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Rüdiger Schmidt-Sodingen

Die Scheiben des Kinos

25. April 2023

Vom Zauber der Gebäude und Menschen – Vorspann 05/23

Nordöstlich von Canterbury liegt die kleine Küstenstadt Margate mit ihrem 2007 geschlossenen Dreamland Cinema, das Sam Mendes 2022 als „Empire“- Kino verkleidete – für seine wunderschöne Liebes- und auch Zeitgeschichte „Empire of Light“, die derzeit in den Kinos läuft.

Die Liebesgeschichte aus den 1980er Jahren mag simpel erscheinen, aber Mendes fährt eben auch durch dieses einzigartige, 1923 erbaute Varietétheater, das 1935 zum majestätischen Kino mit 2.000 Plätzen wurde. 1.328 Sitze fasste das Parkett, 722 der Balkon. Während des Zweiten Weltkriegs war das Haus 6 Jahre geschlossen. 1973 wurde der Parkett-Saal erst in ein Theater und dann in eine Bingo-Halle verwandelt, der Balkon wurde in zwei kleine Kinos mit 378 und 376 Sitzen zerteilt.

Wenn Olivia Colman in Sam Mendes‘ Film als Platzanweiserin traurig durch die Scheiben der Eingangstüren auf die Promenade und die Nordsee schaut, ist das ein Blick, den man nicht vergisst. In ihren Augen spiegelt sich neben einer unbestimmten Sehnsucht auch die Routine des Kinobetriebs wider, die ja immer auch mit Warten zu tun hat. Wer im Kino arbeitet, muss warten können – auf die Zuschauer, auf das Ende des Films, auf einen Plausch mit den Kollegen.

Als kleiner Junge sah ich auch oft durch die Scheiben der Kinos – allerdings zunächst von draußen, von der anderen Seite. Wie spannend war es, in ein dunkles Kino zu schauen, etwas von den neu aufgehängten Plakaten oder einem der kleinen Schachtelkinos, bei denen die Tür offenstand, zu sehen.

Und ich erinnere mich noch gut, wie ich an einem Neujahrsmorgen traurig durch die Türen des Düsseldorfer Asta Nielsen blickte, das am Vortag seine Pforten für immer geschlossen hatte und bald abgerissen werden sollte. Ich stand vor den Schwingtüren, neben den schon ausgeräumten Schaufenstern, und presste meine Nase ein letztes Mal gegen die Scheiben. Drinnen, in der dunklen Kassenhalle, war schon alles zusammengeräumt. Nur noch Arnold Schwarzenegger als „City Hai“ hing mit einem „Voranzeige“-Schild aus Styropor einsam im Foyer und hielt der alten Kinodame die Hand.

Eigentlich ist es gar nicht die Architektur, die einen so beeindruckt. Das Kino ist deshalb als Ort so faszinierend, weil er eben mit Menschen und deren Geschichten zu tun hat. Irgendwie betritt man mit einem Kino auch die Leben von Menschen – sehr realer Menschen, die vor Ort arbeiten, aber auch fiktiver Menschen, die von realen Menschen weit weg erfunden und zum Leben erweckt wurden.

Die Kunst, das Leben zu verdichten, ist eine Kunst, die nie aus der Mode kommen wird. Sie ist so wertvoll und interessant, dass man dazu sogar im wahrsten Sinne des Wortes aufbrechen und die eigenen vier Wände verlassen will. Und so ist es kein Wunder, dass das Dreamland Cinema in Margate nun wieder hergerichtet werden soll. Die Fassade glänzt und leuchtet bereits wie zu ihren besten Zeiten. Wie es im Inneren weiter geht, wird sich zeigen. Wer das Meer vor der Nase hat, kann warten.

Rüdiger Schmidt-Sodingen

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