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Tom Schilling spielt den jungen Brecht
Foto: Benjamin Trilling

Im Dickicht eines Klassikers

20. Februar 2019

„Brecht“-Premiere am 19.2. mit Tom Schilling und Burghart Klaußner in der Lichtburg Essen – Foyer 02/19

Die Tränen sind zu echt. „Nicht weinen!“, poltert Brecht (Burghart Klaußner). Kein Mitleid, mehr Distanz, fordert er bei diesen Proben des Stücks „Die Gewehre der Frau Carrar“ von der Hauptdarstellerin Helene Weigel (Lou Strenger). Und die ist nicht nur ein Theater-Star der einstigen Weimarer Republik, sondern zugleich die Gattin und Gefährtin, Managerin und Nachlassverwalterin der großen Dichters. Vielleicht fasst diese Probenszene in den frühen 50er-Jahren der DDR all die widersprüchlichen Facetten des Bertolt Brecht zusammen: sein Ehrgeiz, das Theater zu revolutionieren (und damit auch die Welt), seine oft beschriebene Kälte (,die auch in seiner Theorie der gestischen, epischen Darstellungstechnik wieder auftaucht), schließlich sein raubtierhafter Umgang mit den Frauen (der so gar nicht zu den marxistischen Analysen seiner Stücke passt).

Ja, wer ist nun dieser B.B, wie sich der Autor mal selbst in einem Gedicht vorstellte? So richtig konnte das keiner beantworten. Auch nicht nach der rund dreieinhalbstündigen Premiere dieses Brecht-Biopics von Regisseur Heinrich Breloer („Die Manns – Ein Jahrhundertroman“). Auch nicht die beiden Hauptdarsteller des jungen und alten Brechts. Burghart Klaußner reichte das Rätsel weiter an den Kollegen Schilling: „Das war ja ein ganz schöner Ritt durch ein Leben. Tom, was denkst Du?“ Doch sicher war sich der Hauptdarsteller aus dem oscarnominierten „Werk ohne Autor“ genauso wenig: „Wer dieser Bertolt Brecht wirklich war, das weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, was ich da gespielt habe.“

Hauptdarsteller und Filmemacher bei der Brecht-Premiere, Foto: Benjamin Trilling

Heinrich Breloer, der krankheitsbedingt nicht zur Premiere erschien, spürt in seinem aufwendigen Filmprojekt dem Werk und Leben dieses Klassikers nach, dessen Laufbahn allein schon aus historischen Gründen turbulent war: Kindheit und Jugend im Kaiserreich, Ruhm und Politisierung in der Weimarer Republik, Flucht und Exil während des Faschismus, schließlich Rückkehr und Enttäuschung im selbst ernannten Arbeiter- und Bauernstaat.

Schilling verkörpert im ersten Teil den jungen Brecht, der wegen seines Herzleidens um einen Fronteinsatz im Ersten Weltkrieg herumkommt und stattdessen eine große schriftstellerische Karriere anstrebt. Das versichert er in einem Brief dem Jugendfreund und Bühnenbildner Casper Neher. Goethe, Schiller? „Ich bin der nächste!“, versichert dieser Shootingstar in einer Filmszene, in der er sich von Freunden ablichten lässt – mit Ledermantel, Schirmmütze, später die Zigarren. Frühe Markenzeichen, die Brecht noch verfeinert, als er Arnolt Bronnen kennenlernt, ebenso ein Feingeist der literarischen Selbstinszenierung.

Geschickt verwebt Breloer dokumentarische Kommentare und frühe Archivaufnahmen von WeggefährtInnen (und Geliebten) Brechts mit fiktiven Rekonstruktionen: Etwa die Skepsis rund um ein „kleines Nebenstück“, das zur Eröffnung des Theaters am Schiffbauerdamm uraufgeführt werden soll: „Die Dreigroschenoper“. Alles sichtbar machen auf der Bühne? Dann noch diese „atonale Katzenmusik“ von Kurt Weill? Das Ergebnis: ein Welterfolg. Mit Brechts Durchbruch, seiner Wende zum Marxismus und der anschließenden Nazi-Herrschaft endet der erste Teil.

Das Exil wird nur in Rückblenden thematisiert, als der alte Brecht (nun gespielt von Burghart Klaußner) in der DDR an seinen früheren Ruhm anknüpft. Wie er mit dem SED-Regime aneckt und zugleich an seiner Theater-Theorie feilt, wird auch hier in einem Mix aus Fiktion und Dokumentation dargestellt. Genauso wie ein Kapitel, das sich wie ein roter Faden durch beide Teile zieht: Brecht und die Frauen. Angefangen bei seiner Jugendliebe Paula Banholzer, die er schwängert und dann im Stich lässt (treu nach seiner Devise: „Die Ellbogen frei halten!“); über Ruth Berlau, die er als psychisches Wrack im Stich lässt. Bis hin zu den zahlreichen Affären mit jungen Assistentinnen und Schauspielerinnen („Käthe? Ich heiße doch Waltraud!“) Und dann ist da natürlich noch Helene Weigel, Ehefrau Brechts und Aushängeschild des epischen Theaters auf der Bühne. Am Ende des Films liest sie Brechts Abschiedsbrief. Er bittet „Helli“ acht Dinge zu veranlassen: unter anderem Sicherstellung des Todes, ein Sarg aus Stahl oder Eisen, keine Musik bei der Beerdigung. Unterzeichnet mit: „brecht, November 1953.“ Ein kalter und distanzierter Duktus. Doch die Weigel vergießt Tränen.

Benjamin Trilling

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