Die Erzählung in „Taubenleben“ (Aufbau Verlag) von Paulina Czienskowski beginnt mit einem HIV-Bluttest nach einem ungeschützten One Night Stand. Es folgt ein banges Warten auf den Befund, das aber nicht stilles Verharren bedeutet, sondern eine Reise auslöst in die Vergangenheit, zurück in die Kindheit und die Schlüsselmomente von Lois‘ Leben: Der Umzug in eine neue, zum Großteil noch leerstehende Hochhaussiedlung, das Spucken vom Dach mit der besten Freundin, das Aufwachsen unter ihren Eltern. Die Mutter kalt und abweisend, eher eine Anti-Mutter-Figur, und der Vater dagegen scheinbar immer bemüht, aber auch nicht fassbar. Und schließlich tot und ganz aus ihrem Leben verschwunden. Während dem Warten auf eine lebenslange Diagnose – die im Denken der Protagonistin einem Todesurteil gleicht – bewegt sich Lois zwischen Realitätsflucht und Wahrheitsfindung, zwischen Erkennen der Selbstsabotage und dem ständigen Wiederholen dieser. Mit klarer, nüchterner Sprache folgt man der unruhigen Suche in der Vergangenheit nach Frieden. Czienskowski schafft ein intensives Leseerlebnis über Tod, Identität und Trauma, immer herum um das Motiv der toten Taube als Sinnbild gescheiterter Existenzen.
Während Czienskowski mit einer gewissen Ernsthaftigkeit ihre Geschichte erzählt, scheut Leif Randt in „Allegro Pastell“ (Kiwi) nicht Ironie und jede Menge Klischees. Er erzählt in drei Abschnitten „Germany’s Next Lovestory“ – wie es im Klappentext heißt. Es geht um die Fernbeziehung im Jahr 2018 zweier Thirtysomethings, die sich als Autorin und Webdesigner verwirklichen, meditieren – aber ironisch – und sonntagnachmittags auf Drogen feiern gehen. Das High kann in Ruhe noch montags ausgekatert werden; danach wird vielleicht noch eine Runde Badminton gespielt. Betont lässig führen Tanja und Jerome ihre Beziehung und äußerst idealistisch ihr Leben – dabei steht ihre Selbstinszenierung immer im Mittelpunkt. Sie wollen keinem Klischee entsprechen, wollen keine feste Bindung eingehen, wollen nicht sein wie alle anderen – und sind doch das Sinnbild für eine privilegierte Gruppe, die Randt hier aufs Korn nimmt. Der Roman ist intelligent, witzig, manchmal absurd und doch kommen zwischen dem Zynismus auch immer wieder ganz wunderbare Momente der Zuneigung, die eine nahegehende Liebesbeziehung porträtieren. Die Mischung macht es schwer, das Buch wegzulegen – ist so eine äußerst unterhaltsame Lektüre entstanden.
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Menschen ohne Geschichte
Anna Hájková im Bochumer Fritz Bauer Forum
Träume vom Fliegen
Cécile Wajsbrot in Essen
Die Wurzeln des Islam
Mouhanad Khorchide im Essener Medienforum
Die Beste aller Welten?
Musikalische Lesung am Gelsenkirchener MiR
Lockendes Spiel
„Leichter Wahnsinn“ von Emy Koopman – Textwelten 06/26
Drei Farben zum Glück
„Zu Fuß“ von Michael Roher – Vorlesung 05/26
Nomen est omen
„Die Namen“ von Florence Knapp – Literatur 05/26
Naturforscher im Alltag
„Kinderleichte Experimente für draußen“ von Christine Sinnwell-Backes u. Timo Backes – Vorlesung 05/26
Haare zu lang, Röcke zu kurz
„Swinging Cologne“ von Stefan Winges – Textwelten 05/26
Meeresbewohner zum Anfassen
„Zusammenstecken und Entdecken: Meerestiere“ von Abigail Wheatley – Vorlesung 04/26
Neuer Bilderbuch-Klassiker
„Mit dem Sturm um die Wette rennen“ von Brian Floca und Sydney Smith – Vorlesung 04/26
Wenn Wände Ohren haben
„Engel des Verschwindens“ von Slobodan Šnajder – Literatur 04/26
Die Unendlichkeit erleben
„Liebe“ von Thomas Hettche – Textwelten 04/26
Beziehungen
„Du findest mich, wenn du willst“ von Lavinia Branişte – Literatur 03/26
Das Glück der Stiefel
„Die gelben Gummistiefel“ von Isabel Pin – Vorlesung 03/26