Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
24 25 26 27 28 29 30
1 2 3 4 5 6 7

12.630 Beiträge zu
3.852 Filmen im Forum

Mit Literaturpreis ausgezeichnet: Said
Foto: Ulrich Schröder

Aufrechte Literatur

28. September 2017

Unna: Said erhält Felsenburg-Preis – Lesezeichen 10/17

Said heißt im Persischen so viel wie „der Glückliche“. Und glücklich schätzen kann sich der 1947 geborene iranische Exil-Autor, der bereits 1965 nach Deutschland kam und diesen Namen als Pseudonym verwendet: Nach zahlreichen Auszeichnungen – darunter die Goethe-Medaille und das Bundesverdienstkreuz – wurde Said am 10.9. im Rahmen des vom Westfälischen Literaturbüro Unna organisierten Festivals „hier!“ der „Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur“ verliehen. Dauerhafte Themen im Werk des früheren APO-Aktivisten sind Flucht und Exilantentum – so auch in der 2016 erschienenen Gedichtsammlung „auf der suche nach dem licht“, wo er sich zudem kritisch mit dem Koran auseinandersetzt. Vor der Preisverleihung im Nicolaihaus las der Autor in der Evangelischen Stadtkirche Unna aus seinem Lyrikband „Psalmen“ (C. H. Beck 2007). Es ist nicht die Perspektive des Gläubigen, sondern die des Abtrünnigen, welche das Lyrische Ich in den Psalmen einnimmt: „Siehe, oh Herr, ich sing kein Lob auf Dich – ich suche Dich.“ Kurz stockt seine Stimme in der gotischen Hallenkirche, als er fortsetzt: „Nimm die Flüchtlinge auf – weil jede Flucht in Deinem Auge endet.“ Ein berührender Moment. „Nur, wer an Dir zweifelt, sucht Dich.“ Der Autor beendet die literarische Psalmen-Rezitation schließlich – implizit durchaus politisch – mit einer poetischen Preisung der „einfältigen Margeriten, die sich auf jeden Frühling freuen, ohne an den Herbst zu denken und an seine raffgierigen Finger.“

Exilantentum ist für Said auch über das irdische Leben hinaus existenziell: „wo ich sterbe, ist meine fremde“, zitiert der Autor einen weiteren Lyrikband-Titel von 1994 und grenzt seine Diaspora etwa von der Attitüde eines Thomas Mann ab, der selbst 1938 im US-amerikanischen Exil noch behauptete, sein Heimatland in sich zu tragen. Ein Versuch, nach dem Sturz des Schahs von Persien 1979 in den Iran zurückzukehren, scheiterte: „Die Machthaber wechseln – der Terror bleibt.“ Nicht nur auf der Ebene der Nationalität, sondern auch als Künstler stellt der Literat Konzepte von Identität infrage: „Der Autor ist nicht Autor, sondern Gegenstand seiner Poesie.“

ULRICH SCHRÖDER

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Neue Kinofilme

Der Hochstapler – Roofman

Lesen Sie dazu auch:

Zerbrechlichkeit und Schärfe
Mascha Kaléko-Lesung an zwei Orten

Zwischen Tradition und Moderne
Tanya Raab liest in der Dortmunder Jüdischen Gemeinde

Demokratie Stärken – Aber Wie?
Jürgen Wiebicke in der Bücherei Rath in Düsseldorf

Kraft der politischen Liebe
Daniel Schreiber liest im Medienforum des Bistums Essen

Nicht die Mehrheit entscheidet
„Acht Jahreszeiten“ von Kathrine Nedrejord – Literatur 12/25

Power Kid
"Aggie und der Geist" von Matthew Forsythe – Vorlesung 11/25

Allendes Ausflug ins Kinderbuch
„Perla und der Pirat“ von Isabel Allende – Vorlesung 11/25

Inmitten des Schweigens
„Aga“ von Agnieszka Lessmann – Literatur 11/25

Die Liebe und ihre Widersprüche
„Tagebuch einer Trennung“ von Lina Scheynius – Textwelten 11/25

Mut zum Nein
„Nein ist ein wichtiges Wort“ von Bharti Singh – Vorlesung 10/25

Kindheitserinnerungen
„Geheimnis“ von Monika Helfer und Linus Baumschlager – Vorlesung 10/25

Die Front zwischen Frauenschenkeln
„Der Sohn und das Schneeflöckchen“ von Vernesa Berbo – Literatur 10/25

Literatur.