Kein Buch muss man von vorne nach hinten lesen. Vor allem dieses nicht. Navid Kermanis Roman „Das Alphabet bis S“ kann man irgendwo aufschlagen, um sich dann festzulesen. In allen Richtungen lässt sich seiner Prosa folgen, gerade weil sie den Ausgangspunkt ihrer Reflexion nie verlässt. Im Grunde handelt es sich hier auch nicht um einen Roman, da seine Erzählerin auf den 600 eng gedruckten Seiten nur eine unwesentliche Entwicklung vollzieht. Die Bezeichnung „Roman“ ergibt sich aus der Tatsache, dass Navid Kermani seine Erzählstimme als die einer Frau ausgibt, er letztlich aber immer als die Person erkennbar bleibt, die er ist.
Genau darin besteht aber die Substanz dieses Buchs, mit dem man nie an ein Ende kommen möchte. Kermani reflektiert unsere Gegenwart. Anlass ist der Tod der Mutter, deren Beisetzung eine Art Klammer bildet, um über Familie, Vergänglichkeit und vor allem über Literatur nachzudenken. Der Titel bezieht sich auf die Bibliothek der Erzählerin, die sie alphabetisch ordnet, so dass sie gleich mit Peter Altenberg beginnen kann. Der eingefleischte Misanthrop Altenberg gibt Anlass, über Geschlechterverhältnisse zu sprechen. Bei Julien Green ist es das Sujet der Heiligkeit, das zum Thema wird, oder bei Helene Hegemann der Gegensatz der Generationen. Dazwischen wird am Rhein gejoggt und über die Hundehalter geklagt. Die Familie mit ihrer Bruchstelle zwischen deutscher und iranischer Welt bleibt stets präsent.
Unendlich viele Linien, die sich auch aus Kermanis Erlebnissen als Auslandsreporter ergeben, durchziehen die kurzen Textabschnitte. Bald ist man verführt, diese Essays wie Pralinés zu sich zu nehmen. Nahrhaft sind sie aufgrund ihres Erkenntnisgehalts. Der ist naturgemäß nicht immer von gleicher Dichte, enthält aber mitunter Passagen, die man nicht mehr vergisst. Wenn Kermani etwa die tiefgreifende Begegnung mit der Realität des Todes während der Leichenwäsche der Mutter beschreibt, oder die Sorge um das verletzte Kind. Dann wieder schenkt er den Banalitäten des Großstadtlebens seine Aufmerksamkeit, im Blick auf Köln versiegt ihm dabei niemals der Stoff. Mit diesem Buch und seinen herrlichen Betrachtungen zur Literatur kann der Winter jedenfalls gerne kommen.
Navid Kermani: Das Alphabet bis S | Hanser Verlag | 592 S. | 32 Euro
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