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Klaus-Dieter Brüggenwerth liest Böll
Foto: Ulrich Schröder

Mythos Ruhrgebiet

29. Juni 2017

Duisburg: Heinrich Bölls Blick aufs Revier – Lesezeichen 07/17

In der Regel am ersten Sonntag im Monat bietet das Lokal Harmonie in Duisburg-Ruhrort einen literarischen Leckerbissen samt Buffet auf Spendenbasis an. Mit dem Portrait „Im Ruhrgebiet“, das Nobelpreisträger Heinrich Böll 1957 verfasste, brachte der Duisburger Künstler Klaus-Dieter Brüggenwerth am 4. Juni eine historisch-literarische Rarität zu Gehör, die in dem vor 60 Jahren vom Fotografen Carl-Heinz Hargesheimer alias Chargesheimer produzierten Bildband „Im Ruhrgebiet“ zu finden ist. „Böll ist hinterher wohl nie wieder hier gewesen“, kommentiert der Vortragende einleitend.

Stets begleitet von einem „Unterton begrifflicher Sprödigkeit“, zeichnet der Kölner ein ungeschminktes Bild von der grauen Realität vor einem halben Jahrhundert: „Es riecht nach Macht – denn Kohle und Stahl sind Macht.“ Jede vierte Großstadt hatte bereits damals ihren Platz in der noch heute am dichtesten besiedelten Region Deutschlands, und seit Beginn der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts war die Bevölkerungszahl hier ums 15-fache gestiegen, während sich die Einwohnerzahl andernorts im Lande im gleichen Zeitraum lediglich verdreifacht hatte. Heinrich Böll charakterisiert die Industrielandschaft, in der „ganze Gebirge unter Tage bewegt“ wurden, als „Welt ohne Frauen“, „schwarz von Kolenstaub“. Immer wieder nimmt der Autor eine differenzierte Außenperspektive ein, indem er der Sicht des Fremden, der die ‚Ruhris‘ für „Verlorene“ hält, eine „giftige Sentimentalität“ gegenüberstellt, die er bei diesen diagnostiziert. Die bereits 1957 einsetzende erste „Kohlekrise“ samt Zechensterben hingegen spielt in Bölls Text keine Rolle.

Eine kritische „Strukturdebatte“ kam vielleicht auch bei der Lesung ein wenig zu kurz – so etwa der auch aus Veranstaltersicht naheliegende Abgleich mit gegenwärtigen Entwicklungstendenzen in der postindustriellen Gesellschaft der Ruhr-Region. Eine interessante Parallele ist jedenfalls, dass Arbeitskräfte bereits in den 50er Jahren aus den Reihen Geflüchteter rekrutiert wurden, die damals vor Krieg und politischer Willkür hierher geflohen waren. Im Steinkohle-Bergbau werden diese künftig jedoch sicherlich nicht mehr arbeiten.

ULRICH SCHRÖDER

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