„DAS sollen Gedichte sein?“ fragt sich der 16- oder 17jährige Christoph Wenzel, als er in der Stadtbibliothek Hamm auf die Zeitschrift Akzente und darin auf Gedichte von Ernst Meister stößt. Mit den Leistungskursen Mathematik und Physik sowie dem Wunsch, theoretische Physik zu studieren, ist er eigentlich auf der Suche nach neueren Ausgaben von „Physik in unserer Zeit“. Der Besuch der Bibliothek soll jedoch zu einem Schlüsselerlebnis für den Zahlenmenschen werden: „Lyrik war für mich seinerzeit der Inbegriff der Langeweile: das starre Formenkorsett mit festen Metren und Reimstrukturen, die geforderte Analyse nach Gehalt und Gestalt, die eindeutige Auflösung von Metaphern…“ Doch was er nun liest, erschüttert diese Schul-Erfahrungen: „Es reimte sich nicht, und: Man verstand ja gar nichts? Meine Entrüstung öffnete Türen, Schleusen, und zeigte mir, was Sprache, was Poesie tatsächlich vermochte: zu infizieren, zu stören, zu irritieren, zu erschüttern.“ Christoph Wenzel ist infiziert, liest nun Trakl, Benn, Celan, beginnt schließlich, selbst Gedichte zu schreiben.
... Ein Skateboard für die gleitende Erinnerung
zwischen Teehaus und Trinkhalle...
Geboren wird Christoph Wenzel 1979 in Hamm und wächst dort im östlichen Ruhrgebiet am Rande einer Zechensiedlung auf. In seiner Grundschulklasse ist er nur eines von vier deutschen Kindern, doch er ist heute noch froh, dass ihn seine Eltern nicht wie viele andere in eine weiter entfernte Schule mit weniger SchülerInnen mit Migrationshintergrund schickten: „Für mich als Kind war es selbstverständlich, Türkisch, Polnisch, Bosnisch, Serbisch in der Schule zu hören Womöglich war dies ein fruchtbarer Boden, auf dem sich eine gewisse Sprachsensibilität entwickeln konnte? Und vor dem Hintergrund von Fremdsprachen, die man selbst nicht spricht und versteht, erscheint einem auch die eigene Sprache immer wieder neu und in einer sehr produktiven Weise auch immer wieder fremd, also neu zu entdecken.“ Dieses Sprachgefühl trägt sicherlich dazu bei, dass Wenzel mit 20 einen ersten Schreibwettbewerb (in eben jener schicksalhaften Stadtbibliothek) gewinnt und von da an regelmäßig in Literaturzeitschriften veröffentlicht.
Und endlich fällt der Kühlturm
in den Blick - ein echtes Glücksgeühl:
Ja das ist Heimat nach den langen Fahrten
Nach dem Abi zieht es Wenzel zum Studium der Germanistik und Anglistik nach Aachen, wo er nun mittlerweile seit über zehn Jahren als „Exilwestfale im Rheinland“ lebt. Hier fühlt er sich zwar auch heimisch, doch er betont, dass das Ruhrgebiet seine erste Heimat ist und bleiben wird: „Ich genieße dieses Gefühl einer fremden Vertrautheit, die mich jedes Mal beschleicht, wenn ich mit meiner Frau ins Ruhrgebiet fahre und sehe, was sich in unserer Abwesenheit in den doch so vertrauten Straßenzügen alles verändert und entwickelt hat. Es lässt einen nicht los!“ – Auch nicht, als er in germanistischen Seminaren Daniel Ketteler kennenlernt, mit dem er gemeinsam seit 2005 die Literaturzeitschrift [SIC] herausgibt: „Daniel stammt aus Ostwestfalen. Das ‚Westfälische’ verbindet uns auf eine Art, man spricht die gleiche ‚Sprache’, hat ein ähnliches Temperament – das einen entgegen aller Vorurteile mitnichten zum Lachen in den Keller gehen lässt.“
Eine neue Heimat aus dem kleinen
Reihenhaus fällst du in die Zechen-
siedlung die Kulissen: Eine Reihe schiefer
Zähne wir trugen die Bergschäden an den Fassaden
Im Gründungsjahr von [sic] erscheint auch Christoph Wenzels erster Lyrikband „zeit aus der karte“ im Rimbaud-Verlag, sein zweiter ist nun fünf Jahre später unter dem Titel „tagebrüche“ im yedermann-Verlag erschienen. Schon im Titel scheint das Ruhrgebiet auf, auch wenn der Autor betont, dass es sich keineswegs um ein Ruhrgebietsbuch handle. Vielmehr klopft er den Begriff aus dem Bergbau auf weitere, poetische und poetologische Sinnzusammenhänge ab: „Da sind zum Beispiel die Brüche in den Tagen, dem Alltag, die Katastrophen über, unter Tage; unter den Tagen, da ist die Nacht; mit aufgerufen wird auch der Steinbruch, aus dem man das Wertvolle (Erz, Kohle, Gedichte) herausschlägt; ebenso der Bruch als Teil eines Ganzen und so vieles mehr.“ Und nicht zuletzt weist er darauf hin, dass es nur der Rotation eines Buchstaben bedarf, um aus „tagebrüche“ das Wort „tagebücher“ zu machen. Es ist dieser genaue, ebenso verspielte wie penible Blick auf die Sprache, der Christoph Wenzels Gedichte prägt, Details, die man bei oberflächlicher Lektüre leicht überlesen könnte, wie zum Beispiel Formulierungen wie „wenn es draußen mal regnet oder schreit“. Seine Bilder sind präzise, die Wortwahl pointiert, im Idealfall entwirft er in wenigen Zeilen beeindruckende Panoramen, erzählt kurze Geschichten oder aber beschreibt das Lebensgefühl (s)einer Generation in den 1980ern. So erinnert er in „THTR“ an einen atomaren Störfall, der sich kurz nach Tschernobyl in Hamm-Uentrop ereignet hat, und beschwört die Atmosphäre der Zeit glänzend hervor: „… zu hause gibt es gemüse in dosen / von bonduelle und becquerel in den wiesen“.
In den Nächten unter den Tagen hebt man in den
Schächten noch
das Glück auf
Doch es ist nicht nur die alte Heimat, die den Wahl-Aachener, der in diesem Jahr ein Arbeitsstipendium der Kunststiftung NRW erhält, in seinen neuen Gedichten beschäftigt. Er führt seine Leser ebenso auf Dünen und Strände, auf nächtliche Autobahnen, den Straßenstrich und nach Berlin. Ein zufällig auf einem Schild aufgelesenes Wort wie „Hydrographie“ setzt seine poetische Maschinerie in Gang, der Sturm Kyrill inspiriert ihn ebenso wie die Krankheitsbilder Heuschnupfen, Migräne oder Tinnitus. Seine augenscheinlichsten Annäherungen an das Ruhrgebiet sind im letzten, „déjà-vu auf raten“ betitelten Abschnitt des Buches zu finden, doch auch in den „korrespondenzen vom bolzplatz“ schwingt die Kulisse der Zechensiedlungen atmosphärisch mit. Im Stollen seiner Zeilen finden sich im Kohlestaub lyrische Diamanten, bereits exquisit geschliffen und funkelnd.
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