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Argentinische Nachlese

02. November 2010

Wortwahl 11/10

„Hasta la vista, Baby!“ und „Don‘t cry for me, Argentina“ hatte es unlängst noch durch die deutschen Lande geschallt. Mit geradezu lateinamerikanischer Spielfreude waren Jogis Bubies bei der Fußball-WM über Diegos Albiceleste hinweggefegt und hatten die eben noch himmelblau frohlockenden Südamerikaner in ein Tal der Tränen gestürzt. Doch, als wäre dies nicht schon Strafe genug, sollten sich die gepeinigten Verlierer wenig später auch noch auf dem literarischen Freudenfest des Gegners als guter Gast präsentieren. Perfekt war die Demütigung allerdings erst, als Landesfürstin Fernández de Kirchner im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse den Fußballgott Maradona zur literarischen Ikone erhob. In Anbetracht der hierzulande gehegten und gepflegten Unvereinbarkeit von Literatur und „Schönster Nebensache der Welt“ ein gnadenloser Faux pas, konnte sich das hiesige Feuilleton doch eines hämischen Grinsens nicht mehr erwehren. Eines Grinsens allerdings „ohne Hand und Fuß“: Weder ein Pélé, geschweige denn ein Beckenbauer sind je so poetisch besungen worden wie „Die Hand Gottes“ (Berlin) in Eduardo Sacheris Fußball-Tangos.
Sieg und Niederlage, Leidenschaft und Sehnsucht, Liebe und Tod, geradezu masochistisch pflügen die Argentinier durch ihre Emotionen, so dass man nicht in ihrer Haut stecken wollte, als ihnen die Buchpäpste zu guter Letzt auch noch tröstend auf die Schulter klopften: „Gut, der Nobelpreisträger Vargas Llosa ist zwar Peruaner, aber es ist doch ein Sieg für ganz Lateinamerika …“ – „Sí, cláro, und wenn Brasilien 2014 Weltmeister wird, sollen wir das auch feiern!?“ Dabei könnten die „Gauchos“ selbst ohne Borges eine Literatur-Mannschaft mit Weltmeister-Potential ins Rennen schicken: In Ehren ergraute Rebellen wie Ricardo Piglia oder Ernesto Mallo mit der magisch-realistischen Gesellschaftsgroteske „Ins Weiße zielen“ (Wagenbach) respektive der biestigen Aufarbeitung der Militärdiktatur in Form des Krimis „Der Tote von der Plaza Once“ (Aufbau). Neue Leitwölfe wie die allseits gefeierte Claudia Piñeiro, die in „Donnerstagswitwen“ (Union) den Aberwitz einer hinter Maschendraht eingepferchten lateinamerikanischen Upper Class eskalieren lässt, der fintenreiche Guillermo Martínez, der in seinen Erzählungen die „Gewaltige Hölle“ (Eichborn) gesellschaftlicher Absurditäten auf den Kopf stellt, ein strahlender Melancholiker wie Carlos María Domínguez, der zwei verlorene Seelen „Die blinde Küste“ (Berlin) ihrer eigenen Vergangenheit entlang schickt, oder der bissige Haudegen Sergio Bizzio, dessen Protagonist in „Stille(r) Wut“ (DVA) das Gebaren der vornehmen Gesellschaft zu ertragen sucht. Bereichert von einem nie versiegenden Strom hoch versierter Talente, mittenmang der dribbelstarke Ariel Magnus, dessen „Chinese auf dem Fahrrad“ (Hörbuch Hamburg) in das Soho von Buenos Aires entführt, sowie die mit erstaunlicher Finesse gesegnete Lucía Puenzo, deren einstige TV-Kinderstatisten dem deprimierenden „Fluch der Jacinta Pichimahuida“ (Wagenbach) erliegen.
Ein Glückspilz, sollte man meinen, wer als Trainer aus diesem feingeistigen Reservoir schöpfen darf. Von der Presse favorisiert: Rodolfo Enrique Fogwill, in dessen endlich auch auf Deutsch erhältlichem Kultroman argentinische Deserteure als Schmugglercombo den Falklandkrieg in eine skurrile „Unterirdische Schlacht“ (Rowohlt) verkehren. Man könnte es aber auch – wenn schon der Trainer Maradona nicht aus dem Schatten der Lichtgestalt Diego Armando treten kann – mit einem markanten, doch häufig übersehenen Urgestein der literarischen Peripherie versuchen: Raúl Argemí erweist sich geradezu als Meister des „Tango Negro“ (in Anlehnung an den „Noir“), wenn er in „Und der Engel spielt dein Lied“ (Union) Unschuld und Verdammnis einen virtuosen Paso Doble tanzen lässt. Dafür gibt es vielleicht nicht den Nobelpreis. Aber wichtiger ist in Argentinien eh der Gewinn der Fußball-WM.


Lars Albat

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