Der 48jährige Studienrat Holger Roman Zipfel kriecht vor Gier lüstern durchs Unterholz: Seit Tagen verfolgt er einen Hirsch, seinen Hirsch, auf einer Hatz, deren Durststrecken er mit unerbittlichem Willen überwindet. Sein Privatleben? Sekundär. Oder vielleicht doch nicht...
Fabian Wolbrings abstrus-fanatische Kurzgeschichte „Holger und sein Hirsch“ fesselt das Publikum im Mülheimer Ringlokschuppen vom drögen, aber schnell ideell explodierenden Anfang bis zum liebestrunkenen Märchenende. 80-100 Literaturinteressierte haben sich im Mülheimer Ringlokschuppen zusammengefunden, um die dritte Heftpremiere der neuen Zeitschrift „Richtungsding“ zu feiern. Das Projekt der Herausgeber Jan-Paul Laarmann und Harald Gerhäußer findet auch ein Jahr nach erstmaligem Erscheinen großen Anklang und scheint sich langfristig zu etablieren.
Ein Projekt mit Zukunft
Wünschenswert wäre dies jedenfalls, denn die Hürden einer Veröffentlichung sind hier für junge Autoren in erreichbarer Höhe. „Die Lust am Experiment trifft auf den Fördergedanken“, plakatieren die Herausgeber ihre Motivation für die Zeitschrift. Die halbjährlich erscheinende Zeitung im DIN A5-Format setzt sich zum Ziel, jungen Autoren eine Plattform für ihre erste Veröffentlichung zu geben. Frei von jeglichen Vorgaben können sie bis zu einem festgelegten Einsendeschluss ihre Texte einreichen und von den kritisch, aber wohlwollend urteilenden Herausgebern begutachten lassen. Schon der Name „Richtungsding“ unterstreicht dieses Vorhaben.
Begleitet wird die Lesung vom Ruhrgebiets-Sänger Sebel von der Nijhoff, der mit Akustikgitarre und Kollegen am Bass die Pausen eingängiger Musik füllt.
Anregend-komische Prosa und umwerfende Lyrik
Nach überwiegend leicht verträglicher, humoristischer Prosa von pubertierenden Teenagern, die Metallica vergöttern und der Verarbeitung von Sommerloch, Herbstdepression und Winterschlaf, bietet der Abend eine überraschende Wende: Henrik Achten, der letzte Jungautor, fährt sprachlich und stilistisch hochmoderne Lyrik auf, deren sich gedanklich unbewusst festsetzende Titel dazu drängen, die Gedichte detailliert im Heft nachzuvollziehen. Wer dies macht, wird überrannt von herausragender Gegenwartslyrik, die so faszinierend unverständlich ist, dass man das „Richtungsding“ für die nächsten Minuten nur schwer aus der Hand legen kann. „Die Lyrik hat in dieser Ausgabe etwas gelitten“, gibt Jan-Paul Laarmann zu. Doch die Entscheidung, der Lyrik den Abschluss der Lesung zuteil werden zu lassen, war goldrichtig.
Am Ende des Abends kürt das Publikum per Stimmzettel einen Sieger: „Holger und sein Hirsch“. Fabian Wolbring streckt erfreut den Preis, einen Blumentopf mit Plastikpflanze und Richtungsding-Pfeil an der Spitze, in die Höhe. „Ich glaube, es gibt keinen, der das hier so ernst nimmt wie ich“, verkündet der in orangenen Bermuda-Hosen und Flip-Flops gekleidete Preisträger. Eine unkonventionelle Wohltat und ein Richtungsding als wegweisende Lektüre im Strudel medialer Überflutung.
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