Das konnte sich auch nicht Moderator Sebastian 23 entgehen lassen: Auch er musste sich dieses Fossil, einen Dino-Knochen, schnappen und kurz dran nippen. Nicht nur um der Saurier sondern um allerlei Fossilien ging es zuvor in Kai Jägers Vortrag „Ein Fossil zum Knutschen“, für den sich das Publikum via Applausbarometer als überzeugendsten Beitrag entschied. Der Paläontologe – nicht zu verwechseln mit den Archäologen – schilderte den Arbeitsalltag seiner Forschungsexpeditionen, bei dem er sich dann doch manchmal wie der Größte aller Archäologen vorkam: Indiana Jones. Aber was ist denn nun ein Fossil? Das illustrierte Jäger nicht nur anhand von Dinos, Vögeln und anderen Viechern sondern auch ganz tagespolitisch: Auf der großen Leinwand im rappelvollen Schauspielhaus erschien das FDP-Logo – und der Science Slammer setzte nach: „Ich glaube, so vier Prozent haben da jetzt nicht geklatscht.“
Es lebe PowerPoint: Wovon Sebastian 23 nachts träumt
Was beim klassischen Slam üblicherweise nicht erlaubt ist, ist beim Science Slam ausdrücklich erwünscht: Musik, Fotos oder Videos zur Begleitung oder Untermalung. Das hieß für die WissenschaftlerInnen-Zunft auf der Schauspielhausbühne: Ohne meine Power-Point-Präsentationen sage ich nichts. Denn oft wurden die Vorträge erst in Kombination mit witzigen Bildern oder Videos pointiert, was überhaupt nicht zu dem passt, was man üblicherweise mit PowerPoint verbindet, wie auch Sebastian 23 ironisch kommentierte: „Wer kennt, liebt sie nicht: PowerPoint-Präsentationen? Manchmal werde ich nachts wach und schreie PowerPoint!“ Die Naturwissenschaftlerin Mai-Thi Nguyen-Kim zeigte stattdessen ein Video einer Tanzperformance, in dem sie zusammen mit anderen ForscherInnen darstellt, wie cool das Interesse für ihr Fach ist. Ihre waghalsige These: „Interesse ist Coolness durch Komplexität.“ Auch das lässt sich auf den Alltag übertragen: So gäbe es die kritische Coolness für Hipster, (damit die etwas erst interessant finden können) Denn sonst hätten die – versteht sich – negatives Interesse, „das heißt, die finden es kacke.“
Was der Abi-Doppeljahrgang an der RUB mit Molekularflüssigkeiten zu tun hat
Ein echtes Heimspiel hatte an diesem Abend der RUB-Physiker Victor López López, der dem Publikum unterhaltsam das Wichtigste über Molekularflüssigkeiten vermittelte: Solange genug Druck besteht, ist alles gut; das gilt für das Öffnen einer Fiege-Pulle als auch für das Hereinquetschen von Bahngästen in den Wagen. Und der Zug als didaktisches Vehikel passt auch zur U35, wo man sein Studium bekanntermaßen, noch bevor man den Campus erreicht hat, „in vollen Zügen genießen kann.“ Neben Kai Jäger entschied sich das Publikum für ihn als zweiten Sieger des Vorentscheids West zur deutschen Slammeisterschaft, der zum Finale nach Berlin fahren wird. Wie das ist, weiß der Physiker Reinhard Remfort, der im letzten Jahr Meister wurde und außer Konkurrenz einen Gast-Slam vortrug – über Quantenphysik natürlich. In der Unterhaltungsbranche üblicherweise kein Renner. Auch Remfort war zunächst überrascht: „Da hat jemand gejubelt. Was ist denn mit Dir los?“ Aber wenn er schließlich über Gleichzeitigkeit, wo ein Vektorraum von Drogen offen steht – und das physikalisch untermauert – doziert? So schreibt man Nietzsches Rede von der fröhlichen Wissenschaft um: Klar, dass da gejubelt wird.
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