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Glänzende Aussichten für Hebammen
Foto: Christopher Ludwig

Superstars im Kreißsaal

20. Dezember 2018

Eine Utopie

Laurens Blick fällt über den Park zu Füßen des Hotels. Die Wasserläufe nehmen einfallsreiche Kurven. Die Hecken sind teils in Tierform geschnitten. An einer Stelle biegt sich das Grün über das Blau und es wirkt, als würden zwei Tümmler aus Buchsbaum sich im Sprung vergnügen.

Sie streift sich die Schuhe ab, wirft sich in den Sessel und legt die Füße hoch. Auf den Vorträgen selbst hat sie während des Kongresses noch am wenigsten geredet. Die meisten Gespräche und Interviews bestritt sie drum herum. Kameras folgten ihr wie neugierige Augen im Gebüsch eines Dschungels. Mikrofone mit flatterndem Flausch schwebten über ihrem Kopf oder streckten sich ihr als Stäbe mit Aufdruck der Sender auf dem schwarzen Popschutz entgegen. In einer Kaffeepause hat ihre Kollegin ihr mit dem Kommunikationstäfelchen ein Video von früher gezeigt, aus den Zehnerjahren des 21. Jahrhunderts, noch in HD und ohne Hologramm-Projektion. Damals folgten die Kameras und Mikrofone völlig anderen Menschen als heute. Gauklern aus dem Fernsehen zum Beispiel, die dort in Sendungen auftraten, in denen sie sich gegenseitig besuchten, um füreinander zu kochen oder in denen sie sich freiwillig in einem fensterlosen Lastwagen durch ein fremdes Land fahren ließen, um sich zu streiten und zwischendurch an Sicherungsseilen über Abgründen zu hängen. Sogar Fußballspieler waren einmal Stars. Das kann sich heute überhaupt niemand mehr vorstellen. Die Jagd von zweiundzwanzig Männern nach dem Ball ist weiterhin ein beliebtes Hobby wie Kegeln oder Bowling, doch die bezahlten Spieler gehen ihren Schaukämpfen in den Glasdach-Arenen von Doha, Dubai und Guangzhou nur noch für das Nischenpublikum aus Nerds vor den Bildschirmen und Reichen in den Stadien nach.

Reichtum – das ist auch so ein Wort. Für Lauren ist es einerseits normal und andererseits unwirklich, dass sie eine ist. Schon ihre Mutter und ihre Großmutter waren in der Ausbildung von Hebammen aktiv und zumindest letztere erntete dadurch weder große Summen Geld noch die Prominenz, die Geburtshelferinnen und Geburtshelfern als Stars der Gegenwart heute vergönnt ist. Für ihre Großmutter galt noch dieser schöne Satz aus Laurens nostalgischer Lieblingsserie Doctor Who. Dort hieß es früher, der Held sei deswegen so gut, weil er erst Recht dann seiner Mission folge, „wenn sein Handeln ohne Zeugen, ohne Hoffnung und ohne jeden Nutzen für sich selbst“ sei. Jahrzehnte, sogar Jahrhunderte galt das für die Hebammen, aber auch für die Altenpflegerinnen, bevor sie zu den Stars und geschätzten Idolen der Menschen wurden. Lauren kann es sich kaum vorstellen, aber ihre Großmutter hat es ihr erzählt. Früher hatten sowohl der Beginn wie auch das Ende des Lebens nicht annähernd die Bedeutung, die ihnen heute beigemessen wird. Es gab keine wirklich freie Auswahl der Geburtsmöglichkeiten in dem Sinne, dass junge Mütter guten Gewissens jede wählen konnten, ohne bei bestimmten Entscheidungen schief angeschaut zu werden. Es gab keine Hochglanzmagazine wie Startwell, A New Beginning oder Willkommen auf der Welt, dem Lauren zudem als Herausgeberin vorsteht. Die Geburt war etwas, das schnell über die Bühne gehen musste, während man ihr heute in aller Ruhe die beste aller Bühnen bereitet. Vom Tod wiederum ist gar nicht zu sprechen. Er war einst versteckt und verdrängt hinter den Mauern und die Menschen taten so, als existiere er nicht, obschon er das einzige war, das in jeder Familie passierte und das jeden bewegte. Er sollte am liebsten noch zügiger vonstattengehen als die Geburt. Manche beugten sich schon über das Bett des Sterbenden den zu erledigenden Terminen mit dem Bestatter und dem Nachlassverwalter entgegen. Eine Kultur des Abschieds vom irdischen Leben war den Menschen noch fremder als eine Kultur der Begrüßung auf dem Erdenrund. Es fröstelt Lauren, wenn sie daran denkt. Sie ist dankbar und demütig, in einer Epoche zu leben, in der sich alle, die sich pfleglich um das Leben kümmern, selbst ein sehr gutes Leben leisten können. Die Hebammen und die Sterbebegleiter am Anfang und am Ende, aber endlich auch die Pflegerinnen und die Lebensretter aus der Mitte.

Lauren steht vom Bett auf, gießt sich ein Wasser ein und schaut noch einmal hinunter in den Park. Auf den fein gekiesten Wegen hastet ein Geschäftsmann entlang. Neben seinem Kopf schwebt sein Gesprächspartner als kleines Hologramm, vom Kommunikationstäfelchen kristallklar in die Luft projiziert. Die betriebsame Eile eines Mannes mittleren Alters ist normal, auch heute noch, doch als er die Delphine aus Buchsbaum bemerkt, bleibt er stehen, lächelt und nimmt sich die Zeit, die Kunst der Gärtner zu bewundern. Glücklich dreht er den holografischen Kopf seines Gesprächspartners in Richtung der botanischen Kunst, und beide Männer verlieren sich ein paar Augenblicke lang im Genuss des Anblicks. Für so etwas hatten sie zwei Generationen früher auch keine Muße. Heute nehmen sie sich die Zeit, weil sie seit ihrer Geburt tief in sich spüren: Für ein gutes Leben sind immer genug Momente übrig.


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fruehehilfen.de | Das Konzept der Frühen Hilfen zielt darauf, dass die erste Lebensphase richtungsweisend für das weitere Leben ist und setzt den Schwerpunkt die Förderung der Erziehungskompetenz junger Eltern.
mags.nrw/mutterschutz | Nicht nur die Geburt an sich ist eine Herausforderung, sondern auch das organisatorische Drumherum. Das Gesundheitsministerium NRW informiert über die rechtlichen Bedingungen des Mutterschutzes.

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Sylvia Witt

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