend, es ist auch ein beliebtes Mittel, um bestehende Probleme von sich fern zu halten. Ganz nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn.

Wer auch nur einigermaßen aufgepasst hat, wenn es um historische Zusammenhänge geht, weiß, dass dies so nicht funktioniert. Stattdessen sollten bestehende Hilfsangebote und Einrichtungen ausgebaut werden, damit Ankommende eine Möglichkeit haben, Hilfe zu finden und sich, im besten Falle, selbst zu helfen.

Was als allererstes dabei hilft, ist zu reden. Ein Projekt, das hierbei bereits für viel Aufsehen gesorgt hat, ist SoulTalk des St. Josef Krankenhauses in Schweinfurt, welches die Organisation Ärzte ohne Grenzen, als einziges Projekt hierzulande, ins Leben gerufen hat. Dort werden Geflüchtete nicht nur psychosozial beraten und versorgt, sondern selber zu Berater*innen ausgebildet. Betreut von Psychiater*innen und Psycholog*innen sind sie es dann, die mit anderen Geflüchteten in vertrauter Sprache die Gespräche führen. So sinkt durch das niederschwellige Angebot die innere Hürde, sich jemandem anzuvertrauen. Probleme können somit frühzeitig erkannt und behandelt werden. Dabei geht es um Prävention, damit Menschen, die neu angekommen sind, sofort Unterstützung erfahren und nicht erst Wochen, Monate oder gar Jahre im Stillen leiden müssen.

Was zusätzlich erfreulich ist, ist, dass SoulTalk bei seiner Crowdfunding Kampagne von so vielen Menschen unterstützt wurde, dass es sogar den 3. Preis im Crowdfunding Wettbewerb gewann und weitere Gelder in Höhe von 10.000 Euro zur Finanzierung erhielt.

Geld, das dringend benötigt wird. Nicht nur bei SoulTalk. Den meisten Einrichtungen, die helfen wollen, sind die Hände gebunden, da ihnen das Geld fehlt, um weitere Mitarbeiter*innen einzustellen.

Statt also darüber zu diskutieren, ob man Abschiebungen vereinfachen und das Alter der Strafmündigkeit herabsetzen sollte, wäre es angebrachter, die Energie und das Geld in Projekte zu investieren, die tatsächlich etwas bewegen und verändern wollen. Damit alle Menschen sicher ankommen und aufatmen können.


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