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Von Sinnen und völlig abgerissen: Bastiaan Everink gibt den tragischen König Nabucco
Foto: Pedro Malinowski

Ein König von Sinnen

30. August 2018

Verdis „Nabucco“ in Gelsenkirchen – Oper in NRW 09/18

„Dies ist die Oper, mit der in Wahrheit meine künstlerische Laufbahn beginnt“, hat Giuseppe Verdi über seinen Nabucco gesagt. Und an Bekanntheit mangelt es dem biblischen Vierakter wahrlich nicht. Wer jemals eine Operngala gesehen hat, dem ist mit einiger Sicherheit auch der Gefangenenchor „Va, pensiero“ zu Ohren gekommen: „Flieg, Gedanke, auf goldenen Schwingen“. Bei den Stadttheatern gehört „Nabucco“ nicht gerade zu den Dauerbrennern. Das Libretto von Temistocle Solera ist bei weitem nicht so gelungen wie die Partitur und gilt heute in seiner ursprünglichen Form als kaum noch zumutbar. Doch Regietheater macht erfinderisch. Und so wird in jüngster Zeit gerne Shakespeares King Lear bemüht, um dem Drama um den antiken Babylonier-König Nebukadnezar II. („Nabucco“ ist die italienische Kurzform) mehr Stringenz und eine stärker zugespitzte Tragik zu verleihen. Regisseurin Sonja Trebes wählt bei ihrer Inszenierung für das Gelsenkirchener Musiktheater auch diesen Ansatz – gelegentlich gewürzt mit einer kräftigen Prise schwarzen Humors. Wenn der irre König nach seinem Schwert verlangt und stattdessen einen Besen in die Hand gedrückt bekommt, wird das besonders deutlich. Nabucco wird nicht wieder zu Sinnen kommen. Und auch kein Blitz zuckt auf ihn herab, sondern ein Pistolenschuss, den seine einstige Lieblingstochter Fenena auf ihn abfeuert – ohne ihn zu töten.

Nicht nur die Waffen, auch die Kostüme von Britta Leonhardt verweisen in unsere Gegenwart – allerdings mit großer Offenheit für eigene Assoziationen. Im Religionskrieg zwischen Babyloniern und Hebräern ist einmal eine Anspielung auf die Trümmer von 9/11 im ansonsten sehr aufgeräumten Bühnenbild von Dirk Becker zu sehen. Doch in eine eindeutige Richtung wird der Zuschauer nicht gedrängt. Wichtiger ist Trebes der Aspekt der Töchter-Vater-Konstellation von Nabucco, Fenena und Abigaille. Letztere ist dem Vater völlig ergeben, entwickelt sich in ihrem Bestreben nach seiner Anerkennung zur schneidigen Soldatin – und macht sich damit für ihn quasi unsichtbar. Seine ungeteilte Liebe gilt indes der femininen Fenena.

So wenig die Inszenierung die grelle Überzeichnung sucht, so dirigiert auch Giuliano Betta eher im Hinblick auf differenzierten Wohlklang und feine Nuancen, was die Neue Philharmonie Westfalen ausgezeichnet umsetzt. Das passt gut zur Besetzung: Yamina Maamar und Anke Sieloff singen ihre Partien als Abigaille und Fenena mit Selbstbewusstsein und deutlich gezeichneter Entwicklung – aber nicht mit ganz großer Dramatik. Die bleibt den Bass-Bösewichten überlassen: einerseits Dong-Won Seon als betont widerlichem Oberpriester des Baal und Luciano Batinic als Oberpriester der Hebräer. Und dem jugendlich wirkenden Antihelden „Nabucco“: Bastiaan Everink singt mit schönem, kräftigem und virilen Bariton.

„Nabucco“ | R: Sonja Trebes | 16.9., 21.10. je 18 Uhr, 26.10. 19.30 Uhr | Musiktheater im Revier | www.musiktheater-im-revier.de

Karsten Mark

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