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Lamya Kaddor
Foto: Dominik Ansbach

„Das Gefühl der Ohnmacht dürften ziemlich viele haben“

31. August 2017

Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor über zivilgesellschaftliches Engagement – Thema 09/17 Junge Politik

trailer: Würden Sie sich eher als religiöse oder politische Aktivistin bezeichnen?
Lamya Kaddor: Als religionspolitische Aktivistin wenn überhaupt. Mir geht es aber gar nicht um Religion, sondern um zivilgesellschaftliches Engagement. So ist auch der Liberal Islamische Bund (LIB) entstanden. Die ursprüngliche Idee war, eine Alternative zu den bereits existierenden, eher konservativen Dachverbänden zu gründen. Meinen Mitstreitern und mir war es wichtig, auch dem liberalen Islam eine Stimme zu geben. Und das geht in Deutschland eben am besten, indem man einen Verein gründet.

Welche Ziele verfolgt der LIB?
Es geht weniger um Ziele als um die Vermittlung bestimmter Prinzipien, die unserer Meinung nach den liberalen Islam ausmachen. Das betrifft zum Beispiel die Rolle der Frau, die noch viel gleichberechtigter sein müsste. Wir haben eine Imamin, die ein geschlechtergemischtes Gebet leitet, wir trauen interreligiöse Ehen, konzipieren und führen Präventionsprojekte durch, aktuell gegen Antisemitismus unter Jugendlichen. Wir wollen nicht in einem Elfenbeinturm sitzen, einen zeitgemäßen Islam postulieren und dessen theologische Ableitung erklären. Erst dadurch, dass wir das in die Praxis umsetzen, wird es authentisch.

Warum finden liberal-muslimische Positionen so wenig Gehör?
Das ist doch gar nicht so. Es wurde selten so viel berichtet wie vor dem Friedensmarsch im Juni. Der war übrigens nicht vom LIB organisiert, sondern von Friedensaktivist Tarek Mohamad und mir als Privatperson. Ich habe auch einige konservative Islamverbände mit ins Boot geholt. Die Demo war von Muslimen initiiert, das ist mir wichtig, aber sie war auch für alle Menschen offen. Der Terror bedroht uns alle, deswegen richtete sich der Demoaufruf auch an Muslime und Freunde. Ich mache das als überzeugte Deutsche, die den Rechtsstaat achtet und sich bewusst ein rechtsstaatliches Mittel gesucht hat, um einen Prozess ans Laufen zu bringen. Das ist für mich ein Beispiel zivilgesellschaftlichen Engagements.

Es kamen weniger Muslime als erwartet. Warum ist es so schwierig, MuslimInnen gegen Terror zu mobilisieren?
Das ist schwer zu sagen. Wir wissen nicht, warum sie nicht gekommen sind. Vielleicht haben sie einfach nichts davon gehört. Eine weitere Erklärung ist, dass sich Muslime nicht immer über den Islam oder typisch islamische Themen ansprechen lassen wollen. Vielleicht muss man sie öfters über andere Kanäle adressieren, wie den Sport und andere soziale Netzwerke wie den Beruf. Eben die Kanäle, über die man auch andere Menschen erreicht. Nur 15-20 % aller Muslime in Deutschland sind überhaupt in den islamischen Dachverbänden organisiert. Allein auf Islam zu setzen, um die Aufmerksamkeit aller Muslime in diesem Land zu kriegen, funktioniert eben nicht.

Andererseits haben es alle liberalen Strömungen schwerer als Konservative. Aus dem liberalen Selbstverständnis eines Gläubigen – egal ob Muslim, Jude, Buddhist oder Christ – ergibt sich, dass Religion als Privatsache gesehen wird, eine Sache zwischen Gott und dem Gläubigen. Konservativere Religiöse sind hingegen viel besser vernetzt, setzen viel Ehrenamt ein, machen mehr Geld locker. Sie sind aktiver und somit öffentlich präsenter, stellen sich mit Ständen in die Innenstädte und werben für ihre Religion. Ich spreche hier nicht von den „Lies!“-Ständen der Salafisten; das ist noch mal etwas anderes. Konservative Religiöse mit Missionierungsanspruch sind bereit, mehr Zeit für religiöse Anliegen zu opfern - und das nicht nur im Islam. Denken sie mal an evangelikale Christen oder die Zeugen Jehovas, die auch stark in die Öffentlichkeit drängen.

Das trifft auf Sie nicht zu. Neben Ihrer privaten Religiosität sind Sie als Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin öffentlich präsent.
Draußen bin ich in gewisser Weise eine öffentliche Person von der alle wissen, die ist Muslimin. Eigentlich will ich das gar nicht betonen. Ich weiß aber, dass liberale Positionen anders kein Gehör finden. Ich bin mir bewusst, dass ich dabei ab und zu gegen meine Überzeugung handele: Glaube ist etwas zwischen mir und Gott – aber wenn nicht bestimmte Muslime ihre Stimme erheben, wird das öffentliche Bild des Islams von Fundamentalisten allein geprägt. Das bleibt ein Seiltanz für mich: Wie viel will ich den Islam thematisieren, wie viel muss ich ihn thematisieren? Solange ich für die Islamhasser zu viel Muslim, für die radikalen Muslime zu wenig Muslim bin, ist es aber ok. Was ich tue, ist für mich Beruf und Berufung, ich habe das nicht geplant, bin da durch Zufall und mein Bauchgefühl reingerutscht.

Müsste die Mehrheitsgesellschaft mehr tun, um junge MuslimInnen zu integrieren und für die Demokratie zu begeistern?
Das halte ich für selbstverständlich und an vielen Stellen ist das längst so. Im Leben eines Jugendlichen, der aus einem prekären Umfeld stammt oder der einen Migrationshintergrund hat, Muslim oder Jude ist oder aus anderen Gründen zu einer Minderheit gehört, braucht es andere Menschen, die ihn bestärken. Klassisches Empowerment eben. Ich hatte das Glück, immer wieder solche Menschen in meinem Umfeld zu haben, andere haben das nicht. Deutschland ist längst ein Einwanderungsland und eine Einwanderungsgesellschaft. Es muss selbstverständlich werden, dass wir verschiedene Lebensmodelle von Menschen, die hier geboren sind, als deutsch anerkennen. Wie man jeweils selbst dazu steht, ist eine andere Frage. Ich bin überzeugte Muslimin, für mich wäre der Atheismus nichts. Dennoch käme ich nie auf die Idee, atheistische Jugendliche zu benachteiligen. Leben und leben lassen, das war schon immer meine fest Grundüberzeugung. Allen sollte klar sein, wir wollen in Frieden in einem Land zusammenleben, wo Demokratie und Rechtsstaatlichkeit hochgehalten werden.

Was bedeutet das konkret für die Integrationsarbeit?
Integration ist immer eine Bewegung aufeinander zu. Es heißt immer, ein Recht auf Integration hätten nur die, die sich integrieren wollen. Das stimmt, diejenigen muss man aber dann auch lassen. Wenn die Mehrheit, die Hand ausstreckt, muss die Minderheit sie auch ergreifen. Stattdessen streiten wir darüber, ob und wem wir die Hand ausstrecken sollen, und wer sie besser und wer sie schlechter ergreift. Ich habe 15 Jahre SchülerInnen unterrichtet und kenne die Probleme und auch die Defizite in der islamischen Identität. Das treibt mich um! Ich bin selbst so groß geworden und sehe heute, dass die Probleme weiter bestehen. Es kann doch nicht sein, dass wir in 30 Jahren noch immer dieselben Probleme haben! Es befremdet mich schlicht, wenn einem Muslim, der hier geboren ist und in dritter Generation lebt, gesagt wird, er sei nicht deutsch. Da muss man was tun, finde ich. Nennen Sie mich idealistisch.

Fangen wir bei der Politik an. Was muss da passieren?
Wir brauchen endlich ein Einwanderungsgesetz. Es sollte flankiert sein mit bestimmten Kriterien für gelungene Integration. Es muss überlegt werden, was gefordert, was gefördert wird. Das schafft dann sowohl für die, die einwandern, als auch für die Mehrheitsgesellschaft eine gewisse Sicherheit. Solange es kein Gesetz gibt und wir uns nur über die deutsche Leitkultur streiten, die schon in Bayern und Hamburg nicht dieselbe ist, schwimmt diese Gesellschaft. Sicherheit schafft man nicht mit Kameras und Polizisten allein. Da muss man systematischer ran, indem wir klar verabreden, wie viele Menschen wir aufnehmen wollen, können und wie wir sie im Land verteilen. Politik und gesellschaftliche Akteure müssen da wieder ein ausgewogenes Verhältnis herstellen, irrationalen Ängsten entgegenwirken.

Welche gesellschaftlichen Akteure?
Dazu zähle ich den LIB, aber auch andere Gruppen. Zum Beispiel 12thMemoRise, Datteltäter oder RebellComedy. Sie versuchen, das Bild vom Islam und von Einwanderern an andere Inhalte zu knüpfen. Das ist gut. Minderheiten müssen selbst vehement gegen etwaige Ängste in der Mehrheitsbevölkerung angehen. Solche Initiativen müssen dann gestärkt und gewürdigt werde, auch seitens der Politik. Kanzlerin Merkel etwa müsste öfters ein Bekenntnis zu Minderheiten als festen Bestandteil Deutschlands abgeben. Darauf warten natürlich insbesondere muslimische Deutsche als eine der größten Minderheiten im Land. Denken Sie an den türkischen Präsidenten Erdogan. Der tut selbst aus der Türkei heraus seit Jahren mehr dafür, Deutschtürken zu vermitteln, dass sie angeblich zu ihm gehören würden. Damit wertschätzt er diese Gruppe. Das wäre eigentlich Frau Merkels Aufgabe! Ich würde von ihr auch gerne hören, dass Muslime genauso tadellose, deutsche Staatsbürger sind wie alle anderen und das islamistischer Terror auch Muslime ernsthaft bedroht. Weltweit sind Muslime am schlimmsten vom Terror betroffen. Ich will hören, dass sie genauso die Bundeskanzlerin aller atheistischen Deutschen ist. Bei einem schönen Sommerinterview könnte sie das doch mal genauer ausführen. Nur damit würde sie einem großen Teil ihrer Wählerschaft vor den Kopf stoßen.

Christian Wulff hat 2010 gesagt, der Islam gehört zu Deutschland.
Ja, aber seitdem diskutieren wir über diesen Satz. Es hat schon was von Realsatire, wie unterschiedliche Politiker ihn jeweils interpretieren: Der Islam gehört zu Deutschland! Nein, nur die Muslime gehören dazu! Oder nur bestimmte Muslime. Er gehört kulturell dazu, aber keinesfalls religiös. Muslime gehören erst seit den 1950er Jahren dazu. Nein, schon seit dem frühen Mittelalter... Man kann Muslime nicht vom Islam trennen, das ist doch absurd.

Medien und die Berichterstattung prägen die öffentliche Meinung. Was könnte in er Berichterstattung über den Islam besser laufen?
In den letzten zehn, fünfzehn Jahren ist das differenzierter geworden. Ich habe das Gefühl, Medien, Verlage und Journalisten verstehen allmählich, wie gefährlich es ist, Stimmung gegen eine Minderheit zu machen, die dem islamistischen Terror genauso ausgeliefert ist. Es gibt leider trotzdem noch genug Verlagshäuser die meinen, das Feindbild Islam müsse weiter bedient werden. Medien müssen berichten. Aber wenn ich nur über Missstände berichte, gebe ich den Islamisten Futter, die können das dann für ihre Zwecke verwenden.

Und das wirkt dann auf die gesamte Gesellschaft zurück?
Terroranschläge und wachsende Islamfeindlichkeit – das bedingt sich ja gegenseitig. Je mehr Anschläge, desto mehr Zunder für die Islamfeindlichkeit und desto mehr werden Muslime ausgegrenzt. Das hat ernsthafte Konsequenzen für uns alle. Die junge Fatima oder Ayşe beispielsweise wird die so erzeugte Stimmung zu spüren kriegen und dadurch eine andere Identität aufbauen, als wir uns das wünschen. Denn im Idealfall sagt sie ja „Ich bin religiös, ich bin Muslima, ich habe türkische Eltern, bin hier geboren und ich bin Deutsche“. Das geht auch alles zusammen. Der Islam muss ein normaler, selbstverständlicher Teil der Gesellschaft sein. Als ich vor ein paar Jahren in einer Apotheke von einer Pharmazeutin mit Kopftuch bedient wurde, habe sogar ich mich gewundert. Das ist genau der Knackpunkt. Erst wenn wir uns nicht mehr darüber wundern, dass uns eine Frau mit Kopftuch oder ein Mann mit schwarzer Hautfarbe oder jemand mit Behinderung bedient, sind wir dem Ziel nahe. Schüler haben diese Erfahrungen im Alltag längst. Das muss auch im Berufsleben, beim Einkauf, bei der Ärztin, beim Polizisten normal werden, ohne den Kontext von Terror oder Islamismus.

Verstehen Sie die Frustration junger Protestbewegungen und die radikaleren Methoden, die sie anwenden, um Gehör zu finden?
Natürlich, das spüre ich auch in meiner Arbeit. Ich kriege den organisierten Hass im Netz zu spüren, das frustriert auch. Was machen andere Menschen, die so angegriffen werden und sich nicht wie ich medial äußern können, die sich ohnmächtig fühlen? Das Gefühl der Ohnmacht dürften hierzulande und weltweit ziemlich viele haben. Wir sind alle betroffen. Die einen grenzen sich ab und wollen mit der Gesellschaft nichts mehr zu tun haben, die anderen schweigen. Und eine sehr kleine Gruppe versucht aus dieser Ohnmacht Kraft zu schöpfen und etwas dagegen zu unternehmen.

So wie 12thMemoRise.
Es ist schon ziemlich gewagt, was die da machen. Als Religionspädagogin sehe ich das auch nicht unkritisch. Sie wollen den Schockeffekt nutzen, wachrütteln und zum Nachdenken anregen. Das verstehe ich. Aber da laufen auch kleine Kinder herum und wenn die eine inszenierte Hinrichtungen sehen, ist das meiner Meinung nach zu viel. Kindern kann man nicht erklären, wie der IS den Glauben, vielleicht sogar ihren Glauben, pervertiert hat.

Ich finde aber gut, dass sie sich Gedanken machen, aktiv werden, Dinge verändern wollen. Ich könnte mir solch eine Initiative in Schulen vorstellen für Jugendliche ab 14 Jahren. Als Projekt mit Vorbereitungsphase, einer Theaterperformance dieser fingierten Hinrichtung und einer Diskussion im Anschluss darüber, was das mit einem gemacht hat. Man kann damit arbeiten, aber nicht unkommentiert auf der Straße. Das muss begleitet werden.

Sie selbst wurden wegen Ihrer Arbeit beschimpft und so massiv bedroht, dass Sie 2016 Ihre Lehrtätigkeit an einer Dinslakener Schule vorerst aufgegeben haben. Wie ist Ihre Situation heute?
Ich versuche, das Beste daraus zu machen. Da ich nicht mehr an der Schule unterrichten kann, bin ich zurück an die Uni gegangen. Nun leite ich ein Forschungsprojekt zum Thema Islamfeindlichkeit unter Jugendlichen an der Uni Duisburg-Essen. Dazu gehören qualitative Interviews, quantitative Erhebungen und die Entwicklung pädagogischer Konzepte für Präventionsarbeit, damit Islamfeindlichkeit gar nicht erst entsteht.


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lib-ev.jimdo.com | Der liberal islamische Bund vertritt den Islam als Teil einer pluralistischen Gesellschaft
youtube.com/user/12thmemorise | Gruppe junger MuslimInnen, die sich gegen islamistischen Terror einsetzen

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