Nein, das Thema „dicht!?" der neusten Anthologie der Ruhrpoeten hat nicht primär etwas mit Drogen zu tun. Vielmehr ist die kleine, feine Sammlung von Kurzgeschichten und Gedichten der Beweis dafür, wie passend das Wörtchen zur Beschreibung abwechslungsreicher Erfahrungen und Situationen unserer Gegenwart ist. Sei es das dichte Gedränge im Pendlerzug zwischen Dortmund und Düsseldorf, das einige als Last, andere als befreiend, ja sogar lebensrettend, empfinden. Oder das Verlangen, die Leere des Alltags mit Klebezetteln im Kalender oder Papierbergen in der Wohnung zu füllen. Oder eben die Sorgen eines jungen Vaters und eines Flüchtlings, die auf 18 Quadratmetern dicht beieinander liegen – und doch ganz verschieden sind.
Am 16. Juni trafen sich Ruhrgebietsleser und Ruhrpoeten auf deren Station im Sissikingkong Dortmund und ergründeten gemeinsam Auswahltexte aus dem letzten Ruhrgebiets-Literaturwettbewerb. Trotz filmischer Konkurrenz in Form des Tresenfestivals – zur gleichen Zeit am gleichen Ort – war es ein gelungener Abend: Die Schauspieler André Wülfing und Maja Beckmann lasen die Texte aus der Sammlung, akustisch unterstützt durch den Musikkünstler Achim Zepezauer.
Die Kombination funktioniert vor allem beim Gewinnertext „Dicht an dicht" von Sarah Meyer-Dietrich, um die Hintergründe der Klebezettel-Manie der Ich-Erzählerin aufzudecken, die weniger in Ordnungsliebe, als in der Beziehung zur eigenen Mutter begründet liegt. Aber auch bei der Lesung von „Oh Boy" schafft Zepezauer es, die Johnny Cash-Atmosphäre des Textes musikalisch stimmig zu untermalen. Genauso stark wirken jedoch auch die Lesungen der beiden anwesenden Ruhrpoeten Benny Alze und Thomas Kade, die ihre eigenen Texte vorstellen, die teilweise auf sehr persönlichen Erfahrungen beruhen.
So ähnlich und doch ganz anders sollen auch die kommenden Stationen der Lesetour werden: eine gute Mischung aus Ruhrpoeten, Schauspielern und musikalischer Unterstützung, aber immer neu und immer anders, weshalb mehrmalige Besuche lohnenswert sind. Besonders angenehm diesmal: die Gespräche dazwischen, die Ungezwungenheit und die Nähe zu Lesenden und Moderator Helge Fedder („Natürlich habe ich eine Lieblingsgeschichte, die verrate ich aber nicht – immerhin sind einige Autoren anwesend"). Da fehlt auch mal eine Manuskriptseite, man berät sich über die Aussprache der Hauptfigur und Maja Beckmann schwärmt von ‚unserem' Ruhrgebietsdialekt. Alles in einem offenen Veranstaltungsraum, in (Hör)Nähe zu anderen Gästen des Sissikingkong, deren Geräuschkulisse zwar zu Beginn gewöhnungsbedürftig ist, aber gerade zu den gelesenen Ruhrgebiets-Erfahrungen irgendwie wieder passt. Dicht an dicht eben. Wer klug war, nahm schriftstellerische und filmische Veranstaltungen sowieso parallel war.
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