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Geschäftsfrau am Rande des Nervenzusammenbruchs: Sandra Hüller in „Toni Erdmann“.
Foto: Presse

„Ich spiele gerne Rollen, die ich selbst erforschen muss“

30. Juni 2016

Sandra Hüller über „Toni Erdmann“, Juryentscheidungen und Improvisationen – Roter Teppich 07/16

Schon in ihrem Kinodebüt „Requiem“ von Hans-Christian Schmid sorgte die 1978 in Suhl geborene Sandra Hüller für Aufsehen. Sie gewann dafür den Deutschen und Bayerischen Filmpreis und wurde auf den Filmfestivals von Berlin, Sitges und Tallinn mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet. Es folgten Rollen in „Brownian Movement“, „Über uns das All“ und „Finsterworld“, die ihr weitere Auszeichnungen und Kritikerlob einbrachten. Ab dem 14. Juli ist Sandra Hüller nun in Maren Ades drittem Kinofilm „Toni Erdmann“ auf der großen Leinwand zu sehen, der bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes die Schlagzeilen bestimmte.

trailer: Frau Hüller, „Toni Erdmann“ hat in Cannes für Begeisterungsstürme gesorgt und am Ende für Unverständnis, weil er bei der Preisverleihung leer ausgegangen ist. Wie haben Sie selbst diese Tage auf dem Festival erlebt?

Sandra Hüller: Die Tage waren sehr ereignisreich, weil wir natürlich viele Interviews gegeben haben. Es war sehr schön und überwältigend, soviel Zuspruch zu bekommen für diese Arbeit. Mir bedeutet es mehr, dass er so viele Leute erreicht hat, als dass auf ihm am Ende der Stempel mit der Palme draufkleben würde, das muss ich ganz ehrlich sagen. Ich finde es nicht schlimm, dass wir nicht gewonnen haben. Ich denke, wenn ich in der Jury gewesen wäre, hätte ich das vielleicht auch so gemacht. Ich weiß natürlich nicht, was die Kollegen in der Jury qualitativ von dem Film gehalten haben, aber wenn ein Film schon so viel Aufmerksamkeit bekommt, dann braucht er so einen Preis vielleicht auch nicht mehr.

Im Film geht es um den Gegensatz zwischen diszipliniertem Karrieretum und ausgelassener Lebensfreude. Sind Sie eher ein disziplinierter oder ein spontaner Mensch?

Beides, je nach Gelegenheit. Ich musste in meinem Leben sehr viel organisieren, deswegen musste ich von Zeit zu Zeit sehr kontrolliert agieren, und ich bin auch sehr froh, dass ich das gelernt habe. Aber natürlich mag ich es auch, wenn Dinge einfach so laufen, aber es gibt nur selten Platz dafür, gerade jetzt, wo der Film eine solche Aufmerksamkeit erhält (lacht).

Maren Ade geht es auch in diesem Film wieder um Peinlichkeiten. War Ihnen irgendetwas peinlich während des Drehs, vielleicht die skurrile Petit-Four-Sexszene mit Trystan Pütter?

Nein, mir war eigentlich nichts peinlich. Ich wage mal zu behaupten, dass die genannte Szene für Trystan Pütter anstrengender war als für mich und peinlicher, wenn es ihm denn peinlich gewesen sein sollte, was ich allerdings nicht glaube (lacht).

Peter Simonischek ist im Film ein wahrer Erzkomödiant. Fiel es Ihnen da nicht mitunter schwer, ernst zu bleiben und sich ein Lachen zu verkneifen?

Wir haben sehr viel gelacht, aber wir haben die Witze natürlich auch sehr oft gesehen und gehört, deswegen war es wohl eher für den Peter und die Maren schwer, sie immer wieder frisch und unverbraucht hinzubekommen, weil wir die Szenen ja sehr oft gespielt haben. Deswegen war es eine große Aufgabe, sie nicht abschleifen zu lassen.

In Maren Ades Inszenierung stimmen wirklich alle Nuancen. Hat sie das durch intensives Proben oder eher durch Improvisationen erreicht?

Es ist im Film wirklich fast gar nichts improvisiert. Wir haben bei den Proben sehr viel improvisiert, und wir haben lange geprobt, mehrere Wochen. Schon der Castingprozess dauerte sehr lange. Dadurch konnten wir schon im Vorfeld sehr vieles ausprobieren. Maren Ade wirkt Abnutzungserscheinungen sehr entgegen, indem sie uns immer neue Aufgaben oder Blickwinkel gibt. Wir haben die meisten Sachen oft gespielt, aber nie dasselbe. Da war es hilfreich, dass Peter Simonischek und ich vom Theater kommen, denn dadurch fiel es uns leicht, den Text sehr unterschiedlich zu behandeln. Dadurch entstehen die Schichtungen und die verschiedenen Farben, die man nun im Film sieht.

Eine tolle Einlage ist auch Ihre Interpretation des Songs „The Greatest Love of All“. Wer kam auf die Idee?

Maren Ade natürlich. Der Song stand so von Anfang an im Drehbuch. Wir haben den mit einem Musiker zusammen bearbeitet, wir haben auch die Tonhöhe verändert, damit ich den singen kann. Dann hat mich Maren in ein Karaoke-Studio geschleppt, damit ich das vor Publikum mal ausprobieren und mich überwinden konnte, das für den Film zu wagen.

Ein Großteil des Films entstand in Rumänien, und Bukarest wird im Film als Stadt der Gegensätze gezeichnet. Wie haben Sie das selbst vor Ort empfunden?

Genau so. Ich finde das sehr treffend, wie es im Film gezeigt wird, ich habe das auch so empfunden, dass es dort ein großes Gefälle gibt zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Rumänien ist nach wie vor ein Land im Umbruch, das sich in dieser neuen Zeit noch finden muss. Das ist nicht einfach und braucht viel Zeit und Geduld.

Konnten Sie sich in Ihre Figur einer Unternehmensberaterin leicht einfinden?

Ich habe nicht das Gefühl, dass ich eine komplette Figur gespielt habe, dazu ist das Material, das wir gemacht haben, zu umfangreich. Ich habe in dem Film mehrere Figuren gespielt, zwar immer im selben Kostüm, aber das waren sehr unterschiedliche Frauen. Deswegen kann ich nicht behaupten, dass ich mich eingefunden hätte. Ich musste mich natürlich einarbeiten in diese Art, mit der Welt umzugehen. Diese Geschäftswelt war mir schon sehr fremd. Ich durfte dort in Rumänien in diesem Umfeld auch eine deutsche Beraterin treffen, was sehr hilfreich war. Aber es ist natürlich auch Spiel und ein Stückweit meine und Maren Ades Fantasie, wobei sie sehr viel dafür recherchiert hat.

Vielen Ihrer Rollen haftet eine Ernsthaftigkeit an, mitunter eine durchschimmernde Verzweiflung. Werden Sie von solchen Rollen angezogen oder ist es umgekehrt?

Ich mag Figuren, die nicht so einfach zu durchschauen sind. Ich spiele gerne Rollen oder begebe mich in Zusammenhänge, die ich selbst erforschen und kennenlernen muss. In diesem Fall war ich mir gar nicht sicher, ob ich das schaffe, weil es hier eine sehr fremde Welt und eine sehr fremde Umgebung war, in der ich mich zurechtfinden musste. Wenn ich weiß, wie etwas funktioniert, dann mache ich das eher nicht, weil mir dann die Herausforderung fehlt.

Gibt es für Sie denn noch konkrete Figuren oder Rollen, die eine Herausforderung für sie darstellen würden?

Was mich schon sehr lange interessieren würde, ist die Figur der Ingeborg Bachmann. Ich kann mich nicht erinnern, sie schon einmal als Figur in einem Film gesehen zu haben. Sie einmal zu spielen, würde mich sehr interessieren, sowohl ihr Werk als auch ihre Person finde ich sehr spannend. Aber ich warte da im Allgemeinen eher auf die Fantasie von anderen Leuten.

Im Moment proben Sie im belgischen Gent für ein Theaterstück. Können Sie uns dazu etwas Genaueres erzählen?

Ja, wir proben für die Ruhrtriennale ein Stück mit Johan Simons, das am 2. September in Marl Premiere haben wird. Es heißt „Die Fremden“ und ist angelehnt an „Der Fremde“ von Albert Camus, den wir allerdings nicht benutzen dürfen. Wir konzentrieren uns auf den Fall Meursault von Kamel Daoud, den algerischen Gegen-Roman auf den „Fremden“ von Camus. Mit vielen Fremdtexten von Nietzsche und Nancy. Wir proben in Gent, weil Johan Simons dort Intendant ist und weil es eine Koproduktion zwischen Gent und der Ruhrtriennale ist.

Interview: Frank Brenner

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