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Motivationsproblem
Foto: Lisa Thiel

Geteiltes Glück

26. Juli 2018

Zwänge und Freuden gemeinsamen Besitzes – Thema 08/18 Fair Handeln

Nee Leute, nicht mit mir. Mein persönliches Horrorszenario: Es klingelt an der Tür. Ein Mensch steht davor und will sich meinen Staubsauger leihen. Mein Nachbar zum Beispiel, der als Ebay-Profi seine Wohnung in ein staubschwangeres Kartonlager mit den klebrigen Überresten der letzten drei Jahrhunderte verwandelt hat. Oder die Kurzhaarige vom Haus nebenan, mit den vier zittrigen Windhunden. Am allerschlimmsten: die ältere Lady auf meiner Etage, mit den guten Manieren und der Sonntagskleidung, die an meinem Gerät bestimmt jeden Fleck und jede Fluse bemerken würde. Nein, meine Tür bleibt zu!

Sicherlich – wenn man rational denkt, fällt einem schon auf, dass es nicht unbedingt nötig ist, dass es in einem Sechsparteienhaus mindestens sechs Staubsauger, sieben Mixer, acht Akkuschrauber und neun Haarföne gibt. Klar, man könnte sich natürlich das eine oder andere Gerät auch teilen. Aber wer will in dieser Frage schon rational denken? Zuhause ist da, wo mein eigener Dreck dran klebt. Wo eigene Erinnerungen drin stecken. Wie sehr man sich an seine Nutzgegenstände klammert, merkt man erst, wenn man sie dem lieben Nächsten überlassen soll. In Beziehungen heißt das Besitzdenken und ist meistens nicht sehr produktiv – umso ungehemmter kann man seinen Alleinanspruch bei Gegenständen ausleben.

Meins meins meins. Egoismus, Konkurrenz, Verwertbarkeit – tagtäglich lernen wir, dass das unser Leben ist. Ist es das? Was lässt sich der großen Erzählung des Besitzmehrens, der Fata Morgana eines steten Wachstums entgegen setzen? Erst einmal ein anderes Menschenbild. Große Überraschung: nicht jeder will ein Schwein sein. Der Homo oeconomicus, der ewig nur an den eigenen Vorteil denkende Nutzenmaximierer, ist ein Zerrbild. Entgegen aller Klischees lebt selbst das Reich der Natur nicht im reinen Optimierungswettkampf, Darwin lag fett daneben. Effizient ist die Natur schon mal nicht, einige Fischarten müssen Millionen Eier legen, damit mal einer von ihrer Sorte überlebt, und trotzdem gibt es sie noch. Und die Konkurrenz um Ressourcen führt in der Wildnis nicht zu evolutionärer Verbesserung, sondern zum Verhungern. Selbst der eigene Körper ist für niemanden persönlicher Besitz, sondern existiert nur im Austausch, von Sauerstoff, Wasser und Nahrung.

Die Wissenschaft und auch manche Alltagserfahrung zeigen: nicht jeder Zweibeiner ist ein Seehofer. Denn der Mensch will gut sein, er will sich kooperativ und fair verhalten – bis das erste Arschloch kommt, das sich nicht ans Gemeinwohl hält. Dann erst bricht die Solidarität zusammen. Man sieht es schon an Kindern: gerne helfen sie selbstlos, bis man anfängt, ihnen Belohnungen zu geben. Sofort ist es vorbei mit der inneren Motivation. Geld verdirbt den Charakter, und ein einziger Egoist verdirbt die Moral von ganzen Gruppen.

Der Mensch will Gemeinschaft, er wünscht sich Akzeptanz und Zusammengehörigkeit. So gesehen heißt teilen nicht verzichten, sondern vermehren. Dann geht es nicht darum, immer nur zu sparen und sich mit weniger zu begnügen, sondern zu begreifen, dass mehr Konsum nicht zu mehr Glück führt. Sinnvolle Arbeit, Netzwerke, Vertrauen, Teilhabe statt Trennung: das ist die positive Erzählung, die wir brauchen. Kein miesepetriger Verzicht, sondern eine Orientierung an dem, was wirklich zufrieden macht. Mit dieser Botschaft haben wir eine Chance, die Welt neu zu gestalten.

Also gut, Leute – an mir soll's nicht liegen. Wisst ihr was: meinen Staubsauger könnt Ihr haben. Und ein offenes Ohr dazu. Denn vielleicht kommt es zuallererst darauf an: nicht selbst das eine Arschloch zu sein, das allen anderen das Leben verdirbt. Wenn Ihr also demnächst eine Frau wild winkend an der Straßenecke seht, die einen Staubsauger dabei hat: das bin ich. Kommt ruhig mal vorbei. Machen wir der Einsamkeit der Geräte ein Ende. Und der eigenen gleich mit.


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Melanie Redlberger

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