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Durch künstliche Maske gealtert: Jürgen Prochnow in „Remember“.
Foto: Film

„Jetzt weiß ich, wie ich in 20 Jahren aussehe“

22. Dezember 2015

Jürgen Prochnow über „Remember“, „Die dunkle Seite des Mondes“ und Wolfgang Petersen – Roter Teppich 01/16

Er ist einer der wenigen Deutschen, die schon seit Jahrzehnten auch im internationalen Film Erfolge feiern: Der 1941 in Berlin geborene Jürgen Prochnow dreht seit seinem Durchbruch als Kapitän in „Das Boot“ regelmäßig in Hollywood, hat dort in Klassikern wie „Der Wüstenplanet“, „Der englische Patient“, „Air Force One“ oder der Fernsehserie „24“ mit Kiefer Sutherland mitgewirkt. Im neuen Jahr kann man ihn nun direkt in zwei neuen Produktionen auf der Leinwand erleben. Für „Remember – Vergiss nicht, dich zu erinnern“, der am 31. Dezember anläuft, musste er zwanzig Jahre altern. In der deutschen Martin-Suter-Verfilmung „Die dunkle Seite des Mondes“ (Start: 14. Januar) ist er an der Seite von Moritz Bleibtreu zu sehen.

trailer: Herr Prochnow, waren Sie nicht zunächst irritiert, dass man Sie für die Rolle in „Remember“ in Erwägung gezogen hat, für die Sie ungefähr 20 Jahre zu jung sind?

Jürgen Prochnow: So ist es. Aber ich habe gedacht, dass es mit den Mitteln, die den Special-Effects-Maskenbildnern heute zur Verfügung stehen, möglich sein müsste. Ich habe das Drehbuch gelesen und den Regisseur Atom Egoyan getroffen und war von der spannenden und ungewöhnlichen Geschichte über den Holocaust begeistert. Egoyan ist ein reizender, sehr höflicher und sensibler Mann. Nach unserem Treffen sagte er mir aber zunächst ab, weil ich zu jung für die Rolle sei (lacht). Denn eigentlich wollte Egoyan nicht mit Spezial-Makeup arbeiten, weswegen er für die Rolle Günter Lamprecht besetzte. Davon wusste ich nichts, bis bei mir wieder das Telefon klingelte und man mir mitteilte, dass der Darsteller krank geworden sei und ob ich nicht noch Lust hätte, die Rolle zu spielen. Es tat mir furchtbar leid, dass Günter krank geworden war, aber ich habe mit Freude zugesagt, bin nach Kanada geflogen und habe dann mit einem Special-Effects-Maskenbildner in Toronto zusammen mein Makeup entwickelt. Nach einigen Probeaufnahmen waren alle zufrieden und ich habe mich dann gesehen, wie ich in 20 Jahren aussehe (lacht).

Hatten Sie zuvor schon einmal eine derart aufwändige Makeup-Prozedur über sich ergehen lassen müssen?

Ja, ich habe schon einiges hinter mir. Bei „Der Wüstenplanet“ von David Lynch wurde von mir ein Bodycast gemacht, also der ganze Körper in Gips gegossen. Mit meinem Kopf hat man das schon häufiger gemacht. Da steckt dann alles in Gips, und es sind nur noch die Nasenlöcher frei, damit man durch einen Strohhalm oder so atmen kann. Das ist irgendwie gespenstisch, aber damals wurde so der ganze Körper abgenommen. Aber jetzt habe ich mich auf diese Weise zum ersten Mal in einen älteren Menschen verwandelt.

Kannten Sie Arbeiten von Atom Egoyan, bei dem es sehr häufig um das Erinnern an humanitäre Katastrophen geht, schon im Vorfeld?

Ich kannte beispielsweise „Ararat“ über den Genozid an den Armeniern, und ich finde er ist ein wunderbarer Regisseur und die Begegnung mit ihm war einfach großartig.

Es ist sehr ungewöhnlich, das Thema Holocaust mit den Mitteln des Spannungsfilms aufzugreifen...

Ich finde, dass das wunderbar funktioniert. Wir haben den Film in Venedig vorgestellt und haben bei der Premiere vom Publikum stehenden Beifall empfangen, bestimmt zehn Minuten lang. Man hat gemerkt, dass der Film den Zuschauern sehr gefallen hat. Ich finde auch, dass er perfekt gemacht ist. Er hat einen grandiosen Hauptdarsteller,Christopher Plummer spielt hier einen wunderbaren Charakter. Und er hat auch noch die Kraft dazu! Ich wünsche mir, dass ich mit 86 Jahren auch noch so fit bin, um so eine Rolle durchzustehen. Jeden Tag vor der Kamera, zwei Monate lang von morgens bis abends – diese Kraft und Konzentration muss man in diesem Alter erstmal haben. Auch Schnitt und Musik sind bei dem Film grandios aufeinander abgestimmt.

Christopher Plummer ist Oscar-Preisträger und Filmlegende. Ist es angesichts Ihrer vielen Hollywoodeinsätze überhaupt noch etwas Besonderes für Sie, auf so jemanden zu treffen?

Es ist toll, wenn man mit so jemandem zusammenspielen kann! Es erleichtert die Arbeit natürlich ungeheuerlich, wenn ein Mann von solch einer Klasse der Partner ist, das ist etwas ganz Wunderbares. Das hat mich sehr beeindruckt, aber auch sehr gefreut.

Einige Jahre lang hat man Sie selten auf der Leinwand gesehen, da waren Sie mit einem Theaterstück auf Deutschlandtournee, nun kommen innerhalb weniger Monate gleich mehrere Filme von Ihnen ins Kino. Was sind Ihre Auswahlkriterien und wie entscheiden Sie sich für welches Medium oder welche Bühne?

Am wichtigsten ist mir natürlich immer zunächst das Drehbuch, das ich lese, und damit verbunden die Rolle, die mir darin angeboten wird. Aber dann ist mir sicherlich auch noch wichtig, wer das Projekt macht und wer sonst noch dabei ist. In den letzten dreißig Jahren habe ich ungefähr alle zehn Jahre mal wieder Theater gespielt, weil ich mir selbst dadurch beweisen wollte, dass ich noch dazu in der Lage bin. Ich komme ja vom Theater, und das war für mich lange Zeit meine Hauptbeschäftigung und mein Beruf. Filmschauspieler wurde ich erst viel später. Beim Film muss man die Figur in der Vorbereitung schon parat haben. Wenn dann gedreht wird, dann ist die Figur in einer Befindlichkeit in der Entwicklung des Charakters, meinetwegen in der Mitte oder am Ende oder am Anfang, und man hat keine Möglichkeit, diese Figur dann noch zu entwickeln. Man spielt diesen Augenblick, der für die Figur in diesem Moment maßgeblich ist, vor der Kamera in einem bestimmten Entwicklungsprozess der Geschichte.

Ist für Sie das Theaterspielen dann anstrengender, weil man nichts mehr variieren kann und alles für den Abend der Aufführung perfekt sitzen muss?

Das würde ich so nicht sagen, nein. Bei „Remember“ oder bei „Die dunkle Seite des Mondes“, aber auch bei „Kundschafter des Friedens“, den ich gerade abgedreht habe, waren das für mein Alter sehr große körperliche Herausforderungen. Auseinandersetzungen, Kämpfe, Showdowns waren körperlich zum Teil sehr anstrengend.

Bei „Die dunkle Seite des Mondes“ hat man Sie auch wieder als Antagonisten besetzt. Ärgert es Sie manchmal, dass Sie so häufig für diese zwielichtigen Figuren gecastet werden?

Überhaupt nicht. Ich schaue immer, ob die Rolle interessant ist und ob sie mir gefällt. Das war hier der Fall. Blank, Moritz Bleibtreus Rolle, konnte ich sowieso nicht mehr spielen, dafür bin ich zu alt. Aber meine Rolle empfand ich durchaus als reizvoll. Generell ist es im Film so, dass die Hauptrollen zumeist an jüngere Charaktere vergeben werden, weil über diese die Geschichten erzählt werden. Die älteren sind dann eher, so wie in diesem Fall, die Antagonisten. Es ist selten, dass wie bei „Remember“ die Hauptrolle mit Christopher Plummer, einem über 80-jährigen, besetzt ist.

Seit Jahrzehnten stehen Sie schon beiderseits des Atlantiks vor Film- und Fernsehkameras. Was hat sich Ihrer Meinung nach dabei am meisten verändert?

Die Umstellung auf digitale Kameras fällt mir hier als erstes ein, daran musste man sich als Schauspieler erst einmal gewöhnen. Das ist ein grundsätzlich anderes Arbeiten, besonders wenn es schnell gehen soll. Das Vorbereiten auf eine Einstellung, die auf Film gedreht wurde, war etwas gänzlich anderes. Beim Fernsehen lässt man die digitale Kamera oftmals einfach mitlaufen, oder beginnt eine nicht ganz gelungene Szene einfach von der Mitte ab noch einmal neu, denn das Material kostet ja nichts mehr. Ein anderes Beispiel: Ich habe mit Wolfgang Petersen 1972 einen „Tatort“ gedreht, da hatten wir ca. 35 Drehtage zur Verfügung. Damit kamen wir aber nicht ganz hin, sondern mussten noch um zwei oder drei Tage verlängern. Heutzutage muss so etwas insgesamt in 19 Drehtagen fertig sein. Es wird heute also wesentlich schneller gearbeitet – ob besser, weiß ich nicht (lacht).

Petersen war am Beginn Ihrer Karriere sehr wichtig und hat Ihnen dann mit „Das Boot“ auch zum internationalen Durchbruch verholfen. Sind Sie denn noch nach wie vor in Kontakt mit ihm?

Ja, wir sehen uns häufiger, wir sind ja befreundet und haben doch einiges zusammen erlebt. Ich habe durch ihn damals den Geschmack am Filmschauspieler gefunden, das hat er mir durch die Art und Weise, wie er Regie geführt hat, eigentlich erst vermittelt. Er hat mir damals die unterschiedlichen Vorbereitungsweisen erklärt, warum man Großaufnahmen braucht und was man mit ihnen erreicht. Mir war das am Anfang als Theaterschauspieler alles viel zu langweilig. Die langen Wartezeiten zwischen den kleinen Schnipseln, die man dann von einer Figur drehte, haben mir überhaupt nicht gefallen. Petersen hat in mir das Interesse an der Filmschauspielerei geweckt, da verdanke ich ihm sicherlich sehr viel.

Interview: Frank Brenner

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