Wer im Kulturhauptstadtgetöse nach Literatur Ausschau gehalten hat, musste die Augen schon sehr weit aufreißen, um fündig zu werden. Das Literaturbüro Ruhr konnte mit der engagierten Reihe „Mehr Licht!“ auftrumpfen, der bereits ohne Mithilfe der RUHR.2010 GmbH kontinuierlich gewachsene „Mord am Hellweg“ konnte seine blutrünstigen Arme bis weit ins Ruhrgebiet ausstrecken. Doch ansonsten gingen die meisten Literaturveranstalter leer aus, während gelbe Ballons von Zeiten kündeten, in der die Region noch Kohle hatte, und Herbert Grönemeyer eine Hymne schmetterte, die in ihrem auftragsgerechten Kalkül an jeglichem echten Wir-Gefühl vorbeischallte.
Dass die Literaturszene des Ruhrgebietes dennoch äußerst lebendig ist, beweist der nun erschienene Band „Literaturwunder Ruhr“. Das Buch dokumentiert eine Tagung, die bereits Ende 2009 in Bochum stattfand – damals als optimistisches Zeichen der organisierenden Institute und Institutionen, dass das literarische Ruhrgebiet für die Kulturhauptstadt gerüstet ist. Nun, rund ein Jahr nach der Tagung, hat sich an der Situation der Szene, haben sich die Wünsche und Forderungen nicht geändert, hallt weiterhin ungehört der Ruf nach einem literarischen Zentrum des Reviers durch die Buchseiten.
Wo die Sonne verstaubt
Das in Dortmund ansässige Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt rief 2008 eine Tagungsreihe ins Leben, die sich der Ruhrgebietsliteratur widmen sollte. Die Stiftung „Bibliothek des Ruhrgebiets“ in Bochum war bereits an der ersten Tagung in Dortmund beteiligt, zur Organisation der zweiten Tagung, die unter dem Motto „Literaturwunder Ruhr“ stand, kamen zudem die Literarische Gesellschaft Bochum e.V. und das Germanistische Institut der Ruhr-Universität.hinzu. Literaturwissenschaftler, Kritiker, Verleger, Veranstalter, Autoren und Leser trafen zusammen, um gemeinsam dem Literaturwunder Ruhr auf die Spur zu kommen. Rund ein Jahr später liegt nun im Essener Klartext-Verlag das vielstimmige Protokoll dieser Tagung vor.
Bei einem Blick auf die Veranstalterliste wird schnell deutlich, dass ein Teil der Beiträge in erster Linie an ein Fachpublikum gerichtet ist. Insbesondere die als „literarische Verortung des Ruhrgebietes“ klassifizierten Vorträge von Rolf Parr und Thomas Ernst, die sich mit Schaubildern und einer Fülle von Fußnoten der besonderen geographischen und sozialen Struktur des Ruhrgebiets nähern, machen den Einstieg für den „Normalleser“ nicht gerade leicht. Doch schon Jürgen Link, der aufzeigt, warum Heimatliteratur im herkömmlichen Sinne im Ruhrgebiet zum Scheitern verurteilt ist, bringt lebendige Beispiele aus der Literatur. Dass er einen längeren Auszug aus seinem eigenen Roman ins Zentrum seines Vortrags stellt, erschien schon bei der Tagung unschön egoman.
Viel besser als man glaubt
Relativ schmal im Umfang ist eine „Bestandsaufnahme“, die eine junge und eine etablierte Stimme zeitgenössischer Literatur aus der Region präsentiert: Ivette Vivien Kunkels Prosagedicht „These foolish things“, mit dem sie 2006 den Oberhausener Literaturpreis zum Thema „Jazz“ gewann, und auch ihr Jet Set-Text „alles überall“ überzeugen in ihrer Komposition und Dramaturgie. Wer sie damals (oder zu anderem Anlass) lesen gehört hat, vermisst lediglich eine CD-Beigabe bei dem Buch. Von Werner Streletz gibt es als Kostprobe einige Gedichte mit den charakteristischen gescheiterten Existenzen und einen Auszug aus seinem 2008 mit dem Literaturpreis Ruhr ausgezeichneten Roman „Kiosk kaputt“ zu lesen. Im Anschluss unternimmt Ralph Köhnen einen Streifzug durch das Streletzsche Hauptwerk und leitet damit über zu den Beiträgen, die sich mit der aktuellen Ruhrgebietsliteratur, fernab von der Literatur der Arbeitswelt auseinandersetzt: Oliver Uschmann und Frank Goosen, Ralf Rothmann und Marion Poschmann, Wolfgang Welt und Helge Schneider avancieren zu Forschungsobjekten. Dem Aphorismus an der Ruhr wird ebenso nachgespürt wie Comics oder Hörspielen. Dem Phänomen Poetry Slam wird am Beispiel des trailer-Kolumnisten Sebastian 23 auf die Pelle gerückt.
Der Strukturwandel, der die gesamte Region geprägt hat, findet auch seinen Niederschlag zwischen Buchdeckeln. An die Stelle von Arbeiterdichtung ist Pop-Literatur getreten, der Hochofen im Gedicht dient nurmehr als Landmarke, nicht als Symbol für unerträgliche Hitze und Knochenarbeit. Hier wird der Beweis angetreten für die Behauptung der Herausgeber, dass die neue Ruhrgebietsliteratur „aktuell, bunt gemischt, jung und international“ ist. Apropos international: In einem Kapitel wird das Ruhrgebiet als „Heimathafen deutsch-türkischer Odysseen“ entdeckt, die Migrantenliteratur, die im allgemeinen Bewusstsein noch keine Beachtung gefunden hat, anhand einiger Beispiele beleuchtet. Hier hätte sicherlich eine Kooperation mit der deutsch-türkischen Buchmesse Essen noch tiefere Erkenntnisse bringen können, doch hier liegen Chancen für weitere Tagungen.
Zeit, dass sich was dreht
Viele Beiträge rufen, mal offen, mal zwischen den Zeilen versteckt, nach einer literarischen Mitte der Region, nach einem Literaturhaus oder gar einer literarischen Akademie des Ruhrgebiets. Hier geht es nicht allein darum, Autoren des Ruhrgebietes am Abwandern zu hindern. Es sollte vielmehr das Bestreben sein, im Revier einen literarischen Austausch zu fördern, nationale und internationale Literaten einzuladen und für mehr oder weniger lange Aufenthalte zu gewinnen.
Dieses Buch gehört auf die Schreibtische von Kulturdezernenten und vor allem in die Hände derer, die den Götzen der Mega-Events und Zuschauerrekorde huldigen und kein Gespür für lokal gewachsene Strukturen haben!
Gerhard Rupp, Hanneliese Palm, Julika Vorberg (Hg.): „Literaturwunder Ruhr. Schriften des Fritz-Hüser-Instituts für Literatur und Kultur der Arbeitswelt, Bd. 20“, 304 Seiten, broschiert, 28,95 €
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