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Der investigative Journalist Günter Wallraff
Foto: © Christoph Hardt

Die Gesellschaft demaskieren

29. Oktober 2018

Günter Wallraff mit „Ganz unten“ im Kölner Odeon – Foyer 11/18

Sonntag, 28. Oktober: Seit 2007 ist die Zahl der Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter um 43 Prozent gestiegen, selten gelingt jedoch der Übergang in eine reguläre Tätigkeit. Dieses Modell der Arbeit ermöglicht auf Seiten der Arbeitgeber die Flexibilität, ohne Verbindlichkeiten für einen bestimmten Zeitraum Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anzustellen. Menschen mit niedrigschwelligen Abschlüssen haben über Leiharbeit eine größere Chance, einen Weg in die Arbeitswelt zu finden. Seit April 2017 sollen sich die Bedingungen für LeiharbeiterInnen durch das reformierte Arbeitnehmerüberlassungsgesetz verbessert haben, das vor allem Equal Pay vorsieht: gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit und das ab dem zehnten Einsatzmonat.

Anfang der 80er: Stahlkessel von Thyssen Duisburg. Während die Warnleuchten angeregt blinken und den Mitarbeitern signalisieren, sie müssen die Arbeitsstätte verlassen, gilt die Warnung nicht für sie: die Leiharbeiter – die Reiniger von Fein- und Grobstaub, Giftschlamm und faulender Öle. „Ich bin krank und allein in der Fremde / Dieses Land hat mich kaputt gemacht“, wird auf Türkisch gesungen. Ein Mann läuft in der Dämmerung durchs Ruhrgebiet, auf dem Weg zur Arbeit. Levent (Ali) Sigirlioğlu ist einer von ihnen. „Sicher, ich war nicht wirklich ein Türke. Aber man muss sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren, muss täuschen und sich verstellen, um die Wahrheit herauszufinden. Ich weiß immer noch nicht, wie ein Ausländer die täglichen Demütigungen, die Feindseligkeiten und den Hass verarbeitet. Aber ich weiß jetzt, was er zu ertragen hat und wie weit die Menschenverachtung in diesem Land gehen kann. Ein Stück Apartheid findet mitten unter uns statt – in unserer ‚Demokratie‘”, schreibt Günter Wallraff im Vorwort seines Buches „Ganz unten“ aus dem Jahr 1985. Seine Reportage stellt die Menschenrechtsverletzungen und den Rassismus in Deutschland in den 80er Jahren dar. Zwei Jahre hat er recherchiert, verdeckt als Sigirlioğlu in den Stahlkesseln gereinigt.

Die Türen des Odeon-Filmtheaters sind noch verschlossen, eine kleine Gruppe steht bereits davor und wirkt aufgeregt, an der Kasse wird nervös nachgefragt, ob die Veranstaltung denn auch wirklich bald losgehe. Eine Dame kann es nicht erwarten, ignoriert das „Kein Einlass“-Schild und sucht ihren rebellischen Weg in den Saal 2. Es ist Sonntagvormittag. Die Kölsche Filmmatinee findet statt. Dieter Oeckl und Cornel Wachter haben vor 22 Jahren angefangen, Kölner Filme mit Kölner Protagonisten zu zeigen, immer „sehr bunt, sehr breit“, immer an bestimmten Sonntagen. „Außer heute, es ist das erste Mal, dass wir damit brechen“, so Wachter bei der Begrüßung. Der Grund: An diesem Sonntag hat Wallraff Zeit. Der immer umtriebigere und rotfäustigere Wallraff ist da, um den Film zum Buch zu zeigen. Der 100-minütige Dokumentarfilm „Ganz unten“, bei dem Jörg Gfrörer Regie führte, erschien im selben Jahr wie das Buch, 1985, und lief international erfolgreich in den Kinos, während er in Deutschland stellenweise aus dem Programm genommen worden ist.

Wallraff trägt Jeans und schwarzen Pullover, einen Schal hat er zur Schlaufe gebunden und wirkt ganz zerbrechlich, während er vor der Leinwand steht und über den Film berichtet. Die entstandenen Aufnahmen habe er heimlich mit einer Kamera in seiner Arbeitstasche gefilmt. Der Film ist in zwei Teile aufgeteilt: Der erste widmet sich dem Beginn seiner Zeit als Leiharbeiter. Im zweiten Teil geht es um eine fiktive Panne im Kernkraftwerk Würgassen, dessen Beseitigung eine erhebliche Strahlenbelastung der Arbeiter mit sich bringen würde. „Es ging darum, diesen Menschenhändler zu überführen. Und ohne ihn hätte ich es nicht geschafft“ –  damit ist Heinrich Pachl gemeint, ein engagierter Schützer der Demokratie. Pachl hat im zweiten Teil von „Ganz unten“ den fiktiven Auftraggeber gespielt, in dessen Falle der Menschenhändler tappt. Ihm ist die heutige Matinee gewidmet.

Die verwackelten Aufnahmen, die den Arbeitsalltag und vor allem die Unmenschlichkeit dahinter schildern, treffen auf Aussagen der türkischen Leiharbeiter, die einem die Luft nehmen. Die Dokumentation ist voller Ausgrenzung, Missachtung und Hass. Der 22-jährige Sahabettin Sarizeybek steht auf einer Dachterrasse, er trägt ein blaues Arbeiterhemd, im Hintergrund schimmern die Häuser beige und braun. Immer wieder war zu sehen, wie er versucht, seinen nicht gezahlten Lohn zu bekommen. Er hat resigniert: „Für uns gibt es gar keine Chance, uns will man wie die Tiere abschieben, man will uns nicht haben.“ In der nächsten Szene ein Busbahnhof: Sarizeybek packt sein weniges Hab und Gut und verabschiedet sich von Deutschland.

Der Menschenhändler ist Hans Vogel, Chef der Industriemontagen KG in Oberhausen, die als Subunternehmen für die Industriereinigung Remmert GmbH tätig war. Vogel zahlte seinen Leiharbeitern großzügige 8,50 Mark, denn – wie er sich selbst bewundernd betont – er ist Sozialdemokrat und auf der Seite der Arbeiter. Und zögert nicht, Arbeiter in das fiktive und defekte Kernkraftwerk zu schicken, um das Leck zu reparieren. Stellenweise sind Vogels Aussagen so absurd und verachtend, dass sie unwirklich scheinen. Einige im Publikum wissen nichts mit dieser ausgesetzten Hilflosigkeit anzufangen und lachen. Wallraff versteht die Motivation, doch: „Wenn das nicht Realität wäre, wäre es zum Lachen.“

Eine Dame möchte wissen, ob er den Menschenhändler habe überführen können und was aus ihm wurde. Er konnte. Vogel wurde wegen Verstoßes gegen das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz zu 15 Monaten auf Bewährung verurteilt. Da er von Menschenhandel zu Drogen gewechselt und dabei erwischt worden sei, gab es eine Haftstrafe von 42 Monaten. Es ist in gewisser Weise bedenklich, inwieweit sich die beiden Strafen unterscheiden. So hat der Film an Aktualität nicht verloren – es hat sich nur verlagert. Heute stehen die rumänischen und bulgarischen (Leih-)Arbeiter auf der Venloerstraße, auf dem sogenannten Arbeiterstrich, und warten und hoffen auf einen Tagesjob. Wallraff hat seit seinen Recherchen eine chronische Bronchitis und von seinen damaligen Arbeitskollegen leben nur noch zwei. Die Matinée ist an diesem Sonntag eine gesellschaftskritische. Neben intellektuellem Kölsch-Schnack haben vor allem auch sie den Weg ins Odeon gefunden: Arbeiter. Wallraff schreibt nicht über sie, er ist einer von ihnen.

Du Pham

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