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Ralf Gscheidle und Sabine Paas im Dortmunder Café Schrader
Foto: Ulrich Schröder

Sehnsüchte in nervösen Zeiten

23. Februar 2017

Literarisches aus Herne, Dortmund und Unna – Lesezeichen 03/17

Wie blank liegen die Nerven im krisengeschüttelten wirtschaftlichen Kern der EU? Radio-Philosoph Jürgen Wiebicke machte die Probe aufs Exempel und durchquerte 2015 zu Fuß die Republik und begegnete dabei vielen ‚Normalos‘, aber auch Promis wie Franz Müntefering. Im Dialog mit dem Sozialdemokraten stellte Wiebicke am 1.2. vor rund 100 HörerInnen im Literaturhaus Herne sein Buch „Zu Fuß durch ein nervöses Land“ (Kiepenheuer & Witsch 2016) vor. Es sei „an unserem derzeitigen Lebensstil etwas grundsätzlich faul“, so die Grundthese, „an unserem Umgang mit Zeit, Mobilität und menschlichen Beziehungen.“ Der permanente „Krisenmodus“ hierzulande bewirke einerseits eine große „Lähmung im Denken und Handeln“; andererseits könne die Krise als Chance begriffen werden, endlich „mit der neoliberalen Scheiße aufzuhören“. Das Wandern durch die Republik habe für den langjährigen Moderator der WDR-5-Formate „Neugier genügt“, „Funkhausgespräche“ und der Freitagabend-Sendung „Das philosophische Radio“ eine Schlüsselfunktion als „zweiter Lernmodus“: „Das Denken verflüssigt sich beim Wandern“, erläutert der Buchautor die physische Aktivierung des mentalen Prozesses. Dieser unterscheide sich jedoch deutlich vom Pilgern – Wiebickes Weg führt nicht nur an symbolträchtig idyllisierte Orte, sondern „auch dorthin, wo es schäbig ist“: „Ich glaube nämlich, dass man eine Gesellschaft am besten von ihren Rändern her verstehen kann. Flüchtlingsheime, Psychiatrien, Schlachthöfe liegen nicht am Jakobsweg.“

Gerade in Krisenzeiten entflammt jedoch zugleich die Sehnsucht nach der heilen Welt. Das vielfältige Kulturprogramm des Melange e.V. Dortmund trägt dem Zeitgeist Rechnung und überschreitet hierbei gerne Genre-Grenzen – denn auch eine raffinierte Mischung von Songtexten und Filmzitaten kann literarische Impulse setzen: So versüßten Sabine Paas und Ralf Gscheidle am 5.2. den Sonntagmorgen für gut 50 ZuschauerInnen im Dortmunder Café Schrader mit einem Mix aus Filmmusik und Schauspieleinlagen in nostalgisch-cineastischem Ambiente. „Es gibt keinen Hauptfilm – der Projektor ist abgebrannt.“ Doch zumindest die Tonspur ist unversehrt und kommt ausgiebig zum Zuge. Und da man des irdischen Friedens wohl ewig harren muss, scheint es geboten, sich zumindest die Maxime aus „Schindlers Liste“ zu eigen zu machen: „Wer nur einem einzigen Menschen das Leben gerettet hat, wird belohnt werden, als hätte er die ganze Welt gerettet.“

Kulturelle Brücken zwischen den Kontinenten baut das Café im Zentrum für Information und Bildung (ZIB) in Unna mit kulinarischen Lesungen: Mit der in Vietnam geborenen frankokanadischen Autorin Kim Thúy präsentierte Anne-Katrin Schlegel am 11.2. für mehr als 20 zahlende Gäste eine spannende interkulturelle Literatin und Ines Nieders-Mollik exzellente vietnamesische Küche. In ihrem 2014 in deutscher Übersetzung erschienenen autobiografisch gefärbten Roman „Geschmack der Sehnsucht“ beschreibt die 1968 in Saigon geborene Thúy eine Exiljugend in Québec, wohin die Autorin selbst den Wirren nach dem vietnamesischen Bürgerkrieg 1978 zusammen mit ihren Eltern als ‚boat people‘ entkommen war. Durch die Kochkunst ihrer Heimat gewinnt die Protagonistin die Herzen der Menschen – etwa, als sie einem alten Exilanten eine Suppe zubereitet und dieser darauf beseelt konstatiert, er habe „sein Land geschmeckt“.

Literaturszene im Ruhrgebiet: Zentrum für Information und Bildung (ZIB) Unna

www.zib.unna.de/kreisstadt+unna/konzern-stadt/kulturbetriebe-unna/kulturbereich/literatur

ULRICH SCHRÖDER

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