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Verborgene Gewalt
Foto: Rainer Fuhrmann / Adobe Stock

Was Frauen wirklich schützt

01. November 2020

Politische Programme gegen männliche Gewalt sind zu wenig

Die gefährlichste Zeit im Leben einer Frau ist vor, während und nach einer Trennung. Wenn Männer töten, töten sie statistisch gesehen am häufigsten die eigene Partnerin oder Ex-Partnerin. Oftmals werden Trennungstötungen vor Gericht nur als Totschlag und nicht als Mord gewertet, was erhebliche Auswirkungen auf das Strafmaß hat. Der Grund dafür ist, dass Eifersucht, das augenscheinliche Motiv bei Trennungstötungen, juristisch gesehen nur unter gewissen Umständen als sog. „niedriger Beweggrund“ und damit als Mordmerkmal gilt. In einem Urteil aus dem Jahr 2008 verwies der Bundesgerichtshof etwa auf die „Verzweiflung und innere Ausweglosigkeit“, die den Täter zum Mord veranlasste.

Über diesen juristischen Umgang mit Trennungstötungen wird gestritten. Aktivistinnen fordern einen eigenen Straftatbestand. Dahintersteckt die durch soziologische Analyse gestützte Annahme, dass die Morde einen gemeinsamen Nenner haben. Die Frauen werden getötet, weil sie angeblich gegen das für sie bestimmte Rollenbild verstoßen. Weil sie es sich „herausnehmen“, eigenständig zu entscheiden. Das wird von den Tätern nicht akzeptiert, sondern mit der Hybris beantwortet: Ich entscheide, im Zweifel auch über deinen Tod.

Anfang dieses Jahres hat Bundesfamilienministerin Franziska Giffey das Investitionsprogramm „Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen“ vorgestellt. Nur ganz am Rande taucht auch das Wort Prävention auf. Aber fast ausschließlich aus der Defensive zu reagieren, wird nicht zum Ziel führen.

Gewalt als Preis der weiblichen Freiheit

Was es braucht, ist eine Debatte zur Frage: Wie kann es sein, dass unsere Gesellschaft eine kritische Anzahl von Männern hervorbringt, die angesichts einer Trennung nur einen Ausweg kennen: Gewalt. Vielleicht hört sich „kritische Anzahl“ auf den ersten Blick etwas übertrieben an. Aber immerhin sind es so viele, dass jeden dritten Tag eine Frau in Deutschland mit ihrem Leben dafür bezahlt. Ganz zu schweigen von all der Gewalt, die Frauen ohnehin erleiden und überleben.

Der Grund dafür, dass sich die Gewalt gegen Frauen in den letzten Jahrzehnten vervielfältigt hat, sei einfach, schreibt der Soziologe Walter Hollstein:„Die Frauen haben sich aus ihrer abhängigen Rolle befreit und damit auch aus der einst gesetzlich verankerten Vormundschaft des Mannes. Mehr als 70 Prozent der Trennungen gehen heute von Frauen aus.“

Ok, kapiert. Die Formel ist tatsächlich einfach: Mehr männliche Gewalt als Preis der weiblichen Freiheit. Aber was ich nicht kapiere ist, warum so viele Männer es versäumt haben, sich zu entwickeln, neu zu erfinden, mindestens aber sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Die Frauen wurden im Kampf um ihre Freiheit auch nicht an die Hand genommen.

Ich glaube, es wäre wichtig, dass mehr Männer über das Thema Geschlechteridentität schreiben und sprechen. Am besten solche, die verstanden haben, dass Gleichberechtigung kein Nullsummenspiel ist, sondern die gesamte Gesellschaft voranbringt. Die Geschlechterdebatte muss zu einer gesamtgesellschaftlichen Debatte werden, damit endlich verstanden wird: Es geht hier nicht um die partikularen Interessen irgendwelcher Feministinnen. Wo sind die progressiven Männerstimmen in der Geschlechterdebatte? Wo bleibt die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem eigenen Rollenbild?

Erst ein Wandel in den Köpfen wird Frauen wirksam schützen. Und im Übrigen auch Männer, nämlich davor, zu Tätern zu werden.


Femizid - Aktiv im Thema

frauen-gegen-gewalt.de | Im Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) sind rund 190 Frauenberatungsstellen und -notrufe zusammengeschlossen.
polizei-beratung.de/opferinformationen/haeusliche-gewalt | Die Polizeiliche Kriminalprävention für Bund und Länder informiert über polizeiliche Ansprechpartner und über praktische und rechtliche Maßnahmen im Fall häuslicher Gewalt.
www.frauenrechte.de | Die Frauenrechts-NGO Terre des Femmes setzt sich ein gegen Menschenrechtsverletzungen an Frauen.

 

Marlene Drexler

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