Volle Hütte hatte das Freibeuter im Bermuda Dreieck, denn es war wieder Slammer-Zeit: Der monatliche Poetry Slam wurde wieder weniger charmant, dafür amüsant von Sebastian23 moderiert, der es sich nicht nehmen ließ, das Opferlamm zu spielen und dem überwiegend jungen Publikum einzuheizen. Die Phrase „Wir hatten noch nie einen Stromausfall – aber wir hatten auch noch nie einen Stromanfall!“ aus seiner Darbringung namens „Ebene“ kommentierte er selber mit „True Story“. Aber wie viel Wahrheit ist dran, an den Geschichten der Slammer?
Von frei und lebendig vorgetragen bis gleichförmig abgelesen zogen die zwölf Teilnehmer alle Register ihres Könnens. Fünf Minuten hatte jeder Zeit das Publikum auf seine Seite zu ziehen. Denn nur der Applaus entscheidet, wer am Ende die Flasche Wodka gewinnt. In den Storys mit Titeln wie „Von Wahrheiten und Würstchen“, „Gegen Bindestriche“ und „Ein Navi für die Liebe“ vermischten sich eigene Erfahrungen mit Beobachtungen aus der Natur, Gesellschaftskritik, Moral, aktuelle Themen und Zuversicht und natürlich spielte auch die Liebe immer wieder eine Rolle. Doch kitschig wird es nie – denn die Kraft der Worte, ob Prosa oder Reim, regt die Lachmuskeln und auch zum Nachdenken an. Nicht nur politische Themen fallen der Sprachakrobatik zum Opfer – dafür ist schließlich Kabarett da –, sondern vor allem aktuelle Dinge wie „unerreichbar“ auf Facebook zu sein, der IPod im Zug oder „Der Tag der großen Party“ (Das Spiel der Namen: „Vielleicht brät Pitt Dir auch einen? Sonst isst Robert den nie roh.“) wurden behandelt.
Die Slammer, nicht nur aus Bochum stammend – viele Hessen waren da –, schlüpften zum Teil in Rollen, waren sehr leidenschaftlich, wenn Romantik und Hoffnung auf die Bühne kamen. Und nicht nur die fünf Frauen sprachen von Liebe, sondern auch einige der Männer. Damit kennt sich wohl jeder aus – doch auch wenn dieses Thema lustig verpackt wird, so erkennt man doch eine schmerzliche Erfahrung dahinter.
Mit knappem Lautstärkeunterschied gewann nicht Mathias, der aus einem Star Wars-Tagebuch vorlas, sondern Sina, die Sternfrüchte aus dem Supermarkt überhaupt nicht verrückt findet. Vielleicht auch, weil sie den Namen eines jungen, beliebten Schauspielers erwähnte und somit auf jeden Fall das weibliche Publikum für sich gewann. Doch wie auch Stefan, der erste Poet, verkündete, jeder habe seine eigene Wahrheit, so bleibt uns immer die Frage offen: Was stimmt von dem, was die lebenden Dichter uns so literarisch-kunstvoll verkünden? Keine Zeit darüber nachzudenken, denn schon werden die nächsten Wörter und Reime akrobatisch aneinandergereiht und dem stillen Publikum um die Ohren geworfen.
Poetry Slam im Freibeuter | Bermuda Dreieck Bochum | nächster Termin: 15.4. | www.freibeuter-bochum.de
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Familiengebiss und Partytoilette
Die 10. Lit.Ruhr eröffnete in Essen – Literatur 10/26
Wie viel Wut ist genug?
„Honey“ von Imani Thompson – Literatur 10/26
Die Grande Dame der Erotik
„Das Reine und das Unreine“ von Colette – Textwelten 10/26
Odyssee eines Spielzeugs
„Das Puppenhaus auf dem Schiff“ von Thomas Harding / Anna Sarfatti und Britta Teckentrup – Vorlesung 09/26
Kater mit schlitzohrigem Charme
„Fred“ von Posy Simmonds – Vorlesung 09/26
Mauer des Schweigens
„Eine einfache Wahrheit“ von Corinna Krenzer – Literatur 09/26
Orgasmus in der Küche
„Auf den Bildern“ von Annie Ernaux und Marc Marie – Textwelten 09/26
Verglimmende Hoffnung
„Zündhölzer“ von Yevgenia Belorusets – Literatur 08/26
Das Unaussprechliche des Familienlebens
„Vertraute Gespenster“ von Anna Ruchat – Textwelten 08/26
Glühender Zorn
„Das Teufelsbuch“ von Asta Olivia Nordenhof – Textwelten 07/26
Der Hungerartist
Wolfgang Welt: Lesung aus Briefen des Bochumer Schriftstellers in Düsseldorf – Literatur 07/26
Auf sich gestellt
„Wir gehen mal los“ von Raffaella Romagnolo – Literatur 07/26
Schule mit Herz und Humor
„Shrimpie und ich“ von Moni Port und Claudia Weikert – Vorlesung 06/26
Die eigene Karte als Kompass
„Ich mal mir meine Welt“ von Nicola Davies – Vorlesung 06/26
Kalter Krieg im Ruhrpott
„Weiße Westen, schwarze Nächte“ von Sabine Hofmann – Literatur 06/26
Lockendes Spiel
„Leichter Wahnsinn“ von Emy Koopman – Textwelten 06/26
Drei Farben zum Glück
„Zu Fuß“ von Michael Roher – Vorlesung 05/26
Nomen est omen
„Die Namen“ von Florence Knapp – Literatur 05/26
Naturforscher im Alltag
„Kinderleichte Experimente für draußen“ von Christine Sinnwell-Backes u. Timo Backes – Vorlesung 05/26
Haare zu lang, Röcke zu kurz
„Swinging Cologne“ von Stefan Winges – Textwelten 05/26
Meeresbewohner zum Anfassen
„Zusammenstecken und Entdecken: Meerestiere“ von Abigail Wheatley – Vorlesung 04/26
Neuer Bilderbuch-Klassiker
„Mit dem Sturm um die Wette rennen“ von Brian Floca und Sydney Smith – Vorlesung 04/26
Wenn Wände Ohren haben
„Engel des Verschwindens“ von Slobodan Šnajder – Literatur 04/26
Die Unendlichkeit erleben
„Liebe“ von Thomas Hettche – Textwelten 04/26
Das Glück der Stiefel
„Die gelben Gummistiefel“ von Isabel Pin – Vorlesung 03/26