So etwas hat man im Riff Club in Bochum noch nicht gesehen oder gehört. Außer vielleicht am Morgen nach einer durchsoffenen Nacht. Am 18.1. lief aber bereits am frühen Abend ein nackter Mann über die Bühne der großen Halle und verspeiste vor über hundert lachenden Zuschauern einen riesigen Bismarck-Hering. Das Stück heißt ja auch „Naked Lunch“.
Als Action-Lesung wird der Abend angepriesen. Wer sich nichts darunter vorstellen kann: zwei schräge Typen lesen und improvisieren ein Stück, basierend auf William S. Burroughs Werk „Naked Lunch“ von 1959. Tatsächlich verwenden sie Ausschnitte daraus, aber so richtig klar wird nicht, was jetzt hier „real“ ist, was improvisiert und was schlichtweg hinzu gedichtet wurde. Auf jeden Fall handelt es sich hier um eine Selbstinszenierung.
Unter dem Namen „B-Bande II“ gastierten der ehemalige Leiter des Rottstr5 Theaters Arne Nobel und sein Kollege Dustin Semmelrogge – ja, Sohn des bekannten, deutschen Schauspielers Martin Semmelrogge – im Riff und führten ihre so genannte Action-Lesung frei nach Burroughs auf. Laut Semmelrogge war das Bochumer Publikum Versuchskaninchen für eventuelle weitere Termine der Show. B-Bande II, das sind „coole Typen, die immer einen Plan B in der Tasche haben“, so Arne Nobel. Semmelrogge und er haben sich letzten Sommer beim Piraten-Action Open Air Theater in Grevesmühlen kennengelernt und wollten seitdem unbedingt ihr eigenes Ding auf die Bühne bringen. Da beide laut Nobel „so komische Stimmen haben“ , konnte es nur eine Lesung werden. Nobels rauchige, nach durchzechten Nächten klingende und Semmelrogges klare Stimme ergänzen sich in der Story wunderbar. Das Manuskript fliegt buchstäblich genauso durch die Gegend wie die gesprochenen Wörter: schamlos, obszön, vulgär, schrill und absurd. Untermalt mit fast genauso schräger Musik von DJ Franko Zappala.
Schon vor der eigentlichen Show ereignet sich ein kleines Extra: Nobel lässt sich einfach so von einem Barbier den Bart stutzen. Bedeutung einer solchen Performance: unklar. Er fängt an sich komplett auszuziehen, zieht sich dann einen kitschigen Pyjama mit noch kitschigerem Kimono an und streift pinke Puschen über. Dann stolpert Semmelrogge auf die Bühne. Als Bill hat er gerade bei einem fehlgeschlagenen Wilhelm Tell-Experiment seine Frau erschossen. Und so landet er bei Doc Psycho: wahnsinnig, verrückt und manipulativ, verkörpert von Nobel. „Haben Sie sich jemals gefragt, warum die Dämonen in Sie fahren?“ fragt der Doc Durch wirre Gedankengänge überzeugt er Bill, dass dieser schwul und ein Agent sei. Denn Homosexualität ist der beste Deckmantel für einen Agenten. Und überhaupt: Frauen sind Insekten und sein Darmausgang kann sprechen. Für Bill beginnt ein surrealer Alptraum in der „interzone“.
Dieser kleine Ausschnitt des knapp 400 Seiten Romans bringt dem Laien aber durchaus das Wirrwarr des Originals näher. Burroughs zum Teil autobiographisches Stück über Verschwörungen, Bewusstseinsveränderungen, Besessenheit, Sucht, Wahnsinn und sexuelle Verwirrung wurde Anfang der 60er Jahre verboten. Im 21. Jahrhundert empfand das Bochumer Publikum die Version eher als verboten gut.
Doch trotz poetischer und perverser Absurditäten und Verrücktheiten hat das Stück eine Moral, die da lautet: Must have been love love love…
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