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Rüdiger Schmidt-Sodingen

Jäger der verlorenen Schätze

27. Oktober 2021

Die Geschichte der Kinos muss besser erforschbar sein – Vorspann 11/21

„Das ist das Kino, in dem ich vor 40 Jahren ‚Jäger des verlorenen Schatzes‘ sah.“ „Das Kino werde ich nie vergessen. Hierhin nahm mich mein Vater das erste Mal mit, um einen Film zu gucken.“ „Im großen Saal habe ich praktisch alle Star-Wars- und Disney-Filme gesehen.“ „Hier arbeitete meine Tante und ließ mich zwischendurch immer mal umsonst rein – auch in Filme, für die ich noch viel zu jung war.“

Wer sich durch die wunderbare Website cinematreasures.org klickt, kann sich in alte und noch betriebene Kinos in der ganzen Welt begeben. Mit vielen Fotos und Kurzbeschreibungen, aber auch mit zahllosen, sehr persönlichen User-Kommentaren. Einige Leser berichten davon, welche Filme sie konkret mit dem Kino verbinden, andere schwärmen von ihrer Jugend, dem Treffpunkt-Charakter, der ersten Liebe, den Straßen und Orten in der Nähe.

Während allein für die USA über 37.000 Theater gelistet sind, darunter auch die knapp 4.000 längst verschwundenen Drive-Ins der 1950er und 1960er Jahre, sind es für Deutschland gerade einmal 895. Immerhin hat sich der hauptberufliche Winzer und leidenschaftliche Kinofan Klaus Weber mit allekinos.com vor Jahren schon an die Sisyphusarbeit gemacht, alle knapp 10.000 Kinoadressen in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu ermitteln.

Klickt man sich auf cinematreasures.org durch die US-Kinos und danach durch die Deutschland-Einträge, wird eines klar: In den USA laden User neben Fotos auch unzählige alte Kinoanzeigen und Spielpläne hoch, tippen gar ganze Jahresprogramme ein, was die Bedeutung einzelner Kinos noch anschaulicher macht. In Deutschland stehen wir da vor einem Problem. Zwar haben auch hier einige wenige Menschen vielleicht Kinoprogramme gesammelt oder ausgeschnitten, aber es sind vor allem die hiesigen Zeitungen und Archive, die eine breitere Kinoforschung unmöglich machen.

Immer noch geben die deutschen Zeitungen, von kleinen Dorfgazetten bis zu den großen Stadtzeitungen, keinen Einblick in ihre Archive. Nur in einigen wenigen Fällen werden Bestände endlich digitalisiert und dann für ein paar Abonnenten zugänglich gemacht. In den USA hat die Website newspapers.com längst verstanden, dass die Zukunft eben auch in der Vergangenheit liegt. Durch knapp 21.000 Zeitungen aus 250 Jahren kann man hier reisen – und eben auch viele alte Kinoanzeigen und Besprechungen finden.

Von den hinteren Seiten mit den Anzeigen blättert man irgendwann nach vorne – und kann von der Mondlandung, vom Krieg, vom Wilden Westen, von kleinen und großen geschichtlichen Ereignissen lesen. Weiter hinten findet man dann die Film- und Theaterkritiken, dann die Trauer-, Geschäfts- und Kinoanzeigen. Man erkennt praktisch von selbst, wie sehr das Kino als Versammlungsort und „Altar städtischer Träume“, wie es der Kritiker Roger Ebert einmal schrieb, zu einer gelungenen Lebensreflexion gehörte und gehört.

Rüdiger Schmidt-Sodingen

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