Fast möchte man meinen, wir kennen das alles bereits aus dem Fernsehen oder dem Internet: Die Welt der Stars. Reichtum, Eleganz und Dekadenz. Es ist vor allem aber auch die Kehrseite dieser glamourösen Welt, die im Boulevard inszeniert wird: Fotos von Hollywood-Stars ohne Make-up, nächtlichen Eskapaden oder sonstige biographische Pannen – mit boshafter Schadenfreude wird bestaunt, wie aus den unnahbaren Figuren stinknormale, bemitleidenswerte Gestalten werden. Aber das ist nicht der bitterböse, beißende Sarkasmus, dem man Dorothy Parker zugeschrieben hat, vor dem sich nicht wenige sogar gefürchtet haben.
Eine Kostprobe der Prosa der berühmten Literaturkritikerin und Schriftstellerin gab es nun im Mülheimer Ringlokschuppen: Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „RuhrSpott“ las die Schauspielerin Sophie Rois im dort „Morgenstund hat Gift im Mund und andere New Yorker Geschichten“ von Dorothy Parker.
Man schafft es, elegant mit einer Zigarette zwischen den Lippen Konversation zu betreiben, kokettiert mit selbst entworfenen Pyjamas und liest natürlich Marcel Proust – mit scharfsinniger Beobachtungsgabe dokumentierte sie als Chronistin der New Yorker Roaring Twenties die „feinen Unterschiede“, die das feine Upperclass-Milieu ausmachen. Genauso dekonstruierte sie in einer der Geschichten, die Sophie Rois vorlas, den Glamour-Faktor, wie er vermeintlich von Stars ausgehen kann. Erwartungsvoll begrüßen drei Frauen eine bekannte Schauspielerin – und wie der romantische Mythos, den sie von ihrem Idol erwarten, langsam verpufft, das beschreibt Dorothy Parker nun wirklich mit scharfem, beißenden Sarkasmus. So schildert sie, wie das Erscheinungsbild überhaupt nicht dem entspricht, was sie aus Filmen oder Bildern kennen: das Gesicht? Es ist vor allem „viel Gesicht“. Die Augen sind viel dunkler. Die Haare haben „Nuancen von ungepflegtem Trompetenblech.“ Trotzdem ist es nicht die Schadenfreude, wie wir sie aus den Boulevard-Medien kennen.
Trotz des bissigen Humors schwingt immer eine ehrliche Tragik mit, ein mitfühlender Sarkasmus: wenn die Film-Diva etwa charmant nach Brandy bettelt und sich diesen in einem Zug hinter die Binde kippt, um angetrunken zu bilanzieren: „Mein leben ist ein stinkender Haufen Mist.“ Man fühlt sich an John Cassavetes „Opening Night“ erinnert, man ahnt, was Billy Wilder vor seinem Film „Sunset Boulevard“ gelesen haben könnte.
In einem anderen Text schildert sie, wie zwei Mittelschicht-Frauen versuchen, sich in diese glamouröse Welt zu imaginieren. Beide sind Büroangestellte, eine Berufsgruppe, die so erst in diesen 20er Jahren des letzten Jahrhunderts vermehrt auftrat. Siegfried Kracauer widmete ihnen mit „Die Angestellten“ eine soziologische Studie. An Beobachtungsgabe steht Parker ihm in nichts nach, wenn sie beschreibt, wie die Frauen davon träumen, was sie mit einer Million Dollar kaufen würden, in teuren Boutiquen nach unerschwinglichen Kleidern fragen oder sich an Schaufenstern die Nasen platt drücken – oft mit feinem Scharfsinn und Spott zugleich: „sie sehen auffällig aus und billig und bezaubernd zugleich.“ Sozial sind sie heimatlos, weder ArbeiterInnen noch zugehörig zur Oberschicht, sie leben prekär und träumen von viel Geld, Schmuck und Kleidern. Das ist die Tragik hinter dem Spott. Auch das eine Kehrseite der Glamourwelt, wie wir sie kennen.
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