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Foto: Melanie Redlberger

Der kleine, große Gott

26. Mai 2017

Über Lebensdrang und das Benehmen eines dreijährigen Kindes – THEMA 06/17 Tierisch gut

Ja, ich geb’s zu: Die Leute auf der Straße gucken mich blöd an. Könnte daran liegen, dass ich laute „Krah, krah, ack, ack“-Schreie ausstoße, sobald ein Vogel in mein Blickfeld kommt, der größer als eine Meise ist. Auch im Baumarkt rufe ich nicht mehr „SCHATZ?!?“, wenn ich Aufmerksamkeit will, sondern breite die Arme aus, drehe mich im Kreis, rucke mit dem schief gelegten Kopf und quietsche nach Leibeskräften. Wirkt immer und sofort, denn gegen Irrsinn hat keiner ein spontanes Mittel, außer einem Streicheln und einem: „Es wird alles wieder gut“. Ich habe Kakaduismus. So wie andere Leute eine „Avatar“-Depression bekommen, wenn sie beim gleichnamigen Kinofilm diese wunderschönen blauen Wesen in ihrer traumhaften Welt sehen und den Vergleich mit dem eigenen grauen Alltag nicht aushalten, so habe ich Kakaduismus. Ich bin süchtig nach dem Lebensdrang dieser Tiere, die Schönheit mit der Intelligenz eines dreijährigen Kindes kombinieren – und mit ebensolchem Benehmen.

Der Mensch an sich ist ja so drauf, dass er sich vor das Papageienviech setzt und immer, immer wieder die gleichen Worte wiederholt. Tagelang, wochenlang, geduldig oder genervt, mit und ohne Belohnungsnuss. Ist es dann so weit, dass das Tier einmal aus Versehen ein „Lora, Lora“ gluckst, triumphiert die menschliche Seele auf ganzer Linie: Hurra, er spricht mit mir, er hat mich wahrgenommen, oh Gott, der Vogel versteht mich! Und fleißig werden die nächsten Kunststückchen geübt. Heraus kommen dann semilustige YouTube-Videos mit technotanzenden Federbündeln oder Graupapageien, die ihr oktroyiertes „Du hast gepupst“ in alle Ewigkeit wiederholen. Wir sind erst zufrieden, wenn wir die Kreatur auf unsere Ebene gezogen haben.

Kühe sind zum Melken da, Rehe zum Streicheln, Bienen für deinen Honig – alles ist nur für den Menschen gemacht und wenn ein Tier einen anarchistischen Geist hat, muss man es zähmen. Dass das funktioniert, kann man sich vielleicht noch beim Durchschnittsdackel einbilden. Nicht aber bei den wahren Göttern, den Kakadus: Bei Missfallen schreien sie lauter als ein startender Düsenjet, sie zerlegen mit ihren hyperaktiven Schnäbeln während ihrer circa 60 Lebensjahre mit Leichtigkeit das Inventar mehrerer Häuser und ihre natürliche Frechheit versteckt sich nicht als Lausbubencharme. Man stelle sich vor, der Mensch würde auf gleiche Art, ebenso unverstellt, seinen Eigensinn, seine Selbstbezogenheit und Machtlust ausleben. Anstatt unsere Triebe zu verbrämen und unsere Kleingeistigkeit immer weiter zu verbreiten, lieber ein bisschen mehr Anarchie zulassen, die eigene Flügelspannweite ausprobieren und Grenzen ignorieren bis man halt irgendwo schmerzhaft anstößt – Versuch macht kluch. Laut sein, schamlos und eigensinnig, in jeder Situation probieren, wie weit man gehen kann, ohne automatische Selbstzensur. Mehr Kakaduismus für alle. Vielleicht entwickeln wir dann die innere Größe, andere Tiere nicht länger als rechtlose Objekte unseres Spiel-, Dressur- und Fresstriebs zu sehen, sondern als eigenständige Charaktere mit eigenen Bedürfnissen – das wäre eine echte Revolution. Lasst Kathedralen wachsen aus früchtetragenden Bäumen, lasst uns alle Tage schmatzend in ihren Astgabeln herumturnen. Und dann krakeelen wir laut und glücklich das Motto dieser Revolution: Käfig auf, Kralle drauf – sei wild und narrenfrei, ganz als wie ein Papagei. Denn der Irrsinn ist ohne Gegenmittel. Ack, ack.


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wdsf.eu | Wal- und Delfinschutzforum sowie gemeinnützige Organisation zum Schutz von Meeressäugern
bornfree.org.uk | Tierschutzorganisation, die im Auftrag des Netzwerks ENDCAP unter anderem den EU Zoo Report mitveröffentlichte, der 25 deutsche Einrichtungen untersuchte

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Melanie Redlberger

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