„Es fällt mir auf, dass die politisch-ideologischen Gedichte vollkommen verschwunden sind“, schreibt Volker W. Degener im Vorwort der von ihm aktuell herausgegebenen Anthologie, die am 9.4. im Kulturhistorischen Museum in der Hattinger Wasserburg Kemnade vorgestellt wurde. Gefördert von der Liselotte und Walter Rauner-Stiftung, versammelt die Textkollektion sechs vielstimmige Lyrik-Neulinge, die im Rahmen einer „begrenzten Ausschreibung“ ins Buch gefunden haben und deren Schreiben von dem vor sechs Jahren in NRW ins Leben gerufenen Postpoetry-Wettbewerb beeinflusst ist. Vier von ihnen präsentierten nach einleitendem Gespräch mit dem Herausgeber Auszüge ihrer lyrischen Arbeit.
Den Auftakt markierte die 1995 in Hamburg geborene Kölner Biochemie-Studentin Charlotte Dresen, deren Text „Noch dunkel schon hell“ auch Pate bei der Titelfindung für die Anthologie stand. Einen – an diesem Sonntagmorgen einzigen – Zwischenapplaus gab es für ihren sehr aktuellen Text „HELLO AMERICA“, in dem ein schreiender „alter Mann“ mit „aufgedunsenem Gesicht […] und kurzer Sicht“ sowie „der Irrsinn seiner Worte“ skizziert wird, bevor Toupets „im Freiflug bis nach Mexiko“ davonfliegen. Von Politikschwund keine Spur – es ließe sich vielmehr die These wagen, die junge Lyrik sei im Post-Politischen angekommen…
Andere Autoren wie der Astrophysik-Student Tobias Bäcker (*1990) wählen eine eher klassische lyrische Formensprache bis hin zum Sonett und entfalten eine experimentelle Wirkmächtigkeit der Sprache – so etwa im Gedicht „Sōma“ über die Folgen der Fukushima-Katastrophe. So auch die preisbelohnten Gedichte des gebürtigen Oberhauseners Alexander Weinstock (*1985), der in Köln lebt. Seinem am Ende der Anthologie platzierten Text „Verkündigung des Sehers“ haftet ein apokalyptisch-visionärer Duktus an: „Es wird ganz still sein. Totenstill.“ Abgerundet wurde das vierköpfige Vortragsensemble von Sarah Marie Meinert (*1995), die wie Weinstock zu den GewinnerInnen des Lyrikwettbewerbs Postpoetry.NRW zählt und auf der Suche nach dem „polarstern in mir“ einen persönlichen Ton trifft, der sehr berührt.
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