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Statt eines überhitzten Zugabteils
Foto: Herby (Herbert) Me/fotolia.com

Suche nettes Plätzchen, biete Rente

28. Juni 2018

Worauf es wirklich ankommt im Alter – Thema 07/18 Ewig Jung

Was haben Lilo Wanders, Günther Jauch und Donald Trump gemeinsam? Sie wollen mit ziemlicher Sicherheit alle genau so weiterleben wie bisher. Am liebsten bis ins hohe Alter. Ein bisschen Selbstbestimmung am Ende des Lebens: ja bitte, aber noch große Sprünge machen: nein danke. Mit 20 mag man glauben, dass man sich als lustiger Senior die ganze Welt erobern wird, mit 30 denkt man dran, dass man im Rentenalter endlich Zeit hat, das Proseminar Mittelhochdeutsch und andere fundamentale Aspekte der Persönlichkeitsbildung nachzuholen, und mit 40 wird einem klar, dass man sich wohl kaum noch freiwillig ändern wird. Nichts kennt man so gut wie die eigenen Eigenheiten, die Macken sind nunmal drin. Der dringlichste Wunsch des alternden Menschen ist also, ein Plätzchen zu haben, wo er so sein darf, wie er ist. Mein Gott, wollen wir das nicht alle? Schon unser Leben lang? Sag ich ja – nichts ändert sich.

Während ich so vor mich hin sinniere, sitzt eine Bande rüstiger Rentnerinnen neben mir im Zug. Flotte Shirts zu sauberen Jeans, Glitzersneakers und künstliche Fingernägel, volles Make-up und iPhones. Eigentlich hat keine von ihnen Lust aufs Rommé spielen, aber sie tun es, weil die Zeit dadurch besser vergeht. Diese Art Genügsamkeit muss man sich erst mal drauf schaffen. Kann schon mal ein paar Jahrzehnte dauern. Dass Gesellschaft da ist, ist wichtiger, als wer es ist, die Zeit vertreibt man sich möglichst angenehm, auch über einen altbekannten Witz amüsiert man sich dankbar – alles, was Spaß macht, hält jung, wusste schon Curd Jürgens. Solange die Gesundheit mitspielt, solange man beweglich bleibt, kann man es so fast überall aushalten, ob im betreuten Wohnen oder im Altersheim, ja sogar im überhitzten und überbelegten Intercity nach Köln.

Aber was, wenn die Beine nicht mehr mitmachen? Oder der Kopf? Egal wo es hakt, die Selbstbestimmung endet dann, wenn der Geldbeutel leer ist ‒ ob es um die Finanzierung des Pflegediensts in der eigenen Wohnung oder die Ausstattung des Altersheims geht. Und: wer seine Kinder zu Individualisten erzogen hat, möchte jetzt vielleicht gar nicht in der Familie gepflegt werden. Wenn schon Bettpfanne, dann lieber von jemand Fremden gereicht. Oder andersherum: den ganzen Tag sinnlos herumsitzen, warten aufs Kind, und wenn es dann vorbei kommt, kann es, egal was es tut oder sagt, den eigenen Ansprüchen nicht genügen – denn was man wirklich will, ist wieder jung sein. Da hilft dann auch das bemühteste Kind und der luxuriöseste Seniorenstift nichts. Gut die Hälfte der pflegebedürftigen Alten in Deutschland werden von Angehörigen versorgt, knapp die Hälfte dieser pflegenden Angehörigen leidet an Depressionen oder anderen psychischen Problemen. Dabei heißt es doch immer, wir könnten so wunderbar vom Wissen und von den Erfahrungen der alten Menschen profitieren. Irgendwas läuft hier ordentlich daneben. Wieso machen wir es alten Menschen und auch ihren pflegenden Angehörigen in unserer Gesellschaft so schwer? Wir sollten doch wissen, dass jede Verbesserung ihrer Lebensbedingungen uns persönlich nutzen wird ‒ früher oder später.

Das letzte Wort soll die glitzerndste der alten Ladies neben mir haben. Gleich endet die Fahrt im heißen und überfüllten Zug, ich halte den Atem an. Welchen Satz voller Lebenserfahrung, voller Wissen darum, worauf es letztendlich für jeden von uns wirklich ankommt, gibt sie mir mit auf den Weg? Ich lächele sie und ihre Freundinnen fragend an. Sie grinst zurück und sagt mit extralauter Stimme: „Ich lechze nach einem Kölsch“. Tief verneige ich mich vor soviel Altersweisheit.


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Melanie Redlberger

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