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Kaffeehaus-Lesung à la Melange e.V. – Christoph Rösners lyrisches Weinseminar
Foto: Ulrich Schröder

Kaffeehauskultur und Widerstand

26. Januar 2017

Literarisches aus Datteln, Dortmund und Schwerte – Lesezeichen 02/17

Was haben Swing-Kultur und Widerstandskultur gemeinsam? Eine ganze Menge! Überraschend voll war es am 6.1. im Dortmunder Nordpol, wo eine ungewöhnliche Musikfarbe die Location an der Münsterstraße flutete: Wo ansonsten eher der Punkrock zuhause ist, erklang launige Swing-Musik, die einen spannenden literarischen Vortrag über die Verquickung antifaschistischen Widerstands und Musikkultur in Dortmund Anfang der 40er Jahre begleitete. Mit einem „Swing für Kurt Piehl“ gelang der „Octopus-Bar“ im selbstverwalteten Kulturzentrum hierbei eine wunderbare Hommage an den Dortmunder ‚Edelweißpiraten‘ und Autor. In seinem 1988 als erster Teil einer Trilogie erschienenen Band „Latscher, Pimpfe und Gestapo“zeichnet der 2001 verstorbene Widerstandsaktivist literarisch die Geschichte der Widerstandsgruppe nach.

Die kulturelle Vielfalt der östlichen Ruhrgebietsmetropole dokumentiert auch der seit nunmehr zwölf Jahren bestehende gemeinnützige Melange e.V., der sich als „Literarische Gesellschaft zur Förderung der Kaffeehauskultur“ versteht und sein Büro nicht etwa am Wiener Burggarten, sondern am Dortmunder Rombergpark hat. Mit jährlich um die 150 Veranstaltungen von literarischen Lesungen über (satirischen) Rezitationen, Kabarett- und Chanson-Abenden bis hin zu dramatischen Krimi-Inszenierungen bietet Melange ein breites Spektrum zwischen leichter Muse und Belletristik. Hierbei gehört es zum Selbstverständnis, „Genuss auf mehreren sinnlichen Ebenen“ zu vermitteln – und zwar „in entspannter Atmosphäre bei Wein, Kaffee und Kuchen“. So etwa mit einem 3-Gänge-Menü samt Mord frei nach Edgar Wallace („Das indische Halstuch“) im Rahmen der lukullisch-literarischen Krimi-Dinner-Veranstaltungsreihe „Blut ist dicker als Wasser“ am 7.1. in der ausverkauften Friedenskirche Datteln. „Wir verstehen den Krimi als Theaterstück, das im Wechsel mit der Bewirtung stattfindet“, erläutert Melange-Geschäftsführer Dr. Thomas Eicher das Konzept. Das Publikum interagiert hierbei mit den AkteurInnen, indem Lösungsversuche der Gäste am Ende des Stücks eingearbeitet und originelle Herleitungen verlesen werden, bevor der kriminalistische Plot in der Schlussszene aufgelöst wird.

Auch bei künstlerischen Mischungen ist der Melange e.V. auf den Geschmack gekommen: Am 14.1. gab der Hagener Kabarettist und Rezitator Christoph Rösner unter dem Motto „5000 Jahre Wein in 90 Minuten“ eine Kostprobe der Mixtur von Wein und Poesie im auch kulinarisch hervorragenden Café Herrlich in Schwerte, das fast bis auf den letzten Platz gefüllt war. Bei seinem „lyrischen Weinseminar“ beschreibt Rösner den Winzersaft als traditionelles Kulturgut, was er an der Verbreitung des Rebenanbaus seit der Antike von Mesopotamien und Ägypten aus verdeutlicht. Von weinseligen mittelalterlichen Mönchen spinnt Rösner den Faden weiter bis zu den Absurditäten heutiger Weinproben, bei denen gerne auch mal Wasser für Wein verkauft wird. Dies kulminiert in der Parodie realer Weinverkostungen samt absurder Zuspitzungen eines Heinz Erhardt oder Ror Wolf. Auch die klassische Goethesche Trinkphilosophie kommt ausgiebig zum Zuge: „Das Leben ist zu kurz, um schlechten Wein zu trinken.“ Doch liegt es Rösner fern, den Alkoholkonsum zu glorifizieren – denn: „Unsere Gesellschaft ist so alkoholverseucht, dass wir uns ein Fest ohne Wein gar nicht mehr vorstellen können.“

Literaturszene im Ruhrgebiet: Melange e. V. Dortmund | www.melange-im-netz.de

ULRICH SCHRÖDER

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