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T3 mit Einschränkungen

29. Juni 2017

Erkenntnisse aus dem literarischen Elfenbeinturm – Wortwahl 07/17

T2? Ja wie? Ich dachte, Wehrpflicht, Musterung, Tauglichkeitsgrade, der ganze Quatsch wäre längst abgeschafft worden. Und was haben diese grenzdebilen Visagen auf dem Magazincover damit zu tun? Die dürften dereinst auf jeden Fall mit Pauken und Trompeten vom Kasernenhof gejagt worden sein. T5! Komplett untauglich für den Dienst an der Waffe. Die haben doch Drogen auf die Stirn tätowiert. Aber: Irgendwie kommen sie mir bekannt vor; erst recht, wenn ich sie mir ein, zwei Jahrzehnte jünger vorstelle. T2? T1? Trainspotting?! Ich fokussiere das Titelbild und muss feststellen, dass der Zug ungesehen an mir vorbeigerauscht ist. Aber: War nicht erst vor Kurzem der Roman zum Film in meinem Postfach gelandet?

Nachdem ich mich von dem Schock erholt habe, dass die Originalausgabe von Irvine Welshs „Porno” (Heyne) bereits 2002 erschienen ist, stelle ich mit Überraschung fest, dass sämtliche ‚Helden’ von damals tatsächlich überlebt haben (aus „Klebstoff” gleich noch ein paar dazu) – ist ja nicht gerade üblich in der Szene. Schon gar nicht bei einem derart mutwillig umgesetzten Rave-Nihilismus. Zu schlau zum Sterben, zu abgefuckt zum Leben. Verballert, wie sie sind, versuchen sie nun mit amateurhaften Sexfilmchen über die Runden zu kommen. Das birgt beileibe eine Menge filmreifer schwarzer Sozialkomik – kommt aber lange nicht an Matias Faldbakkens ein Jahr zuvor erschienene „Cocka Hola Company” heran.

Ähnlich ergeht es mir mit „Die Unsichtbaren” (Limbus) von Otto Tremetzberger: Während ich dem namenlosen Ich-Erzähler in seinen lakonisch-frustrierenden Beobachtungen einer sich in individueller Konformität auflösenden Menschheit folge, warte ich zunehmend auf einen eruptiven Ausbruch à la „American Psycho“ oder „Fight Club“. All diese Pappfiguren, die sich in offensichtlicher Ermangelung von Selbstbewusstheit in maßgeschneiderten Klischees verlieren, müssen einen doch in den Wahnsinn treiben. Es sei denn: Man entdeckt darüber sich selbst als Subjekt, einen nonpolaren Frieden in der Gegenwärtigkeit des Seins… Zu schön, um wahr zu sein? Oder ist es nur die Angst, die vermeintliche Sicherheit einer mühsam aufgebauten und aufrecht gehaltenen Rolle preiszugeben?

Nur: Wie soll so ein Leben funktionieren in einer Welt, die sich mittlerweile zum Fake ihres eigenen Fakes erhoben hat? Fake News, Fakebook, Fake-was-weiß-ich. Da kommt der Fake-Humor eines Tex Rubinowitz gerade recht, der in „Lass mich nicht allein mit ihr” (Rowohlt) das Fake seines Fakes auch noch selber faked, um damit… Ach, lassen wir das. Auf jeden Fall herrlich liebevoll böse, grotesk witzig und absurd real. Autistisch und wahr.

Fast wie Trump und Merkel, wenn nicht Trump das zu laute Fake von Merkel wäre. Und in so eine Welt platzt auch noch Castle Freeman mit seinem Hard-Boiled-Roman „Auf die sanfte Tour” (Nagel & Kimche). Ein Provinzsheriff gegen neureiche Russen, einen intriganten Deputy, der es auf seinen Job abgesehen hat, und einen verbitterten Schwiegervater – ganz ohne Kanonen. Aber im Grunde muss man die Dinge nur fließen lassen, hier und da die Schutzbefohlenen ein wenig lenken. Funktioniert nicht immer. Kann auch weh tun. Aber sozialer ist das – als das Gesetz allemal. Und man bleibt bei sich selbst – auch wenn's nur zu T3 mit Einschränkungen taugt.

Lars Albat

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