Wenig ist übrig geblieben von der Ursprünglichkeit der einstigen „Neuen Synagoge“ der jüdischen Gemeinde in Essen. Zwar blieb das Gebäude im Zweiten Weltkrieg trotz Bombardement unversehrt, war aber bereits seit dem 9. November 1938 eine Ruine und fungierte so auch nach 1945 lange Zeit als Mahnmal für die Verbrechen der Nationalsozialisten an den Juden. Es ist der richtige Ort, um an ein Ereignis zu erinnern, dass auf den Tag genau 80 Jahre in der Vergangenheit liegt.
Während die Machtergreifung der Nationalsozialisten in der Erinnerungskultur der Essener Bevölkerung kaum verankert ist, ist es die Bücherverbrennung am 21. Juni 1933 dafür umso mehr. Als „Sommersonnenwendfeier der besonderen Art“ beschreibt der Leiter des Hauses der Geschichte/Stadtarchivs Dr. Klaus Wisotzky das so penibel und perfide inszenierte Schauspiel der Nationalsozialisten. Ausgegangen war die „Aktion wider den undeutschen Geist“ von den deutschen Studentenverbindungen. Als Auftakt galten dabei die sogenannten „12 Thesen“, die seit dem April 1933 an den einzelnen Universitäten verteilt und von vielen Zeitungen verbreitet worden waren. In seinem einstündigen Vortrag, der durchaus ein wenig Bildmaterial hätte vertragen können, ging Wisotzky der Geschichte der Bücherverbrennung in Essen auf den Grund. Den Ort des Geschehens, der „Gerlingsplatz“, nimmt Wisotzky dabei als traditionellen Versammlungsort der Essener Arbeiterbewegung ebenso in den Blick wie den damaligen neu eingesetzten Leiter der Stadtbibliothek, Richard Euringer. Dieser galt als einer der bekanntesten nationalsozialistischen Schriftsteller, obwohl, wie von Wisotzky scharfzüngig angemerkt, dessen schriftstellerisches Können eher mäßig war und es ja ferner auch wenig andere nationalsozialistische Schriftsteller gegeben habe. Plausibel legte Wisotzky dar, wie Euringer die Essener Bücherverbrennung als fast schon persönlichen „Befreiungsschlag wider den moralischen Verfall“ ansah. Diese Haltung, so wurde es in dem Vortrag und in der Diskussion mit dem Publikum deutlich, fügte sich ein in Euringers Absicht, die „Vielleserei“ im Deutschen Reich zu beenden.
Viele Autoren, unter anderem Erich Kästner, sahen ihre eigenen Bücher in ganz Deutschland brennen und Heinrich Heine war es, der verlauten ließ, dass dort, wo Bücher verbrannt werden, am Ende auch Menschen brennen. An der Person Richard Euringer, den Wisotzky trotz seiner Taten nur als „kleinen Aktionsposten der Nationalsozialisten“ beschrieb, entfaltet der Stadtarchivar, der die Bücherverbrennungen 1933 als „Feindschaft gegen die Moderne“ beschreibt, die Geschichte eines barbarischen Aktes. 80 Jahre ist es her, seit die Nationalsozialisten die Werke unliebsamer Autoren, die meist aus dem sozialdemokratischen, liberalen und jüdischen Bereich stammten, vernichteten. „Ein Haus ohne Bücher ist arm …“ – was Hermann Hesse einst richtig erkannt hat, wird umso deutlicher, wenn es einen ganzen Staat betrifft, der die Bücher der größten Schriftsteller und Autoren der Zeit als vermeintlich schändliche Literatur verbrennen lässt. Das „Land der Dichter und Denker“ vernichtete einen Teil seiner eigenen kulturellen Identität.
Das Publikum bestand, wie so oft bei derlei Veranstaltungen, lediglich aus Zeitzeugen oder deren Angehörigen. Da diese jedoch in Anbetracht der verstrichenen Zeit immer weniger werden, ist es umso wichtiger, solche Ereignisse im Gedächtnis der künftigen Generationen wach zu halten, damit sich die Geschichte so nicht wiederholt.
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