Upps!? Schon wieder vier Lichtlein an und schon wieder vergessen, mal früher an die Weihnachtspräsente zu denken (geschweige denn mal zwischendurch der feinsinnigen Kunst des Schenkens zu frönen). Aber vielleicht helfen die diesjährigen Last-Minute-Tipps aus der Bücherwelt nebenbei auch diesem Übel auf die Schliche zu kommen.
Belletristik: Philip Teir: „Winterkrieg“ [Blessing]: Vom Verlust der Verlustierung. Materielle Sicherheit und die Vergötterung der Individualität erweisen sich in diesem scharfsinnigen Gesellschaftsroman à la Richard Yates als Totengräber der genussvollen Intimität. / Franz Dobler: „Ein Bulle im Zug“ [Tropen]: Auf dem Dampfross. Nachdem er fatalerweise einen Kollegen erschossen hat, wird ein Kommissar zum Hobo, um auf seiner ziellosen Zugreise durch Deutschland Licht in sein Dunkel zu bringen und gleichzeitig den tödlichen Zwischenfall hinter sich zu lassen. / Wolfgang Schweiger: „Duell am Chiemsee“ [Pendragon]: Ein Wolf im Schafspelz; und das gilt nicht nur für den Helden, der seine Rockervergangenheit hinter sich geglaubt hat, sondern auch für den Roman, der nur oberflächlich als idyllischer Lokalkrimi rüberkommt.
Sachbuch: Carl Hoffman: „Tödliches Paradies“ [Bertelsmann]: Ein Sachbuch wie ein Thriller. Ein „Dangerseeker“ begibt sich in die „Hölle West-Neuguineas“, um unter Kannibalen und Kopfgeldjägern den mysteriösen Tod Michael Rockefellers aufzuklären. / Daniel Defoe: „Libertalia. Die utopische Piratenrepublik“ [Matthes&Seitz]: Radikaler Wagemut mit ‚Ansteckungsgefahr‘. Der Augenzeugenbericht aus dem 18. Jahrhundert lässt die basisdemokratischen Sozialvorstellungen der Wegelagerer der Meere aufleben. / Ute Mahler (Text: Sibylle Berg): „Zusammenleben“ [HatjeCantz]: Menschliche Fassaden hinter der Mauer. Cool und sensibel zugleich entpuppt sich der DDR-Fotozyklus der Autorenfotografin als erinnerungs- wie denkwürdiger Spiegel privater Interaktion, in dem die Geschichte das Szenenbild stellt.
Popkultur: Jonathan Lethem: „Talking Heads – Fear of Music“ [Tropen]: Ein Album anstelle meines Kopfes. Der Untertitel macht bereits deutlich, mit welch brachialer Inbrunst wir uns (zumindest in der Jugend) popkulturellen Meisterwerken hingeben. Alles, jedes einzelne Detail erhält eine Wichtigkeit/Bedeutung, die von nun an unser Leben bestimmt; bei dem 79er-Geniestreich der New Yorker Band natürlich völlig zu Recht. / Leonard Cohen: „Almost Young“ [Schirmer/Mosel]: Bewegende Bilder von der poetischen Kraft eines begnadeten Musikers. Eigentlich wollte er Schriftsteller werden, doch der überraschende Erfolg einiger vermeintlich dahingeklampfter Songs machten ihn zum heutigen Grandseigneur unter den Singer/Songwritern. / Max de Esteban: „Heads Will Roll“ [HatjeCantz]: Mal durchzogen von prostierend-harten Gitarrenriffs, dann wieder sich melancholisch in postnuklearen Soundscapes verlierend. Beim Anblick der grandios komponierten Fotocollagen gerät man unweigerlich in einen Sog, der an opulente technoide Industrial-Hymen erinnert, um sich mit dem Schlussakkord eingestehen zu müssen, dass man selber längst der multimedialen Überfrachtung erlegen ist. – Zeit, runterzubremsen. Vielleicht klappt‘s dann nächstes Jahr auch früher mit den Geschenken.
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