Endlich wieder Komödienzeit. Doris Dörrie trägt den KI- und Automatisierungswahn ans Pflegebett, während Alejandro González Iñárritu ausgerechnet mit Tom Cruise den Abgesang der modernen kapitalistischen Welt managt.
Doris Dörries neuster Film „Frau Winkler verlässt das Haus“ zeigt die große Schauspielerin Angela Winkler wieder in einer Titelrolle, in der sie sehr überzeugend eine alte Frau spielt, die in einer nahen Zukunft lebt. In dieser Zukunft haben KI-gesteuerte Roboter viele Aufgaben der Menschen übernommen. Doch Frau Winkler traut diesen Wesen nicht, auch wenn sie für Erleichterung im Alltag sorgen – wie etwa ihr Kühlschrank, der von jedem Lebensmittel das MHD kennt. „Wer bin ich, wenn mir keiner zuschaut“? fragt sich Frau Winkler, die zuhause vereinsamt. Eine alte Frau ohne Gesellschaft, ohne Freund:innen, denn die sind alle bereits vor ihr gestorben. Sie möchte gesehen werden, weshalb sie ein morgendliches Ritual aus dem Aufziehen ihrer Vorhänge macht. Ein Mensch im Haus gegenüber könnte es wahrnehmen. Eines Morgens stürzt Frau Winkler während dieses Rituals, bricht sich die Knochen und wird zum Pflegefall. Ihre Tochter Emi (Laura Tonke) bestellt kurzerhand einen Pflegeroboter, der sogar Tschechow zitieren kann. Und bald wird Frau Winklers Leben tatsächlich lebenswerter. Dörrie greift wieder einmal aktuelle Fragen auf, und bietet Lösungen, jedoch ohne zu werten. Und der Roboter Pawlow macht einen hervorragenden Job.
Digger Rockwell (Tom Cruise), reichster und mächtigster Mann der Erde, erfährt, dass seine einträgliche Methan-Quelle in Grönland explodiert ist. In der Folge treibt ein gigantischer Eisberg gen Europa und droht, in nicht endender Kettenreaktion die Welt, wie wir sie kennen, zu zerstören. Die Gesundheit seiner ramponierten Perserkatze Maggie geht vor, aber Digger und seine Halbschwester Emma (schon wieder famos: Sandra Hüller) müssen sich eingestehen: Hier ist nicht bloß die Menschheit in Gefahr, sondern auch das Kapital! Während Diggers Nachhaltigkeitsbeauftragter Dr. Ganesh (Riz Ahmed) nachhaltig in die Schranken verwiesen wird, steht schon bald der US-Präsident (John Goodman) samt Krisenstab und Pfarrer in Diggers Residenz. Und so wird munter Menschheitsgeschichte geschrieben. Ein Glück: Der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu kehrt ins Kino zurück - und liefert eine sagenhafte Satire. Nicht nur ein starkes Drehbuch (Iñárritu ist einer von vier Autor:innen) und eine grandiose Jonglage mit den narrativen Ebenen überzeugen. „Digger“ ist auch durchweg eine fantastische Performance der Akteure, die sich durch phantastische Bauten (Dennis Gassner) bewegen, getragen von einem tollen Score aus stimmungsvoll waberndem Blubber-Elektro bis hin zum akzentuierten Knartzer (Bryce Dessner). Ein Volltreffer!
Alle Neustarts der Woche unter: Neu im Kino.
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