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Mittelpunkt Zeche Zollverein
Foto: © Jochen Tack / Stiftung Zollverein

Kein Abklatsch

31. August 2017

Die erste lit.Ruhr – das Besondere 09/17

Es gibt so ein Ding mit vielen Blättern, man nennt es nicht Datei, sondern Buch. Das Lesen als Lebenselixier kann darauf partout nicht verzichten, Nullen und Einsen zum Trotz, man feiert das Ding überschwänglich – in Köln. Doch das Bindestrichland ist immer auf gerechten Ausgleich bedacht – und so gibt es jetzt neben der großen lit.Cologne eine etwas kleinere Schwester, die lit.Ruhr im Ruhrgebiet. Ein neues Event, ein neues Festival, nur die Macher sind die alten. Ein internationales Literaturfestival im Grammatikoff in Duisburg, in der Zeche Bochum und im Fußballmuseum in Dortmund, Mittelpunkt ist das UNESCO-Weltkulturerbe Zeche Zollverein in Essen.

An fünf Tagen präsentiert die lit.Ruhr über 80 Veranstaltungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Und wer könnte in das Ereignis besser einführen als der alte russische Literaturtausendsassa Wladimir Kaminer? Der erzählt in Duisburg zum Auftakt „Einige Dinge, die ich über meine Frau weiß“. Erst danach wird das Festival schick im Alfried Krupp Saal der Philharmonie Essen eröffnet. Die Besucher können sich in den folgenden Tagen Norbert Lammert und Ian Kershaw sowie Claus Leggewie und Maxi Obexer anschauen und zuhören, was sie über Europa denken, oder in literarischen Einzelaspekten schwelgen. Spezial-Tipps: Sophie Rois liest Patricia Highsmith und natürlich ist der Abend wichtig, an dem Alexander Kluge Georg Baselitz trifft. Geheimnisvoll scheint die Veranstaltung „Über Unter Tage – Josefine Berkholz, Lara Hampe, Peter Lünenschloß und Ronya Othmann erkunden das Ruhrgebiet“ zu werden: Vier StudentInnen aus Leipzig haben tief im Westen das Erbe des Steinkohlebergbaus durchstreift. Bei der lit.kid.Ruhr gibt es ein Wiedersehen mit den „Tschick“-Filmhauptdarstellern Lars Hubrich und Tristan Göbel. Sie lesen gemeinsam mit Anand Batbileg, Drehbuchautor und Freund des verstorbenen Wolfgang Herrndorf, aus Roman und Drehbuch.

lit.Ruhr | 4.-8.10. | diverse Orte im Ruhrgebiet | 0211 27 40 00

Peter Ortmann
Joachim Berndt, 06.09.2017

Im Ruhrgebiet ÜBER LEBEN !

Das 'LitBüro.Ruhr' startet wieder durch mit einem literarischen Feuerwerk.

Vom 6. September bis zum 30.November. Also vor, während und nach einem neuen Großereignis im Revier, das über die jährlich hier stattfindenden ca. 800 Literaturveranstaltungen hinwegfegt, als habe es sie nie gegeben.

Die literarische Reihe ÜBER LEBEN ! ist ein guter symbolischer Anlass, an sie zu erinnern, bevor sie im hochbezahlten anderen Feuerwerk untergeht:

Eine gigantische Marketingmaschine ist für die Lit.Ruhr in Gang gesetzt und natürlich werden wunderbare Abende dabei sein mit auch unvergesslichen AutorInnen. Aber vergesst dabei nicht die 'Bauersleut', die mit oft selbstausbeuterischem Einsatz seit Jahrzehnten das Feld bestellt haben, auf dem nun ein gigantisches Labor für einige Tage eine eigene Ernte einfährt.

Und vergesst vielleicht auch nicht die letzten Stimmen unabhängiger Medien,
die sich zu einem aufgeklärten kritischen Journalismus bekennen.

Werden wir im Ruhrgebiet die 'Tonnenideologie' der ehemaligen Kohle&Stahl-Region (wie Andreas Rossmann von der FAZ es nennt), denn niemals los?

Gehören zur strukturellen Transformation einer MetropolRegion nicht auch Respekt und Demut vor der kulturpolitischen Vielfalt, die entstanden ist und weiter geschaffen wird? Sind Mitnahme und dezentrales Handeln nicht längst Selbstverständlichkeiten, wenn es um Freiheit, Gestaltung, um Demokratie und um eine selbstbestimmte Zukunft geht?

Fehlt da nicht etwas beim staatsgetragenen Wirken, etwas das umgekehrt zugleich gedemütigt und teilweise zerstört wird durch den Großeinkauf von Konzepten? Sind es nicht FakeNews vom immer gleichen Segen von oben?

Der Himmel ist längst wieder blau über der Ruhr, die Herzen vieler führenden Leute aber bleiben weiterhin grau und überschütten uns jeden Tag mit dem Staub alter Seelen, wie jung und dynamisch Marketingarbeit dabei auch aufgestellt sein mag. Wie lustlos und langweilig ist diese Arbeitsteilung zwischen Großkünstlern, die in den Kulturkathedralen durchaus neuen Zauber entfalten und den Strukturen selbst, die außerhalb und damit zugleich eben innerhalb der pulsierenden Gesellschaft Freiheit und Vielfalt mit Füßen treten.

So werden Kathedralen zu Gefängnissen und die Meister zu Domteuren.

Nun also schaut euch um und pflegt, was lebt.

Das Literaturbüro Ruhr jedenfalls startet wieder durch mit einem literarischen Feuerwerk, das im neuen grellen Licht der Lit.Ruhr nicht untergehen sollte.

Das trailer-ruhr-Magazin schreibt darüber und macht wie seit vielen Jahren gerne Lust auf das Lesen und die Kultur des Buches im Ruhrgebiet und schreibt über diejenigen, die all das immer wieder auf die Beine stellen.

Gerd Herholz, 06.09.2017

Gepanschter Wein in gebrauchtem Schlauch

Die lit.RUHR kein Abklatsch? Nun ja, in der Tat, wir kochen alle nur mit Wasser und der Literatrubel im Eventzirkus macht da keine Ausnahme. Dass in Gelsenkirchen Jungautoren von außerhalb einbezogen wurden, ist gut, aber nun wirklich nicht neu. Die Katholische Akademie Wolfsburg in Mülheim hat das vor nicht allzu langer Zeit unter dem Projekttitel „Metropolenpilger“ gemacht – und sie waren nicht die Einzigen.

Hinzu kommt: Die lit.COLOGNE-RUHR-SPEZIAL ist vor einer Woche gleich mit zwei Pressemitteilungen und Programmvorstellungen in Köln und Essen ins Festival-Windhundrennen gegangen. Wer es vom 3. bis zum 15. Oktober nicht schafft, Zadie Smith, Donna Leon, Sven Regener, Ulla Hahn, oder Uwe Timm in Köln zu erleben, kann sie im Ruhrgebiet sehen und hören. Das wird erneut all jene freuen, die im Ruhrgebiet bei einem der vielen Auftritte dieser Autoren bereits dabei waren, allein Zadie Smith war längs der Ruhr nie zu Gast.
Viele aber kennen sicher Donna Leon, die einst auch in der Stadtbücherei Gladbeck las, danach war sie u.a. mehrmals Gast von „Mord am Hellweg“. Auch Frank Witzel, Paul Ingendaay u.a. wie Robert Menasse kommen wieder ins Ruhrgebiet. Menasse etwa war bei seinen drei Auftritten für das Literaturbüro Ruhr immer ein sehr kluger, liebenswerter Gast; etwa als er seinen Essayband „Permanente Revolution der Begriffe“ im Essener Grillo-Theater vorstellte.
Besonders schön dürfte die Eröffnungsgala der lit.RUHR werden. Neben Schauspielern, einer Moderatorin und einem Sänger sind sogar zwei Literaten zu hören, einer davon Wladimir Kaminer, auch ihn dürften viele von seinen Lesungen im Ruhrgebiet kennen. Die Eintrittspreise für einen guten Platz bei der Eröffnungsgala liegen zwischen 24 und 56 Euro. Gut, dass Ruhrstiftungen die Kölner lit.RUHR mit 500.000 Euro pro Jahr sponsern, sonst hätte man da sicher viel mehr verlangen müssen.
Lust auf die lit.RUHR macht auch ein Youtube-‚Teaser‘ mit Mariele Millowitsch. Aber warum spricht sie von der lit.RUHR so, als ob die schon vorbei wäre?
https://www.youtube.com/watch?v=j2qCkKAE9SI

Wie auch immer, es geht voran! Und mit der lit.RUHR wird nun alles anders, todsicher. Wie meinte in der WAZ Essen jene ahnungslose Dr. Anne Rauhut, die die lit.COLOGNE-RUHR-SPEZIAL ins Revier holte, weil ihr in den Bemühungen der Literaturveranstalter an der Ruhr so Wichtiges fehlte:
Vieles sei „‘zu versteckt und relativ weit weg von den Menschen‘, findet Rauhut. Ein Lesefest wie die Lit.RUHR sei eine ‚gute Mischung aus Anspruch und Unterhaltung‘, eine große Bühne, auf der Fußball und Musik genauso Platz haben wie Tolstoi und Tucholsky. ‚Man muss die Hemmschwellen niedriger legen‘, meint Rauhut.“
Gratulation! Hemmschwellen niedriger legen, das ist der lit.RUHR/lit.COLOGNE gelungen. Bloß nicht weiter so.

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