In der Altstadt und vor dem Rathaus Recklinghausens tummeln sich stadtinteressierte Fotografen und Besichtigungstrupps, um die schmuckvoll angestrahlten Gebäude im Rahmen von „Recklinghausen leuchtet 2012“ zu bestaunen. 30 km südöstlich feuern über 600000 Menschen Borussia Dortmund im Spiel gegen Real Madrid an. Zeitgleich spielt Schalke aus Gelsenkirchen in London. Die Kneipen des Potts und die Innenstadt Recklinghausens sind voll - die Altstadtschmiede auch. Ungeachtet der großen Konkurrenz schleicht sich Ruhrpottkind Sträter ohne großes Tamm Tamm auf die kleine Bühne der Schmiede. Eine Leselampe, seine Bücher und seine Mütze hat der zweifache NRW-Slam Gewinner dabei. Mehr braucht er nicht.
Die Begrüßung gestaltet sich jedoch etwas holprig. „Warum sind Sie eigentlich hier an diesem Mittwoch?“, fragt Sträter. „Unterhaltung am Wochenende“, ruft eine Dame. „Hier ist ein ganz junges Mädchen in der ersten Reihe“, bemerkt Sträter. „Wie heißt du?“, schiebt er hinterher. Das vermeintliche Mädchen heißt Leonard und ist fortan so etwas wie der Sidekick des Dortmunder Autors. Anfang „verkackt“, also losgelegt mit dem ersten Text mit dem vielsagenden Namen „Karton“. Sträter erklärt warum er sein Junggesellendasein so schätzt und welch geringen Anforderungen er an eine Beziehung hat. Außerdem lernen die Anwesenden wie man mit Überweisungen von einem Cent SMS-Kosten spart, sofern man die Betreffzeilen des Transaktionsformulars clever zu füllen weiß. Und obwohl Sträter nicht gerade Werbung für eine Partnerschaft mit seiner eigenen Person machte, hatte er das Publikum geschlechterübergreifend auf seiner Seite. Es folgte eine Reise in die wilden 80er, Erinnerungen an Disco-Fox, A-Team und Transformers inklusive. Schnell zurück in die Gegenwart. Wie feiern Ruhrgebietler? „Nudelsalat, Freunde und Kästen voller Bier“. Wie feiern Berliner? „Sie gehen in Clubs und betreiben angesagtes Geldausgeben mit Fremden zu Bands die keiner kennt“.
Überhaupt hat Berlin sowieso keine Chance gegen Hamburg, die zweite Liebe Sträters. Jene Liebe ist es auch, die Sträter, den Autofahrer aus Überzeugung, zur ersten Bahnfahrt seit 25 Jahren trieb. Teuer, eng, unpünktlich etc..Die Deutsche Bahn machte mal wieder alles verkehrt. Auch wenn sich Sträter schon vorher für jenen klischeebehafteten, aber wahren Text entschuldigt, sind jene Zeilen die mit Abstand überflüssigsten an diesem Mittwochabend. Mit der herzrührenden Geschichte über die hindernisreiche Gründung der Band „Don’t tell me one from the horse“ zeigt sich Sträter aber wenig später wieder von seiner besten Seite. Pop-Literat Rocko Schamoni, der Autor des verfilmten Kultromans „Dorfpunks“ ist sicher stolz auf ihn. Das Publikum der Altstadtschmiede war an jenem Abend nicht unbedingt stolz, aber mindestens gut unterhalten.
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