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Von wegen rohes Ei
Foto: Melanie Redlberger

Mit Frühstückseiern reden?

21. Dezember 2017

Versöhnung beginnt am Küchentisch – Thema 01/18 Versöhnung

Manche Menschen sagen ja, man solle nicht mit Frühstückseiern reden. Sie gar öffentlich zu Wort kommen zu lassen, sei naiv und gefährlich, die Meinungen von Frühstückseiern dürften gar nicht erst salonfähig werden. Was so ein Frühstücksei denke, sei offensichtlich menschenfeindlich und derart außerhalb demokratischer Werte,  da käme Akzeptanz oder Augenhöhe per se nicht in Frage. Die Szene der Frühstückseier würde jeden öffentlichen Auftritt als Erfolg feiern, sie würden versuchen, uns ihr Gedankengut allerorten aufzudrängen.

Andere wiederum sagen, selbst die hartgekochtesten Frühstückseier hätten ein Recht auf eine eigene Meinung. Schließlich lebten wir in einer Demokratie, und da müssten auch die mitmachen dürfen, deren Denken sich an der eigenen Stallgrenze orientiere. Und da die Eier sowieso auf allen möglichen Kanälen ihre Ideologie verbreiten würden, solle man jede Gelegenheit nutzen, sie zu entlarven. Lustig sei es zwar nicht, mit denen zu streiten, die sich gegen eine offene und freiheitliche Gesellschaft wenden. Aber nichts sagen ginge auch nicht – dann heiße es wieder, man verweigere das Gespräch, da man ihren Standpunkten nichts entgegnen könne. Besser: Ein nüchternes Entkräften, der Verweis auf den demokratischen Konsens, so käme man auch Eiern bei.

Dann gibt es noch diejenigen, die am liebsten die Eier-Guillotine zum Einsatz bringen wollen. Ihr wisst schon, die Dinger aus dem Internet, bei denen man mit einem kleinen Fallbeil die Spitze des Eis feinsäuberlich abtrennt. Das ist dann das Gegenteil von Diskussion, aber immerhin ein klares Vorgehen.

Ich persönlich habe ja einen veganen Standpunkt: Es gibt moralische Konflikte, die man sich gar nicht erst antun muss. Da macht man dann einfach nicht mit. Aber leider heißt kein hartgekochtes Frühstücksei auf meinem Tisch nicht, dass ich kein Problem hätte. Jeder Tisch steht in einem Viertel in einer Stadt in einem Land in einer Welt. Und die geht nunmal jeden an.

Apropos Welt: Vielleicht kann man tatsächlich einmal von den Amis lernen. Die haben auch so ihre Erfahrungen mit Eierköpfen. Seit einigen Jahren gibt es dort sogenannte „Living Room Conversations“, zu denen zwei Gastgeber mit gegensätzlichen politischen Meinungen jeweils ihre Freunde einladen, um dann alle zusammen über Themen wie Migration und fake news zu streiten. Ein vorprogrammierter Konflikt – der in der Feststellung münden kann, dass wir in zunehmend unterschiedlichen Narrativen leben, jenseits derer durchaus das Verbindende aufscheinen kann. Andere Initiativen heißen „Hi From the Other Side", „Mismatch", „Unbubble", und immer wieder wird der respektvolle Umgang mit Menschen anderer Meinung gesucht. Sich vorab über eigene Werte und Hoffnungen für das eigene Land verständigen und dann erst die konfliktträchtigen Themen ansprechen – allein schon dieses Vorgehen kann eine Diskussion verändern, indem es zwar nicht sofort die Meinungen, aber die Gefühle für das Gegenüber, und damit das Sprechen ändert.

Empathie für das Frühstücksei? Klingt komisch, hält einen aber immerhin davon ab, selbst zum demagogischen Eierkopf zu werden. Im amerikanischen Justizsystem müssen zwölf Geschworene zu einer einvernehmlichen Beurteilung einer Sache kommen. Diese Menschen müssen solange miteinander reden, bis sie eine gemeinsame Meinung erarbeitet haben. Das klappt nicht immer. Aber: Einfühlung UND klare Worte tun not. Damit kann, nein: muss man am eigenen Küchentisch beginnen. 


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www.bpb.de | Dossier der bpb zum Versöhnungs-Konzept zwischen verfeindeten Völkern und Volksgruppen.

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Melanie Redlberger

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