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Kam doch nicht ohne Trump-Statement davon: Regisseur Tom Hansell
Foto: Maxi Braun

Nach der Kohle

18. März 2018

„After Coal“ aus der Filmreihe „Flöze weltweit“ am 16.3. im Dortmunder U – Foyer 03/18

Dortmund, den 16.3.: Rauchende Schlote, Zechentürme, mit Ruß verschmierte Kumpel, schwarzes Gold, Glück auf – die Identität des Ruhrgebiets von Duisburg bis Dortmund ist noch immer in weiten Teilen von der Bergbauromantik geprägt. Auch oder vielleicht gerade weil sich der Pott heute ganz anders präsentiert und viele der alten Zechen mittlerweile Denkmäler oder Stätten der Industriekultur geworden sind. Die Schließung der letzten aktiven Zeche Prosper-Haniel in Bottrop am 21.12.2018 ist eher Ende, nicht Beginn eines langwierigen Prozesses. Die Frage, wie es mit und in der Region nach der Kohle in Zukunft weitergeht, stellt sich trotzdem.

Anlässlich dieser Zäsur gibt es kaum ein Museum, das 2018 keine Ausstellung zum Thema zeigt. Jana Golombek vom LWL-Industriemuseum Zeche Zollern und Stefan Moitra (Deutsches Bergbaumuseum Bochum / Montanhistorisches Dokumentationszentrum) wollen einen eigenen Akzent setzen. „After Coal“ ist der zweite Film der Reihe „Flöze weltweit“, die bis Mai noch zwei weitere Filme zur globalen Perspektive des Bergbaus im Kino im U zeigt. Ajay Kolis und Felix Röbens „Coal India“ thematisiert den Tagebau in Indien (13.4.), in „The Battle of Orgreave“ von Mike Figgis und Jeremy Deller geht es um den britischen Bergarbeiterstreik 1984/1985 (25.5.).

Für „After Coal“ hat sich Regisseur Tom Hansell mit zwei Regionen beschäftigt, die den Ausstieg aus dem Kohlebusiness schon länger hinter sich haben als das Ruhrgebiet: Südwales in Großbritannien und die Appalachen im Osten des US-Staates Kentucky. Archivaufnahmen zeugen davon, wie beide einst wirtschaftlich vom Bergbau profitierten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bzw. nach dem Zweiten Weltkrieg schuf die Kohleindustrie hüben wie drüben massenweise Jobs, durch die Arbeiter und ihre Familien wurden blühende Kleinstädte aus dem Boden gestampft. Als die Produktion zunehmend maschineller und Kohle mehr und mehr zu einem Importgut wurde, verloren tausende Menschen binnen kurzer Zeit ihre Jobs. Alle Streiks nutzten langfristig nichts, wer konnte, zog schließlich weg. Zurück blieben verarmte Landstriche ohne Perspektive.

Hansell zeigt in seinem Dokumentarfilm, wie die Menschen vor Ort selbst die Initiative ergreifen: Ein ehemaliges Büro der Kohlegesellschaft wird von den Frauen vor Ort in ein Bildungszentrum umgewandelt, ehemalige Kumpel gründen eine multikulturelle und Generationen übergreifende Theatergruppe, alte Brachlandschaften wandeln sich zu einer Mountainbike-Attraktion für TouristInnen oder werden für biologische Landwirtschaft kultiviert. Die Projekte sind meist lokale Graswurzelbewegungen und versuchen, die jeweiligen Gemeinden am Leben zu erhalten. Ein über den Atlantik verbindendes Element ist auch die Musik der Bergarbeiter. Chöre entstanden fast überall, wo Männer unter gefährlichen Bedingungen unter Tage zusammen arbeiteten und diese Tradition setzt sich bis in die Gegenwart fort.

Auf jene Vergleichbarkeit von Bergbauregionen in den Industrieländern zielt auch eine Frage in der anschließenden Diskussion, die Hansell auf Englisch mit dem Publikum führt. Gib es eine gemeinsame Kultur des Bergbaus, unabhängig von dem Standort der Flöze? Der Regisseur erkennt da Parallelen, obwohl die politische Tradition, in der die Bergarbeiter in Großbritannien, Deutschland oder den USA standen, unterschiedlich war. Basis ist die gemeinsame „work culture“: die harte Arbeit unter Tage, die allgegenwärtige Gefahr, das schweiße zusammen, auch über das Ende des Bergbaus hinaus, vermutet Hansell.

Auch im Ruhrgebiet habe er diese typische Mischung aus „Kampf und Innovation“ gespürt, wie er auf Englisch erklärt. In Kentucky, der Heimat des Regisseurs, sei „After Coal“ positiv aufgenommen worden. Schon vor der offiziellen Premiere hat er den Film in Gemeindezentren gezeigt und sucht auch heute immer wieder die Diskussion mit den Menschen vor Ort. Was der Strukturwandel mit der Wahl Donald Trumps zu tun habe, möchte ein Zuschauer in diesem Zusammenhang wissen. Hansell seufzt und gibt zu, er hätte sich gewundert, wenn er ohne ein Statement zu Trump davon gekommen wäre. „Ich habe ihn nicht gewählt und ich will niemanden in Schutz nehmen, der das getan hat. Auch nicht die Menschen in armen Regionen der USA. Aber es war eine Wahl gegen den Status Quo“.

An diese Aussage schließt sich die abschließende Frage an, ob Hansell die Situation in seinem Film nicht zu positiv darstelle. „Es war eine politische Entscheidung, bewusst ein positives Bild zu zeichnen“, erklärt er. Der üblichen Darstellung von Armut, Hilflosigkeit und Passivität wollte er eine andere Erzählung entgegen setzen die zeigt, dass die Betroffenen ihre Zukunft selbst gestalten können. „Die Menschen, die eine Gemeinschaft bilden, sind auch die einzigen, die sie retten können“, so Hansell. Vielerorts hat es auch das Ruhrgebiet geschafft, eine solche Zukunft „nach der Kohle“ denkbar zu machen. Trotzdem bleibt es noch ein weiter Weg, den die Menschen hier und andernorts aber gemeinsam beschreiten können.

Alle weiteren Termine der Reihe finden Sie hier: www.dortmunder-u.de

Maxi Braun

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