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Florian Neuner
Foto: Jörg Gruneberg

Drei Lebensläufe

29. März 2018

Florian Neuner ehrt in neuem Buch Essener Künstlerin Doris Schöttler-Boll – Literatur-Portrait 04/18

„Ein Kampf gegen Krankheiten, die Stadt Essen, drohende Altersarmut. Gegen den Alkohol. Gegen das Vergessen“ – wer hinter dem Buchtitel „Drei Tote“ und diesem äußerst knappen Werbetext einen Ruhrgebietskrimi vermutet, dürfte arg enttäuscht werden von den 112 Seiten, auf denen Florian Neuner drei außergewöhnliche Biografien untrennbar miteinander verwebt. Und auch wenn die Stadt Essen so explizit genannt wird, ist nur eine dieser drei Personen mit ihr – auf tragische Weise – verbunden.

Im Kulturhauptstadtjahr 2010 näherte sich Neuner in seinem „Ruhrtext“ sehr eigenwillig dem Revier: In einem stetigen Fluss aus Gedanken, Beobachtungen, Zitaten lässt er ein Spiegelbild des Ruhrgebiets in all seiner Zerrissenheit und Vielfalt entstehen. Ein faszinierendes Werk, zwischen Reisebericht und historisch-politischer Einordnung, das seinem Objekt sehr nahe kommt, in seiner Sperrigkeit jedoch einen gewissen Durchhaltewillen des Lesers erfordert. Kein Handlungsbogen trägt durch die rund 500 Seiten, eine Dramaturgie ist nicht erkennbar.

Literarische Stadtforschung
Den 1972 in Oberösterreich geborenen Autor und Journalisten verschlug es 2007 ins Ruhrgebiet: „Private Gründe haben häufige Aufenthalte im Ruhrgebiet seit 2002 zur Folge gehabt, zeitweise Wohnsitz in Bochum, später in Essen. Daraus ist ein wachsendes Interesse an der Region entstanden, das in dem Buch ‚Ruhrtext‘ gipfelte.“ Obwohl er als Mitherausgeber wechselnder Literaturzeitschriften („perspektive“ und „Idiome“) tätig ist, pflegt er engere Kontakte zur Szene der Bildenden Kunst als zur Literaturszene. So zeigen auch seine Texte eine Nähe zur Kunst, verweigern sich der Einordnung in literarische Gattungen. Kein Wunder, dass Neuner die Ausstellungen Emscherkunst 2010 und 2013 literarisch begleitet: „Der Kurator Florian Matzner wurde aufgrund des ‚Ruhrtext‘-Projekts auf mich aufmerksam. Im Grunde war das eine Fortsetzung meiner Arbeit entlang der Achse des Emschertals. Ich nenne es literarische Stadtforschung. Die interessanteste Herausforderung war dann, meine ‚Forschungsergebnisse‘ für von mir geführte Rundgänge im Rahmen der Emscherkunst aufzubereiten.“

Drei Künstlerleben
Doch was bzw. wer verbirgt sich hinter den „drei Toten“? Absatzlos verwebt Neuner die Biografien zweier Männer und einer Frau. Er fühlt sich teils in die Personen ein, spricht aus ihnen heraus, teils verortet er sie zeitgeschichtlich. Dabei mäandert er kaum merklich zwischen den drei Charakteren hin und her, die inhaltlichen Übergänge sind so fließend, dass sich lediglich in der Verwendung des Personalpronomens zumindest die Frau von den Männern noch recht leicht unterscheiden lässt, die Sprünge zwischen den männlichen Protagonisten hingegen zuweilen erst im Laufe mehrerer Sätze erkennbar werden. Es sind die Lebensläufe einer Künstlerin, eines Schriftstellers und eines Musikers. Neuner verzahnt diese drei Formen kreativen Schaffens fugenlos ineinander. Möglicherweise lässt sich in detektivischer Kleinarbeit anhand der Verweise auf biografische Eckdaten ermitteln, welche Namen sich hinter den Schicksalen verbergen, in dem Buch werden sie an keiner Stelle genannt. Fragt man den Autor, macht er jedoch kein Geheimnis daraus: „Es handelt sich um die Künstlerin Doris Schöttler-Boll, den Schriftsteller Chris Bezzel und den Musiker Rainer Riehn. Ich stelle die Namen allerdings bewusst nicht in den Vordergrund und erwähne sie auch in dem Buch nicht“, erläutert Neuner, denn ihm geht es darum „Gemeinsames/Generationstypisches herauszuarbeiten: +/- 68er-Generation, Künstler, die noch gesellschaftsverändernde Utopien verfolgt haben…“

Kein Bergmann in der Familie
Von den „drei Toten“ ist Doris Schöttler-Boll diejenige mit starkem Ruhrgebiets-Bezug. In den 1960er Jahren studierte sie an der Ruhr-Uni in Bochum und an der Folkwang-Hochschule in Essen. Nach Jahren in Paris und Bremen kehrte sie in den 1980er Jahren nach Essen zurück. Zunächst als Artist in Residence auf Schloss Borbeck, später wurde ihr durch das Atelier-Vergabegremium des Folkwang-Museums die ehemalige Pestalozzi-Schule in Essen-Steele als Atelierhaus zugesprochen. In den Assoziationsfäden, die Neuner um die Künstlerin herum spinnt, beleuchtet er, wie Schöttler-Boll dieses „Atelierhaus Alte Schule“ zu einem nicht nur über den Ortsteil Steele, sondern weit über das Ruhrgebiet hinaus strahlenden Treffpunkt für die Kunst- und Kulturszene ausbaute. Schöttler-Bolls Enthusiasmus im zermürbenden Kampf gegen kommunalpolitische Windmühlen geriet geradezu zur Selbstaufgabe, das eigene künstlerische Schaffen der Malerin wurde immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Zu einem ersten Zusammentreffen zwischen Neuner und Schöttler-Boll kam es im Kulturhauptstadtjahr 2010 anlässlich eines Vortrags von Jürgen Link. „Unter den im Ruhrgebiet tätigen Autoren ist Jürgen Link mit seinem Roman »Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee« für mich der wichtigste“, sagt Neuner. Ansonsten steht er der hiesigen Literaturszene nicht besonders nahe. Dies zeigt sich deutlich in einer Passage seiner Trauerrede auf Schöttler-Boll, in der er sein Erleben der Szene als kleinkariert und provinziell beschreibt: „Denn meist überwog das Misstrauen die Neugier: Wie kommt jemand, der hier gar nicht aufgewachsen ist und nicht einmal einen Bergmann in der Familie hat, dazu, über unser Revier zu schreiben?“

Sprachkunst – Kunstsprache
Neuner verehrt die Tradition der sogenannten experimentellen Literatur/Neuen Poesie, zum Beispiel der Wiener Gruppe oder des Bielefelder Colloquiums. „Ich spreche lieber von Sprachkunst“, stellt der Autor auch hier die für ihn fließenden Grenzen zwischen Literatur und Bildender Kunst heraus. Das Publikum und die Atmosphäre in Atelierhaus hingegen empfand Neuner als extrem offen und kommunikativ – was er nicht zuletzt an der Person Doris Schöttler-Boll und ihrer Ausstrahlung festmacht. Die Stadt Essen wusste die Bereicherung des kulturellen Lebens durch die Aktivitäten des Atelierhauses offenbar nicht wirklich zu schätzen: Das Gebäude sollte einer lukrativeren Bebauung weichen und auch bei anderen Steeler Themen wie der Schließung des Schwimmbades erhob die Kuratorin ihre Stimme und erwies sich als unbequeme Verfechterin sozialer Gerechtigkeit und Kämpferin für Stadtteilstrukturen. Lediglich ihre schwere Erkrankung hat verhindert, dass Schöttler-Boll seitens der Stadt vor die Tür gesetzt wurde – doch nur einen Tag nach ihrem Tod im Jahr 2015 schuf die Stadt Fakten und tauschte die Schlösser aus. Wertschätzung für künstlerische Arbeit sieht anders aus…

Doch welche Zielgruppe hat der Autor mit einem auf den ersten Blick so sperrigen Buch im Auge? „Ich denke an gar keine Zielgruppe“, erläutert Neuner, „Texte wie dieser sind aber wohl dazu geeignet, ein an Sprachkunst interessiertes Publikum anzusprechen. Im speziellen Fall der »Drei Toten« kommt hinzu, dass Leser sich – unabhängig von der literarischen Gestaltung – für das Buch interessieren könnten, weil sie einen oder mehrere der »Toten« gekannt haben. Zu der Lesung in Essen-Steele im Februar (Buchpräsentation im Stadtgarten Steele – Anmerkung der Red.) hat sich beispielsweise der Kreis eingefunden, der die Veranstaltungen in Doris Schöttler-Bolls Atelierhaus immer besucht hat.“

Florian Neuner: Drei Tote | Verlag Peter Engstler | 112 S. | 16 €

Erscheint in Kürze: Indiome Nr. 11 | u.a. mit einem Werkstattgespräch mit Schuldt, Texten u.a. von Konstantin Ames, Jörg Burkhard, Zsuzsanna Gahse, Mariusz Lata, Jürgen Link, Bert Papenfuß, Waltraud Seidlhofer und Mathias Traxler sowie Graphiken von Angelika Janz, Klever Verlag | 104 S. | 12 €

Frank Schorneck

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