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Jam-Bühne als Comeback-Plattform: Wortkunst-Routinier Uli Grothoff
Foto: Ulrich Schröder

Vetorecht statt Kampfabstimmung

21. Januar 2016

Poetry Jam im subrosa: Lyrik und Slam-Texte ohne Konkurrenzgetöse – Literatur 01/16

Seit über 15 Jahren schon moderiert der Dortmunder Social-Beat-Autor Grobilyn Marlowe den Poetry Jam in der Nordstadt-Kneipe subrosa. Von einigen Aufs und Abs weiß der ehemalige Kulturredakteur des Straßenmagazins BODO zu berichten: Die Zahl der Besucher schwankt gewöhnlich zwischen 60 und 80 – die der Akteure auf der offenen Poetenbühne zwischen fünf und 15. Beim jüngsten Jam am 18. Januar jedenfalls ist nicht nur das Line-Up mit sechs Teilnehmern gut bestückt – auch die etwa 60 Gäste sind gut drauf und genießen die im Vergleich zu so manchem konkurrenzorientierten „Slam“ entspannte Atmosphäre.

Der monatlich stattfindende Jam wurde 1996 vom „Dortmunder Dada-Dichter“ Jürgen „Kalle“ Wiersch, subrosa-Wirt Cornel sowie Michael Batt vom Kulturbüro und der VHS Dortmund im Zuge der „gerade nach Europa schwappenden Slam-Welle“ ins Leben gerufen worden, berichtet Grobilyn Marlowe dem trailer-ruhr-Magazin. Als Moderator beerbte er bereits im Jahr 2000 seinen „leider viel zu früh verstorbenen“ Vorgänger Kalle Wiersch – ein „großer Wortkünstler, der viele AutorInnenn sehr herzlich unterstützt, gefördert und ihnen auch oft in Privatworkshops andere literarische Perspektiven eröffnet hat“. Neben seiner Menschenfreundlichkeit haben, so Marlowe, Wierschs „Affinität zu Jazzmusikern und Dadaisten“ das Veranstaltungsformat geprägt und „den ‚Jamcharakter‘ in den Vordergrund rücken lassen“.

Statt der slamtypischen ‚Kampfabstimmungen‘ wird dem Publikum beim Jam lediglich ein Vetorecht eingeräumt: Auf den Tischen liegen ‚Rote Karten‘, mit denen ein Jammer gestoppt werden kann, der das Vortragslimit von fünf Minuten exzessiv überschreitet. Die von Kalle Wiersch eingeführten Karten kommen bei Grobilyn Marlowe, auch Grobi genannt, jedoch „so gut wie nicht mehr vor, da die meisten Autoren sich an das vorgegebene Zeitlimit halten“, so der Moderator – und bevor sich jemand verliere, stoppe er ihn. Dies komme jedoch höchst selten vor: „Bisher mussten wir einem einzigen Autoren den Strom abstellen, da er partout nicht aufhören wollte mit seiner Ego-Show – da haben auch die Roten Karten nichts genutzt...“.

An die Art seines Vorgängers knüpft er jedenfalls auch an diesem Abend in vielen Punkten nahtlos an und richtet in seinem Opener „Gutmensch reloaded“ einen ironischen Blick auf die abwertend-inflationäre Verwendung des ‚Unworts des Jahres‘: „Geboren einst aus Lichterketten / Muss er jetzt alles Gute retten.“ Als „soziokultureller Linguist“ moderiert er dann Florian Stein als ersten Teilnehmer an, der zunächst die Winzigkeit von Sicherheitskräften aus der Vogelperspektive von einem illegal erkletterten Förderturm portraitiert. Es sei „Zeit sich zu erheben“ und sich zu verändern, zu bewegen – im Angesicht der „Angst, irgendwann zu sterben, ohne je richtig gelebt zu haben.“ Am Ende klingelt den Zuschauern im gerammelt vollen subrosa der lautstarke Appell in den Ohren: „Lebe, lebe – liebe – lebe, stirb…“ „Das war „beat generation“, mein Freund“, lautet Grobis Abmoderation.

Es geht Schlag auf Schlag: Sofort entert der Lyriker Michael Domas die Jam-Bühne und führt mit einem poetischen „memento mori“ den existentialistischen Duktus seines Vorgängers fort: „Eines Tages werdet Ihr alt sein…“. Domas „flötet ganz viel Goethe“ – zumindest indirekt, indem sich seine lyrische Pastiche beispielsweise mit einem „Quick-Sonett“ gerne an Klassikern abarbeitet. Thematisch setzt er sich zudem altmeisterlich mit Geschlechterrollen auseinander – so etwa in einem prosalyrischen Text über eine Frau, die versucht, ihren Gatten zu ändern. Michael Domas „jammt“ (zuweilen auch metapoetisch) auf hohem Niveau – und die überwiegend jungen Zuschauer lauschen andächtig seinen Versen. „Wir haben Dir das intelligenteste Publikum aus Dortmund besorgt“, kommentiert Grobi abschließend flapsig.

Zurecht bezeichnet der ehemalige Literatur-Mäzen Klaus alias Scheich Hoffmann das subrosa als „geilste Kneipe am Rande des Universums“. Bergeweise häuft Hoffmann darauf Textstapel auf die Bühne um sich etwa sarkastisch über „Jagd & Hund“-Messen in der Westfalenhalle zu amüsieren. Zum angekündigten Vortrag aus einem Roman mit dem Titel „Die Entführung des Preispudels Adele“ jedenfalls kommt es nicht. Das tolerante Publikum nimmt’s gelassen und murrt auch nicht, als Hoffmann anfangs kurz auf die ‚Silvester-Übergriffe‘ zu sprechen kommt: „Wenn nach dieser Geschichte alle Muslime Vergewaltiger sein sollen, dann sind auch alle Katholiken Kinderficker…“ 

Die nächste Akteurin, die sich einfach nur Sabrina nennt, liest dann doch lieber vor – und zwar ihre Geschichte „Tod eines Pinschers“, deren Protagonistin gerade den Freund in die Wüste geschickt hat und beschließt, im blickdichten Tschador durch Paris zu schlendern, um vor fremder Ansprache geschützt zu sein. „I love you, Batman“, lautet schließlich der Moderatoren-Kommentar zu dieser Vision verhüllter Weiblichkeit aus Sicht eines Kindes. Am Ende geht der groteske Paris-Besuch in Schall und Rauch auf – ein Hundekampf vor einem Pariser Straßencafé sorgt für einigen Wirbel und bei der turbulenten Begegnung zwischen einer BWL-Erstsemester-Studentin und einem Börsenhai wird spürbar, wie sich wohl „Liebe auf den ersten Zusammenprall“ anfühlen muss.

Robert Girke, einer der jüngeren der sechs Poetry-Jammer dieses Abends, zeigt anhand einer „Neujahrsansprache, wie sie richtig sein sollte“, nicht nur der Politik, sondern auch dem verkorksten Jahresbeginn die Rote Karte: Lemmy und David Bowie sind tot, aber „Helene Fischer lebt immer noch…“. Der Ausblick in die politische Zukunft ist auch eher bedrückend: „Freiheiten und Werte sind wie Sauerstoff – man lernt sie nicht richtig wertschätzen, bis sie weg sind.“ Oder der Freiheitsbegriff werde „ad absurdum“ geführt, indem sich Einzelne die Freiheit nehmen, Nazi zu werden…Passend zu einer Tirade gegen das Freihandelsabkommen TTIP Girke zaubert überraschend einen Pflasterstein hervor, mit dem er nun einen Dialog über politische Verfehlungen zu führen beginnt. Niemand bejaht darauf seine rhetorischen Fragen, wer hier eigentlich TTIP möge und ob man wirklich „die Scheiße ins Neue Jahr mitnehmen“ wolle, bevor sein Zorn im antifaschistischen Credo kulminiert, den Rechten nicht die Straße überlassen zu wollen.

Das Klischee, dass beim Jam weniger Interaktion mit dem Publikum stattfinde als beim Slam, sucht ‚Altase‘ Uli Grothoff (52) zu widerlegen. Bei seinem Auftritt geht fast auf Tuchfühlung mit den ersten Publikumsreihen. Für Routiniers wie ihn, der früher auch Solo-Abende im „sub“ bestritt und sich heute bloß „der Uli“ nennt, eröffnet die Jam-Bühne eine ideale Wiedereinstiegsmöglichkeit als Bühnenkünstler. Sein „Comeback auf Raten“ wird an diesem Abend gefeiert – auch wenn seine sarkastische maskuline Persiflage auf „50 Shades of Grey“ eigentlich an der durchschnittlich eher um die 30 oszillierenden Altersstruktur des Publikums vorbeigeht: „Leute über 40 haben kaum noch Sex in ihrer Beziehung – außerhalb davon aber schon“, eröffnet er seinen Vortrag. Man solle seine Frau jedoch niemals im eigenen Bett betrügen, wo sich der Protagonist schließlich mit roten Würgemalen am Hals wiederfindet: „Ich hätte unserer Putzfrau Hildegard niemals gestatten sollen, mich an unser Bett zu fesseln.“ Die Sache läuft aus dem Ruder und der Arbeitgeber sieht sich plötzlich als wehrloses Opfer, denn „mit vollem Mund spricht man nicht und irgendwie waren mir auch die Hände gebunden…“. Nachdem das Ganze auch noch videogefilmt, auf YouTube gestellt und dort innerhalb von sieben Stunden 8,2 Millionen mal geklickt worden ist, muss der Vorstandsvorsitzende mehrerer Konzerne sämtliche Jobs aufgeben und seine Frau taucht in Phnom Penh unter...    

Fungiert der Jam für Uli als Comeback-Plattform, war das Format einst für Thorsten Sträter oder Tobi Katze ein Durchlauferhitzer auf dem Weg zum Promi-Status. Vielleicht könnte auch Durchstarter Florian Stein einmal dazugehören – sofern er sich die Botschaft seines Beitrags zum Auftakt der zweiten Runde des Abends nicht allzu sehr zu Herzen nimmt: „Ich will auch mal richtig kaputt sein“, ruft er refrainartig ins Publikum, „Arbeit – Arbeit – Arbeit: frei!“ Mit seinem Abgesang auf individuellen Workoholismus geht zugleich ein klares Nein zur Leistungsgesellschaft einher: „Ich habe keine Lust mehr, immer nur zu funktionieren.“ Ein lyrisches Plädoyer für Entschleunigung ist darauf auch von Michael Domas in wiederum frei vorgetragener Versform zu hören: „Harmonie will ich – nicht Kampf.“ Das lyrische Ich, das es mit seiner Liebeserklärung „nicht vergeigen“ will, schickt gleich noch einen Appell hinterher: „Fisch‘ mich aus des Lebens Hatz!“ Zuweilen passiert dies aber ganz unromantisch. So etwa bei Ex-Mäzen Klaus Hoffmann, der „vor Jahren mal 30.000 Euro geerbt“ hat – und diese fast genauso schnell wieder loswurde: „Ihr glaubt nicht, wie schnell das weg ist…“ Das zumindest gibt dem ‚Scheich‘ Zeit und Muße, um über eine Lösung der sozioökonomischen Probleme der EU zu sinnieren: „Wir kaufen den Griechen einige wenig bewohnte Inseln ab und siedeln dort dann Randgruppen an – zum Beispiel die Bundesregierung.“

Von sozialer oder individueller Dysfunktion handeln auch die folgenden Beiträge. Ein wenig angelehnt an den Stil eines Robert Gernhardt beschreibt Sabrina die Qualen eines beinahe liebevoll als „Viererbande“ titulierten Vierklang-Tinnitus: „Konnte nicht zur Arbeit geh‘n / Konnte keinen Ausweg mehr seh’n“. „Depression“ lautet die ärztliche Diagnose der Folgen des „Seelenmessers“ Tinnitus. Immerhin bringt der Leidensweg den Protagonisten zu einem klaren Selbstbekenntnis zur Transsexualität und besiegt damit seine bzw. ihre Depression. Mit ihrem Tinnitus dagegen muss sich die gewandelte Protagonistin schlichtweg abfinden… Keineswegs mit systemischen Defekten abfinden will sich dagegen Robert Girke, der das Rennen seines literarischen „alter ego“ beschreibt, um dem reißenden Lebensfluss zu entkommen – aber: „Bleiben wir stehen, werden wir Treibgut.“ Die Pathologisierung menschlicher Defizite werde in unserer Gesellschaft zunehmend zur neuen Norm: „Man ist nicht gesund – man ist ‚diagnostisch unterversorgt‘.“ Dies gelte auch für selektives Kommunikationsverhalten: „Wenn ich mit niemandem mehr rede, weil ich eingesehen habe, dass die meisten Menschen Arschlöcher sind, dann bin ich Autist…“. Übereifrig werde zwecks ‚Selbstoptimierung‘ zur Happy-Pille gegriffen: „Wir nehmen alle Pillen, weil wir zu faul sind, Probleme zu lösen. Warum Probleme akzeptieren, wenn wir sie einfach ausknipsen können?“

Zum Abschluss macht Uli Grothoff mit einem ironisch-sarkastischen „carpe diem“ noch einmal die ganz große Pandora-Büchse auf: „Lieber IS-Terrorist, ich möchte dir danken, dass du mein Leben so positiv verändert hast. Ohne dich hätte ich 'The Eagle of Death Metal' niemals kennengelernt.“ Angesichts der Aussicht, tagtäglich ‚weggesprengt‘ werden zu können, will der Protagonist fortan jeden einzelnen Tag so intensiv genießen, als wenn es der letzte wäre. Doch er weiß dieses Schicksal auch zu kommerzialisieren und beschließt, einen Versandhandel mit einer „SM-Terrorkollektion“ zu gründen: Miniatur-Sprengstoffgürtel sollen künftig als SM-Accessoires an IS-ler verschickt werden. Und dem IS-ler als solchem gibt er noch eine abschließende Frage mit auf den Weg: „Du kommst doch schon mit EINER Frau nicht zurecht – was willst du dann mit 72?“ Aber Jungfrauen gebe es ja ohnehin nicht mehr. Bleibt dem Moderator nur noch, einen guten Heimweg zu wünschen und – frei nach dem Punkrock-Literaten Jan Off – die Mitnahme von Dildos an Karneval zu waffenscheinfreien Selbstverteidigungszwecken zu empfehlen. Und Rote Karten gab‘s auch heute keine…

Ulrich Schröder

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