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Überredungskunst gefordert
Cartoon: Holtschulte

Feminismus mit Kettensäge

22. Februar 2018

Als ich einmal ein sexistischer weißer Mann war – Thema 03/18 Spielfrauen

„Erschießt mich doch! Warum erschießt mich denn keiner!“ Das ganze Haus hab ich zusammengebrüllt damals. Damals in meiner Studi-WG mit den vier Informatikern. Ich als einziges Mädel, das sich vorm Einzug nichts Böses dachte beim Anblick des immensen Kabelwirrwarrs, das durch das Treppenhaus lief und in den Zimmern verschwand. Bis dann auf einmal aus den Räumen über und unter mir monströse Geräusche drangen. Und mit monströs meine ich: Echt monstermäßig! „Doom“ hieß das Computerspiel, in das ich eingezogen war – ein legendärer Egoshooter, und meine Mitbewohner hatten das Haus in eine permanente LAN-Party-Hölle verwandelt. Die Kabel dienten dazu, ein Multiplayerspiel zu ermöglichen. So war das in den Neunzigern.

Ausweichen konnte ich nicht, also: Sprung ins kalte Wasser. Alias erstellt – mit Blick aufs Diskettenlaufwerk erschien mir Slut passend – per DOS-Befehl das Spiel gestartet und ab gings. Dachte ich. Aber da ging nichts. Zumindest ich nicht. Es passierte so gut wie nichts. Und als ich nach den ersten zwei, drei Stunden fragte, warum denn gar niemand mit mir spielen wollte, hörte ich von meinem Mitbewohner nur die lakonische Antwort: „Ich schieße auf niemanden, der nichts anderes tut als gegen die immergleiche Stelle einer Wand zu laufen.”

Aller Anfang ist schwer, und den Status als Gegner muss man sich erst verdienen. Es dauerte nicht lange, da standen die Freundinnen meiner Mitbewohner um mich herum. Wieso ich sowas blutrünstiges spielen würde. Ich wär doch ein Mädchen. Und überhaupt. Kurze Zeit später saßen sie auch an der Tastatur. Da wir das Schießen nicht drauf hatten, entdeckten wir die Kettensägen. Drei Weiber, ein Kerl – lange lebte der nicht. Und die eigenen Vorbehalte gegen blutrünstiges Gemetzel vergingen auch schnell. Spätestens beim gemeinsamen Rückblick am WG-Küchentisch, wer wen mit welcher Waffe, gib das Nusskati Glas rüber, den Löffel gleich mit.

Während die Mädels nach und nach ausstiegen, blieb ich dabei. Inzwischen waren wir bei „Duke Nukem“ 3D angelangt, wo Polizisten als Schweine und Frauen als Prostituierte dargestellt wurden. Egal, jeder kriegt eine Kugel. Als ich entdeckte, dass man fliegend mit dem Bombenwerfer so gut wie alles platt kriegt, wurde Slut die Königin des Spiels. Nichts war für mich schöner, als wenn ein neuer Spieler mich erst ignorierte, dann tausend von mir verschuldete Tode starb, irgendwann begriff, dass er gegen mich keine Chance hatte, und schließlich das maximale Kompliment äußerte, das für mich überhaupt zu bekommen war: „Naja, für ein Mädchen ganz gut.”

Ich wusste: Ich wäre auch für einen Jungen ganz gut. Ich hatte gelernt, wie man Landkarten liest, wie man strategisch denkt, wie man kaltblütig den optimalen Moment abwartet und was die beste Taktik ist, wenn ein unbekannter, gefährlicher Raum vor einem liegt: nach vorne gucken, aber so schnell wie möglich seitwärts rennen. Ich habe viel fürs Leben gelernt. Gefesselte Frauen zu erschießen, kostet mich kein Wimpernzucken. Ein paar deftige Machosprüche zu kloppen, auch nicht. Hat mich das zu einem kalten Menschen gemacht? Hab ich den Feminismus verraten? Meine Prinzipien geopfert, um einer der Jungs zu werden? Die Füchsin unter Wölfen, die Frau die nach Männerregeln spielt? Kann sein. Meine Antwort ist die einer Gamerin: Regeln machen das Spiel. Nur wer sie kennt, kann sie benutzen. Von ihnen profitieren. Oder sie brechen. Und der Weg dahin kann manchmal verdammt viel Spaß machen.


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Melanie Redlberger

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