Nicht wenige glauben, dass der Niedergang des Monatsmagazins Marabo begann, als Thomas Gsella, dessen Kolumnen für den höchst witzigen Ausklang der Hefte sorgten, in den frühen Neunzigern dem Ruhrgebietsmagazin den Rücken kehrte und beim Satireschlachtschiff Titanic anheuerte. Für den 1958 geborenen Essener bot sich mit dem Wechsel nach Frankfurt allerdings eine große Chance: „Bei der Titanic zu arbeiten, das ist schon etwas Besonderes. Da wird man nicht reich von, aber man ist Teil einer wahren Satire-Institution“ beschreibt Gsella den Enthusiasmus, der die Redaktion antreibt. Doch nach fast 16 Jahren Redakteurstätigkeit, davon drei in der Funktion des Chefredakteurs, schied Gsella 2008 aus der Redaktion aus: „Nach der langen Zeit fehlte dann doch irgendwann diese Begeisterungsfähigkeit der Anfangszeit. Man wird ja auch älter und sollte dem Nachwuchs eine Chance geben. Mein Nachfolger Leo Fischer könnte mein Sohn sein, das bringt wieder frischen Wind ins Heft.“
Kille Kuckuck Dideldei
Im Frankfurter Raum will die Familie Gsella dennoch bleiben. Nach Aschaffenburg verschlug es sie damals, weil dort die befreundeten Zeichner Achim Greser und Heribert Lenz leben. Man zog sogar einen gemeinsamen Hauskauf in Erwägung, was sich aber dann zerschlug. Nun soll es in absehbarer Zeit schon wieder etwas urbaner werden: „Meine ältere Tochter ist jetzt zehn, und sie kann gar nicht verstehen, warum wir eine andere Wohnung suchen. Ich habe ihr prophezeit, dass sie uns mit 14 noch dankbar sein wird.“ Nicht zuletzt war es diese Tochter, der er 2001 mit „Kille kuckuck dideldei. Gedichte mit Säugling“ einen Gedichtband widmete, der seinen Ruf als komischer und selbstironischer Lyriker festigte. Autobiographische Bezüge finden sich regelmäßig in seinen Gedichten, in denen das lyrische Ich zur Identifikationsfigur von Männern im Allgemeinen und Vätern im Besonderen wird.
Zurück ins Ruhrgebiet zieht es Gsella nicht: „Klar, wenn ich in der Gegend bin, dann kommt schon ein gewisses Heimatgefühl bei mir auf, aber das macht sich eher in der Vergangenheit fest als in der Gegenwart. Ich hab auch noch einige Freunde hier, Fritz Eckenga in Dortmund oder Heinz-Peter Lengkeit in Bochum. Aber mein Lebensmittelpunkt hat sich doch eher ins Fränkische verschoben.“ So interessiert ihn das Großereignis RUHR.2010 nicht sonderlich: „Diese Kulturhauptstadtsache verfolge ich nicht wirklich. Ich bin irgendwann beim Strukturwandel ausgestiegen. Das ist ja eigentlich eine schöne Idee, ehemalige Industriestätten neu zu beleben, aber wer bei der Schließung der Fabriken auf der Verliererseite stand, ist es auch jetzt noch. Wenn man jetzt zum Beispiel in den Wassertürmen in Duisburg tauchen kann, wo früher hart gearbeitet wurde. Der Arbeitnehmersohn hat in der Regel kein Geld dafür. Mir gerät da vieles zu bunt und zu grell. Einen Überdruss am Ruhrgebiet verspüre ich allerdings nicht mehr. Ich könnte mir auch vorstellen, irgendwann zurückzukehren – aber nur, wenn ich den Literaturpreis Ruhrgebiet erhalte …“
Pille Pi und Pille Pu
Momentan ist der Dichter und Satiriker auf dem Buchmarkt präsenter denn je: 2009 setzte er mit „Die Leiden des jungen Schiller“ gemeinsam mit Zeichner Rudi Hurzlmeier die Jugend des Großdichters als Bildergeschichte um, im Frühjahr 2010 erscheint „gsellammelte“ Prosa bei DuMont und für den Herbst ist ein Band mit Gsellas pointierten Stadtgedichten bei Eichborn in Planung. Sein aktueller Geniestreich ist allerdings die jüngst unter dem Titel „Warte nur, balde dichtest du auch!“erschienene „Offenbacher Anthologie“. Gsella parodiert hier vorzüglich die von Marcel Reich-Ranicki herausgegebene Frankfurter Anthologie, in der Gedichte vorgestellt und von Kritikern und Schriftstellern interpretiert werden. Ihm ist hier ein wahres Meisterstück gelungen: Sowohl die Gedichte wie auch ihre Interpretationen persiflieren Lyrik und das Reden bzw. Schreiben über Lyrik aufs Komischste. Abgerundet wird das Ganze durch ulkige Portraitfotos und abstruse Lebensläufe. Nicht nur für den Kenner ist es ein Genuss, von der elffachen Mutter Ayak Kimaugruk über den Amish-Pfarrer und Harley- Fahrer Tony Kempbell hin zum dichtenden Steiger Erwin Günter Katschulski oder dem „Ringelnatz der Rechtgläubigen“, Scheich Abu Maza el Asri, vermeintlich neue Strömungen internationaler Lyrik zu entdecken. Erst durch die Interpretation jedoch entfaltet sich der ganze Witz so richtig. Je unsinniger das Gedicht daherkommt, umso verschwurbelter geraten die Phrasen, die es in den Olymp der Literaturgeschichte heben. Literatur und Literaturkritik werden hier gleichermaßen raffiniert durch den Kakao gezogen, für die Interpretationen nutzt Gsella reale Vorbilder von Iris Radisch bis Daniel Kehlmann – und (fast) alle haben Sinn für Humor bewiesen: „Das Ganze hat als Titanic-Kolumne begonnen. Als dann ein Buch draus werden sollte, wollte der Verlag natürlich keine Klagen riskieren und hat allen Kritikern, denen ich Gedichtinterpretationen in den Mund gelegt habe, diese Texte vorgelegt. Zu meiner großen Freude waren alle außer Elke Heidenreich mit einem Abdruck einverstanden.“ Zum fertigen Buch gibt es auch schon Rückmeldungen, wie Gsella nicht ohne Stolz kundtut: „Schon kurz nach Erscheinen habe ich Lob von Botho Strauß und Hans Magnus Enzensberger erhalten. Ein wenig habe ich gehofft, nun jeden Tag so freundliche Briefe in der Post zu finden, aber wahrscheinlich haben die meisten einfach zu viel zu tun – schade.“
Dingeldong und Upsassa
Inspiration für die Offenbacher Anthologie fand der Autor in diversen Datenbanken, die er nach sonderbaren Bildern durchforstete: „Ausgehend von dem Gesicht und der Stimmung des Fotos habe ich dann das dazugehörige Gedicht geschrieben. Mit der Interpretation dann habe ich den Personen auf den Fotos fiktive Biographien zugeschrieben.“ Auch, wenn das nicht alle der „Zitierten“ sofort verstanden haben, war Gsella nicht bemüht, den individuellen Ton der Rezensenten zu treffen: „Wenn ich das versucht hätte, wäre das ganze Projekt ausgeufert. Ich hätte dann ja auch die jeweiligen Gedichtvorlieben berücksichtigen müssen.“
Dass Gsella sich auf dem Parkett der Lyrik sicher bewegen kann und ihm auch die pointierte Kurzprosa liegt, hat er in den letzten Jahren eindrucksvoll bewiesen; einer anderen Herausforderung will er sich vielleicht in der näheren Zukunft stellen: „Ich würde gern mal einen Roman versuchen. Eine Idee habe ich schon seit vielen Jahren, aber irgendwie fehlt mir die Zeit. Natürlich wäre es ein komischer Roman, ein Roman ohne Humor ist doch nicht lesenswert.“
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