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lit. Carneval

28. Februar 2011

Wortwahl 03/11

Nä, was geht es dieser Tage wieder jeck zu in den Hochburgen und Möchte-gern- Kapitalen von Jux und Dollerei. Närrische Tollitäten allerorten. Gewandet und verkleidet, um sich unter spaßigem Deckmäntelchen in unverhohlener Frivolität Wams und Mieder vom Leib zu reißen und endlich mal wieder ganz schamlos den sinistren Urfreuden des irdischen Seins zu fröhnen.

Ließe man dies Treiben nüchtern über sich ergehen, würde man sich unweigerlich in eine karnevaleske Version von Guillermo del Torros und Chuck Hogans Vampirthriller „Das Blut“ (Heyne) versetzt fühlen, in dem sich ganz New York ob einer Seuche in willenlose Untote verwandelt. Erst recht, wenn die verfeindeten Fledermausclans unter lautem Helau und Alaaf zum Infight übergehen. Gehetzt und getrieben jagen Amors Ritter und Mariechen von Kaschemme zu Kaschemme, um sich den göttlichen Liebestrank gleich literweise hinter die Binde zu kippen, so dass unweigerlich der Verdacht aufkeimt, die Kneipiers stünden zur fünften Jahreszeit mit einer geheimnisvollen Kraft im Bunde, die ihnen ordentlich das Säcklein füllt.

Sagenumwobene Kapitalvermehrungen rumoren in der Gerüchteküche – und erinnern an die verheißungsvollen Ammenmärchen von einem vorzeitlichen Unwesen, das in Bernardo Fernández‘ „Das Auge des Drachen“ (Suhrkamp) Glücksjägern aller Epochen wie Kontinente den Kopf verdreht und zudem einem greisen Chinesen die Macht über den Alkohol- und Opiumschmuggel an der mexikanisch-amerikanischen Grenze zu verleihen scheint. Doch wen interessiert auf dem Höhepunkt seiner hedonistischen Ausschweifungen schon die Kehrseite von Laster und Zaster. Sollen sich Ellen & Hyper und Irina & Oskar doch ruhig zu viert vergnügen. Einjeder nach seiner Fasson.

Wenn es am Ende von Sophie Andreskys Hard-Core-Drama allerdings heißt „Fuck Your Friends“ (Heyne) und das Gegenseitig-an-die-Wäsche-wollen eine entgegengesetzte Konnotation erfährt, kann sich der gestandene Jeck nur noch vor den Kopf schlagen. Menschenskinder, wofür haben wir denn den Nubbel. Anzünden, die kleinen Verfehlungen einfach in Rauch aufgehen lassen und am Aschermittwoch gehen wir alle zusammen wieder einträchtig Fisch essen.

Aber vorher geben wir dem Pferd auf dem Flur noch einmal flugs die Sporen; ganz so wie es der „Texas Jewboy“ Kinky Friedman in „Zehn kleine New Yorker“ Tiamat, seinem finalen Krimi um den jüdischen Großstadtcowboy und seine Village Irregulars, zu tun pflegt: in alkoholgeschwängerter Lakonie und über Gesetz und Ordnung hinweg. Oder wie wäre es mit einem psychedelischen Ritt auf Thomas Pynchons ultimativer Welle?

Geistig weniger hochtrabend, dafür umso leichtfüßiger und grenzdebiler, eignet sich das letzte Machwerk des Kultautors um einen abgehalfterten Hippie-Detektiv, durchgeknallte Surf-Prolls, einen Donald Duck fetischisierenden Anwalt, ein dentistisches Verbrechersyndikat sowie allerlei andere Manons & Nixons - so ganz nebenbei auch noch als Quell der Inspiration zur nächstjährigen Verschleierung „Natürliche(r) Mängel“ (Rowohlt).

P.S.: Bevor sich der geneigte Leser nun aber dem gemeinen Vorwurf, ich sei eine karnevalistische Spaßbremse, anschließt, muss ich an dieser Stelle noch zu meiner närrischen Ehrenrettung bemerken dürfen, dass ich sehr wohl auch in diesem Jahr wieder durch den kölschen Fasteleer mäandern werde, um dem Nubbel meine ganz persönliche Aufwartung zu machen: als garstiger, in der Nase popelnder Grisgram mit blutunterlaufenen Augen, der frei nach Andy Stanton & David Tazzyman (in Übersetzung von Harry Rowohlt) sämtlichen Zorn infantiler Narretei auf sich vereint: »Sie sind ein schlechter Mensch, Mr. Gum!« Sauerländer. Für Euch doch gerne ;-)

Lars Albat

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