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Junge am Kanal
Foto: Brigitte Kraemer

Auf unsicherem Grund tanzt es sich am ausgelassensten

26. Januar 2012

Druckstellen-Wettbewerb rückt das Revier in den literarischen Fokus – Literatur-Portrait 02/12

Am 10. Februar ist es soweit: Die Verleihung des mittlerweile 2. Ruhrgebiets-Literaturwettbewerbs geht in der Bochumer Bibliothek des Ruhrgebiets über die Bühne. „Leb im Ballungsgebiet, das an Druckstellen wie Fallobst aussieht“, lautete diesmal das Motto, das 165 Autorinnen und Autoren inspirierte. Eine ausgedehnte Lesetour wird die Texte der vier Preisträger, aber auch die weiteren Beiträge, die es in die begleitende Anthologie geschafft haben, vorstellen. Maßgebliche Triebfeder des Wettbewerbs ist der Schauspieler Till Beckmann. „Ruhrgebiet, Literatur – beides beschäftigt mich und diese Region ist eine Fundgrube für Geschichten“, erläutert Beckmann, der sich ein Leben ohne Bücher nicht wirklich vorstellen kann: „Lesen ist wie Atmen“ für ihn, der in einem Haushalt aufwachsen durfte, in dem sogar vor dem Klo ein Bücherregal stand, das ihm Böll, Tolstoi, Trotzki, Dostojewski, Ende, Zola und „mindestens einen Meter Arbeiterliteratur“ in Griffnähe bereithielt.

„Durch bestimmte Bücher habe ich gelernt, das Ruhrgebiet mit anderen Augen zu sehen“, beschreibt Beckmann, doch eines fällt auf: „Diese Romane spielen hauptsächlich im Ruhrgebiet der 60er, 70er und 80er Jahre. Das heutige Ruhrgebiet ist in der Literatur unterrepräsentiert.“ Vor diesem Hintergrund und mit Neugier auf frische Texte über die Region hat Beckmann 2009 den ersten Wettbewerb ins Leben gerufen. „Unglaublich viele Menschen schreiben hier ambitioniert. Diesen Menschen wollte ich eine Plattform bieten, abseits von Blogs und Poetry Slams.“

Dass Till Beckmann als echtes Ruhrpott-Kind einen engen Bezug zur Region verspürt, wundert nicht. Doch was hat die Preisträger dazu bewogen, sich literarisch hier zu verorten?

Michael Spyra
Da ist zum Beispiel der 1983 in Aschersleben geborene Michael Spyra, der am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studierte und in Flensburg lebt und sich gemeinsam mit Selin Gerlek den dritten Preis teilt: „Vor dem Wettbewerb gab es keinen Bezug zum Ruhrgebiet; zumindest nicht zu ‚dem Ruhrgebiet‘. Ich glaube nämlich, dass es kaum einen Menschen in Deutschland gibt, der keinen Bezug zum Ruhrgebiet hat; ob dieser Bezug sich nun medienbegleitend entwickelt hat, ein phantastischer oder real-tatsächlicher Bezug mit Anwesenheitspflicht ist. Dabei ist das Ruhrgebiet wie DIE Reeperbahn, DER Kiez oder DAS Völkerschlachtdenkmal, es steckt in jedem, jeder hat das Bild davon im Kopf. Ich schreibe aber auch selten Texte, die sich auf einen bestimmten Ort beziehen“, schränkt Spyra ein, „der Rezipient des Textes setzt schließlich jeden Baustein mit seinen eigenen literarischen Erfahrungen, seiner Literarisierung in Bezug. Diesen Prozess der aktiven Überführung des Textes in einen individuell literarischen Kontext möchte ich so frei wie möglich halten. Das heißt nicht, dass ich nicht klare Vorstellungen von den Figuren und Situationen meines Textes habe. Für mich war klar, dass der Text ins Rennen um den Preis gehört, weil das Gedicht, welches ich als erster Leser darin finde, eben doch sehr eng mit meinen Vorstellungen vom Ruhrgebiet zu tun hat.“

Ob das Ruhrgebiet als literarischer Ort etwas Besonderes ist, vermag der Autor allerdings nicht zu sagen: „Das weiß ich nicht, weil ich keine Erfahrung mit dem Ruhrgebiet als realen Ort habe. Ich glaube, hier könnte einfach alles passieren und Menschen bemühen sich darum. Es gibt ein Ringen, einen Kampf zwischen Aufgabe und Verfall und dem Wieder-auf-die-Füße-Kommen. Mit meinem Text hoffe ich, an einer Art Erinnerungs- und Gedächtnisarbeit zu wirken; ganz egal wie diese konkret funktioniert. Erinnerung – auch wenn kein Licht daran kommen soll – ist nämlich für das Weitermachen wichtig.“

Selin Gerlek
Selin Gerlek hingegen, die sich mit Michael Spyra die dritte Stufe des Siegerpodestes teilt, ist mitten im Ruhrgebiet verwurzelt. Sie ist 1987 in Mülheim an der Ruhr geboren, „das heißt genau zwischen den großen Städten des Ruhrgebiets; egal, woran ich mich aus Kindertagen erinnere, schon nach einer Minute kann ich mindestens 20 Gärten, Parks, Wälder oder Seen in verschiedenen Städten des Ruhrgebiets aufzählen, in die mich meine Eltern mitnahmen. Ebenso erinnere ich mich jedoch an Zug- und Bahnfahrten, die eine ganz andere, kalte, mehr graue Kulisse zeigten. Und ich kann mich daran erinnern, wie mir als Siebzehnjährige ein Bekannter aus Berlin noch kaum aus dem Zug gestiegen erzählte, dass er auf der Zugfahrt hierher nicht schlecht gestaunt habe: Das Ruhrgebiet unterscheide sich tatsächlich von anderen Gebieten der Bundesrepublik, und das nur aufgrund dessen, was von der Zugfahrt aus zu beobachten war. Ich war etwas schockiert darüber, durch einen Außenstehenden feststellen zu müssen, dass es etwas Besonderes sein könnte, im Revier aufgewachsen zu sein.

Mülheim wird auch die Lunge des Ruhrgebiets genannt; und dennoch fährt man mit dem Zug in diese Stadt ein und sieht nur Gleise und Hochhäuser, hässlich grau. Wunderbare Kontraste. Also ja, klar, ich habe einen spannenden Bezug zum Ruhrgebiet, und zwar schon sehr sehr lange. Und nein, das Ruhrgebiet ist nicht der Schwerpunkt meiner Texte. Es gibt keinen inhaltlichen Schwerpunkt meiner Texte. Wichtig ist mir zwar immer ein reflexiver Umgang mit Sprache, aber autopoetisch gesprochen kann ich mir keinen Text-Steller vorstellen, der nicht in die Definition von ‚Text‘ auch eine Reflexion über Text mit hinein nähme.“

In literarischen Werken fand die Studentin der Komparatistik Entsprechungen der zahlreichen Zugfahrten, die sie zwischen den Revierstädten unternahm: „In der Zeit seit meiner Kindheit gab es verschiedenste, zufällige Ereignisse, die mich über das Revier haben nachdenken lassen, besonders in der Retrospektive. Ob im Bezug auf mich als Schülerin, die in der Oberstufenzeit dankbar war, Fehlstunden haben zu dürfen, um von Stadt zu Stadt zu fahren und dort in Cafés, Ausstellungen, an die Universitäten zu gehen; mit dem grandiosen Schülerticket konnte ich im ganzen VRR-Gebiet umsonst pendeln. Als Studentin war ich fasziniert vom literarischen Motiv des Zugfahrens; ob ‚Nachtzug nach Lissabon‘ oder ‚Reise im Mondlicht‘, es gibt so viele dichte Bilder zum Reisen im Zug; ich habe mich oft literarisch gefühlt, nur weil ich Zug fuhr, jeden Tag. Auch heute kann das noch passieren. Aber mittlerweile pendle ich mehrmals die Woche von Mülheim aus nach Bochum oder Hagen, und das ist besonders in den Wintermonaten kräftezehrend; es machen sich so auch viele negative Assoziationen mit dem Ruhrgebiet bemerkbar. Auch das reflektiere ich. So zum Beispiel in ‚EinLeuchtendes‘; denn Auslöser war ein Mittag, an dem ich am Bahnsteig stand, wartend, bestimmt 15 min auf einen dieser ewig-verspäteten Züge … Da lag eine wunderschöne, aber langweilig-graue Taube. Ich war an diesem Morgen sehr glücklich, das weiß ich noch, fand einen Brief im Briefkasten und stand mit Brezel am Gleis. Das Wetter war grau, aber durch das innere Leuchten sah ich beinah eine gestürzte Nike, so wunderschön, mit perfekten Flügeln. Im Kontrast zum Ruhrgebiet entstand dann ‚EinLeuchtendes‘. Witziges Detail übrigens: Am selben Tag wurde ich auf den Wettbewerb aufmerksam gemacht! Ich hatte eben erst das Gedicht in Reinform in mein Heft übertragen.“

Letztlich jedoch nimmt Gerlek ein wenig Abstand vom lokalen Bezug: „Niemand wird in meinen Texten eine explizite Auseinandersetzung mit dem Ruhrgebiet auffinden können. Ich spreche die Dinge ungern in klaren Worten aus, wenn es um Erfahrungen geht. Ich verleihe lieber inneren Ereignissen eine Bedeutung und versuche sie mit allen möglichen Mitteln zu verdichten; und selbst das ist noch zu einengend beschrieben.“

Artur Krutsch
Der Träger des zweiten Preises wirkt dagegen eher wie ein Neuling im Ruhrgebiet. Artur Krutsch, geboren 1987 in Kirgisistan, wuchs in Westfalen auf. Seit 2008 studiert er Fotografie in Dortmund. In diesem Jahr zieht es ihn ebenfalls ans Deutsche Literaturinstitut Leipzig. Auch, wenn er für das Literaturstudium dem Revier wieder den Rücken kehrt, hat doch hier sein Schreiben den Anfang genommen: „Seit fast fünf Jahren lebe und studiere ich im Ruhrgebiet, genauso lange schreibe ich. Es ist ganz natürlich, über das zu schreiben, was man sieht und erlebt. Die Anfänge des Schreibens sind unbefangen und so spielen fast alle meine Texte im Revier, ohne zwanghaft das Ruhrgebiet zu thematisieren, auch ohne jegliche Ortsangabe.

Erst im Laufe der Zeit, als ich anfing, mehr zu lesen und mich mit Literatur der Gegenwart zu beschäftigen, fiel mir auf, dass das Ruhrgebiet literarisch weitestgehend unerschlossen ist. Gewiss gibt es ein paar Böll-Zitate, viele mittelmäßige Krimis und Texte über Kumpels, Schrebergärten und Currywürste, aber mehr ist mir – und ich glaube auch der breiten Öffentlichkeit – nicht bekannt. (Zugegeben: Ich bin in keiner Szene und kein Kenner des Literaturbetriebs). Warum ist das so? Vermutlich, weil kein junger Mensch, der beschließt, Schriftsteller zu werden, ins Ruhrgebiet zieht und die, die hier aufgewachsen und nach Berlin gezogen sind, sich hüten werden, über ihre ‚Kindheit im Pott‘ zu schreiben.

Dabei bin ich von dem Potential des Reviers überzeugt. Es ist ein dichter Ort, in dem komplexe Lebensräume und Strukturen entstanden sind, die es zu erkunden gilt. Es gibt viele Menschen mit unterschiedlichsten Gründen, warum sie hier gelandet sind. Sie haben Hoffnungen, Sorgen und Träume und meist wollen sie wieder weg – Geschichten, die man erzählen sollte.“

Marie-Christin Fuchs
Gewinnerin des Wettbewerbs ist die 1978 im Sauerland geborene Marie-Christin Fuchs. Als freie Autorin lebt sie in Hamburg und arbeitet an ihrem ersten Kriminalroman. Ein Ruhrgebietsbezug findet sich in ihrer Familiengeschichte:

„Meine Eltern haben sich im Sauerland kennen gelernt. Eine komische Geschichte – die ich ein andermal erzählen werde. Aber das Verrückte ist, dass sie sich schon früher hätten kennen lernen können. Mein Großvater väterlicherseits kam aus Castrop-Rauxel, hat eine Frau aus Dinkelsbühl, Franken geheiratet. Dort ist mein Vater geboren, mitten in Fachwerk- und Kopfsteinpflasterromantik. Mit sechs Jahren ging es dann ins Ruhrgebiet, Castrop-Rauxel, Zechensiedlung. Wenig Fachwerk, eine schwerer zu entdeckende Form von Romantik. Ich meine, es war 1953. Meine Oma mütterlicherseits hat einen Mann aus Castrop-Rauxel geheiratet und sie sind nach Oldenburg in Oldenburg gezogen. Plattes Land. So ist meine Mutter groß geworden. Weiter Himmel, plattes Land, Bretterhütte und eine Menge Probleme. Auch das ist aber eine andere Geschichte.

Aber die Oma und der Opa meiner Mutter lebten in Castrop-Rauxel, dahin ging es in den Ferien. Ein ebenfalls weiter Himmel, aber schwerer, nicht so windsaubergepustet wie in Oldenburg. Man konnte die Wäsche nicht nach draußen hängen. Ein Onkel muss sich vom Zechenturm zu Tode gestürzt haben. Sie waren zur gleichen Zeit da, nur wenige Straßen voneinander entfernt. Vielleicht gab es ja doch einen Blick. Der nur in der Kindererinnerung verschwunden ist. Ich mag das glauben. Ich habe meine Großväter nie kennen gelernt. Auch Geschichten wurden wenig erzählt. Aber in der Grundschule gab es einen Film über Kohleabbau. Gehörte auch im Sauerland zum Lehrplan. Dort stiegen müde Männer mit schwarz verschmierten Gesichtern aus einem Korb. Ich habe allen erzählt, dass das meine Großväter sind. Damals hab ich das gewusst, heute mag ich das nur noch glauben.“

Die Inspiration für ihren Siegertext fand Fuchs allerdings in der Ferne: „Ich war im Mai in Italien auf einem Berg. Ungelogen: Dort wohnte ein müder Mann, der mal Bergbauingenieur gewesen war. Und Kunst machte. Der wollte mich beeindrucken, oder die Welt und den Tod, und erzählte davon, wie die leeren Stollen unter dem Ruhrgebiet mit Wasser voll laufen könnten oder wegbrechen würden, und wie der Sand rieselte. Er erzählte es ganz cool, so wie Astrophysiker über die Wahrscheinlichkeit eines Meteoriteneinschlages sprechen – als ob Meteoriten sich an Wahrscheinlichkeiten halten würden. Er erzählte mir davon, wie das Ruhrgebiet, die Zechen meiner Großväter, verschwinden würden. Weg – irgendwann. Ich habe dann an die Sandkastenhöhlen und Gänge gedacht, die immer irgendwann über meinen Playmobilfiguren einstürzten.

Und da ich schon in Italien war, habe ich viele Bilder gesehen, und auf den Bildern waren Heilige und ich habe die Geschichten nachgelesen oder sie mir erzählen lassen. Auch die des heiligen Antonius. Und ich habe mich gefragt, da er ja unter anderem (und da sind die Heiligen immens praktisch eingeteilt) für das Finden verlorener Sachen zuständig ist, ob er auch meine verschütteten Playmobilfiguren auftauchen lassen könnte.“

‚Heiliger Antonius, du kreuzbraver Mann, führ mich dahin, wo ich meine …’ Die Faszination des Ruhrgebietes, dieses besondere Heimatgefühl, findet die Autorin in den Erinnerungen ihres Vaters: „Als ich vor einigen Jahren mit meinen Eltern und meinem Freund dort war – ihm, dem Hamburger, den Pott zeigen wollend –, hielten wir natürlich in Castrop-Rauxel. Wir standen vor dem Haus, in dem mein Vater zwölf Jahre oder länger gelebt hat. Es war nicht mehr grau, sondern weiß gestrichen, und mein Vater versuchte deutlich zu machen, dass das aber nicht echt war. Vor der Bude, wo er, wenn es denn dann Groschen gab, Süßigkeiten gekauft hatte, schrumpfte er und wurde langsam kleiner, jünger. Als wir in Dinkelsbühl, Franken waren, passierte das nicht. Sowas passiert nur da, wo man zu Hause war. Auf den Schornsteinen tanzten auf der Rückfahrt kleine Feuer. Ein literarischer Ort – vielleicht, weil er so voller Vergangenem ist, weil in ihm jemand wie der Heilige Antonius nicht nur nach Playmobilfiguren, sondern vielmehr auch nach dem Wiederfinden von Heimat gebeten werden kann. Auf unsicherem Grund tanzt es sich aber auch am ausgelassensten. Aber wahrscheinlich weiß ich auch einfach nicht, was ein literarischer Ort ist.“

Anthologie: Druckstellen | Herausgeber: Till Beckmann und Kathrin Butt | Klartext Verlag | 100 Seiten | 9,95 Euro

Februar-Termine der Lesetour:

10.02. Bochum – Bibliothek des Ruhrgebiets

14.02. Dortmund – Ekamina im Sissikingkong

17.02. Dortmund – Buchhandlung Transfer

18.02. Castrop-Rauxel – Bahia de Cochinos

24.02. Herne – Alte Druckerei 1926

25.02. Bochum – Buchhandlung Napp

Weitere Info: www.druckstellen.info

Frank Schorneck

Literatur.